Sexuelle Lehrjahre in der Provinz – John Updikes erotischer Bildungsroman „Landleben“ bereitet würzige Essenzen auf

Von Bernd Berke

Ach, das wird wohl ein beschauliches Buch sein. wenn es schon „Landleben“ heißt. Sanftes Dasein im Einklang mit der Natur, milde Lüftchen des Lebens. Doch wenn John Updike der Autor ist, sieht die Sache etwas anders aus.

Mit „Landleben“ (Originaltitel „Villages“) legt Updike einen mächtigen Gegenentwurf zur Erotik der Metropolen vor. Statt „Sex and the City“ und dergleichen gibt’s hier würzige Essenzen des geschlechtlichen Treibens in der amerikanischen Provinz.

Der in Kindheit und Jugend (1930er/40er Jahre) arg verklemmte Owen Mackenzie wächst etwas ärmlich aber behütet in einem Nest bei Philadelphia auf. Die bösen Großstädte liegen weit hinterm Horizont, noch ferner dröhnt der Zweite Weltkrieg. Auch Owens weitere Biographie wird von kleinen Orten bestimmt, in denen die Zumutungen der Zeit nur gedämpft ankommen. Dennoch schleicht sich existenzieller Grundschmerz in den Alltag.

Am Beginn des Romans ist der Mann bereits 70 Jahre alt und hält Rückschau. Gleich sechs von 14 Kapiteln tragen den Titel „Kleinstadt-Sex“. Einzelkind Owen entdeckt die saftigen Freuden des Lebens zögerlich, dann aber gründlich. Ausgiebig erfahren wir von seinen ersten Petting-Versuchen in Autos. Als Student in Boston (einzige Großstadt-Episode) himmelt er Phyllis an, die als mathematisch hochbegabte Professorentochter unnahbar über allem zu schweben scheint. Sie wird seine Frau, gibt ihre Karriere auf. Beide haben vier Kinder. Und Owen gründet Computerfirma, die nach der Lochkarten-Ära erste Programme austüftelt.

Seine Qualitäten sprechen sich bei den Frauen herum

In den überschaubaren Zirkeln der Kleinstadt (Gartenpartys, Kinderfeste usw.)sammelt sich allseits Ehefrust. Reihenweise drängen sich vernachlässigte Frauen an Owen heran. Typisch Provinz: Mit jeder Affäre sprechen sich seine Qualitäten hinter vorgehaltener Hand herum, was ihm wiederum neue Damen zuführt.

Er lässt nichts anbrennen, zumal er ein „Forschungsprojekt“ verfolgt: Warum lassen sich Frauen überhaupt mit Männern ein? Nun, jede gibt ihm – ganz sinnlich – ihre ureigene Antwort. Und er begreift: Man muss einander nicht einmal sonderlich mögen, um tollen Sex zu haben. Es triumphiert die Biologie, die einfache Wahrheit der Körper. Kurzum: Owen absolviert in diesem fulminanten erotischen Bildungsroman seine verspäteten Lehrjahre – erst recht, als die freimütigen 1960er sich auch in entlegenen Winkeln auswirken.

So kennt man ihn: Updike schildert sexuelle Praktiken bis zur Neige. Doch als weltweiser Romancier stellt er die kleinen Ausschweifungen in große Zusammenhänge. Der Fraß der Zeit wird spürbar, wenn die Software-Entwicklung über Owens Firma hinwegbraust, oder wenn riesige Malls die Drugstores verdrängen. Melancholie erfasst auch die erotischen Eskapaden – bis Owen mit seiner zweiten Frau Julia illusionslos das sanfte Nachglühen einstiger Begierden genießt.

Noch mehr könnte man schwelgen, wäre das Buch nicht streckenweise so staksig übersetzt. Die Sprachebenen werden mitunter geradezu lachhaft vermengt. Da widmen sich diverse Damen in klinischer Diktion der „Glans“ (Eichel) des Probanden Owen, um sogleich danach nur noch lechzend vom „Ficken“ zu stammeln…

John Updike: „Landleben“. Roman. Rowohlt-Verlag, 414 Seiten, 19,90 Euro.

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  • ZUR PERSON

Kindheit auf einer Farm

  • John Updike wurde am 18. März 1932 in Reading (Pennsylvania / USA) als einziger Sohn eines Lehrers geboren und wuchs auf einer abgelegenen Farm auf.
  • Sein erstes Buch veröffentlichte er 1958. Es war ein Gedichtband.
  • 1959 kam sein erster Roman („Das Fest am Abend“) heraus.
  • Besonders bekannte Werke: „Hasenherz“ (1960), „Bessere Verhältnisse“(1981), „Rabbit in Ruhe“ (1990) und „Such mein Angesicht“ (2002).

 

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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