Die Wut des Dichters auf die ganze Welt – Neu im Kino: „Brinkmanns Zorn“

Von Bernd Berke

Ein Mann rennt rastlos umher und brüllt den Himmel an wie ein Berserker: „Elender gelber Scheiß-Himmel“. Und so weiter. Minutenlang. Mit stetig wachsender Wut.

Das ganze Dasein widert ihn an. Besondere Hasstreue fesselt ihn an seinen Wohnort Köln und all die „Fressen“, die er dort erblickt. Auch die Straßen und Häuser findet er unerträglich. Und überhaupt.

Mit ähnlichem Furor hat er die Unwirtlichkeit der Welt in seinen Texten beschworen. Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) hat nicht nur fulminante Bücher wie „Westwärts l & 2″ hinterlassen, sondern auch stapelweise Tonbänder, auf denen er seine Leiden ausgespien hat. „Brinkmanns Zorn“ heißt der Film, der sich anmaßt, nachträglich in sein Hirn zu kriechen.

Basis sind die Tondokumente, die Brinkmann 1973 und 1975 einsam am Schreibtisch oder bei ziellosen Gängen aufgenommen hat. Wir hören also seine wirkliche Stimme: Lippensynchron agierende Darsteiler verkörpern ihn, seine Frau und den sprachbehinderten kleinen Sohn Robert.

Eckhard Rhode als Brinkmann wirkt bestürzend authentisch. Der große Unduldsame bewies nur dann Langmut, wenn er seinem Sohn das Sprechen beibringen wollte. Doch als er nur noch zürnte, verließ ihn die Frau und nahm das Kind mit.

Mit Brinkmann irrt der Zuschauer durch die wirren 70er Jahre. Der wilde Blick der Kamera krallt sich oft an mikroskopischen Details fest. Jede Kleinigkeit kann hier den Zorn auslösen. Sogar die seltsam verwaschenen Filmfarben jener Zeit hat Regisseur Harald Bergmann erzeugt. Eine innige Rekonstruktion also, die den Zuschauer tief hinein zieht – und zugleich radikal wegstößt.

Der rasende Wildwuchs der Bilder entspricht einer Flüchtigkeit, die irgendwie hinaus will aus der Welt – wie der Autor, dem auf Erden kaum zu helfen war. Oder etwa doch? In England hat er sich 1975 offenbar beruhigt. Mit anrührender Zuneigung sprach er über Cambridge und London. Umso schmerzlicher: Nach einer Lesung wurde er dort von einem Auto überfahren.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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