Das Leben als Mutprobe – zum 100. Geburtstag von Ernest Hemingway

Von Bernd Berke

„Es ist nicht schlimm“, sagte er. „Und Schmerzen machen einem Mann nichts.“ – Ein Zitat aus „Der Alte Mann und das Meer“. Der Tonfall ist unverkennbar. Punkt, fertig, keine Debatten. Keine Weicheier-Fragen wie „Wann ist der Mann ein Mann?“ Der Schriftsteller Ernest Hemingway hätte wohl schlicht geantwortet: „Immer.“ Und er hätte zur Bekräftigung den nächsten Whisky gekippt.

Dieser Kerl von altem Schrot und Korn wurde heute vor 100 Jahren in Oak Park (US-Staat Illinois) geboren. Die tonangebende Literaturkritik urteilt inzwischen sehr nüchtern über ihn. Maureen Dowd, Starkolumnistin der „New York Times“, behauptete gar: „Hemingway war schon eine Parodie seiner selbst, als er starb“. Und: „Zusammen mit anderen Macho-Schriftstellern wie Jack London, Irwin Shaw und Norman Mailer ist sein Werk aus der Mode gekommen.“ 1950 hatte im selben Weltblatt noch gestanden, Hemingway sei der wichtigste anglophone Autor seit Shakespeare.. .

Freizeit-lndustrie in seinem Namen

Über literarische Qualität wird kaum noch geredet, wenn der Name Hemingway fällt. Statt dessen steht er als (bröckelndes) Denkmal für ein kerniges Männerleben zwischen Hochseefischerei, Großwildjagd, Stierkampf, Kriegsreportagen und alkoholischen Exzessen. Die eine oder andere Frau gab’s als Gattin oder Geliebte auch noch –vorzugsweise demütig. Auf diesen etwas ranzigen Geschmack von Freiheit und Abenteuer, auf Hemingways „muskulösen Existentialismus“ (so der Kritiker Paul Ingendaay in der FAZ) gründet sich eine Freizeit-Industrie mit läppischen Ähnlichkeits-Wettbewerben, touristischen Routen entlang seiner Kneipen-Touren (Key West in Florida, Kuba) und Hemingway-Lizenzen für Gewehre, Füllfederhalter, Brillen oder Möbel.

Sein vielfach verfilmtes Werk, 1926 mit „The Sun Also Rises“ (deutsch „Fiesta“) beginnend und 1954 mit dem Nobelpreis für „Der Alte Mann und das Meer“ (1952) gekrönt, wird lukrativ ausgeweidet. Hemingways Söhne schustern posthum greifbare Fragmente zu schnellfertigen Büchern zusammen. Man darf vermuten, daß der alte Ernest dies ebenso gehaßt hätte wie den Umstand, daß ausgerechnet einer seiner Sprößlinge als Transvestit lebt.

Die erste Flinte mit zehn Jahren

Mit zehn Jahren bekam der Arztsohn Ernest Hemingway seine erste Jagdflinte. Das prägt. Mit 18 wurde er Reporter beim „Kansas City Star“. Die schmucklos-präzise Nachrichtensprache hat großen Einfluß auf seine späteren Bücher ausgeübt, die wiederum eine ganze Generation von Literaten geprägt haben. Hemingways knapper Stil, aus deutscher Sicht das pure Gegenteil etwa eines Thomas Mann, wurde als „Depeschen-Prosa“ bezeichnet. Tatsachlich versuchte er, jede überflüssige Emotion oder Reflexion aus seinen Romanen und Erzählungen zu verbannen. Seine besten Texte beginnen gerade deshalb wie von selbst zu funkeln. Solche Wonnen der Wortkargheit haben vielleicht die deutlichste Entsprechung in der Filmweit: Hemingway schrieb ungefähr so, wie Humphrey Bogart spielte.

Im Ersten Weltkrieg als Ambulanzfahrer schwer verletzt, verliebte sich der 19jährige Hemingway in die Krankenschwester Agnes von Kurowsky, der er in dem Roman „In einem anderen Land“ (1929) ein Andenken bewahrte. Vom „Toronto Star“ nach Paris entsandt, lernte er literarische Größen wie Gertrude Stein, Ezra Pound und F. Scott Fitzgerald kennen. Bald hörte er selbst zu den Berühmtheiten.

Stierkampf und Trunksucht

In „Tod am Nachmittag“ stilisierte Hemingway 1932 den spanischen Stierkampf zum Sinnbild menschlicher Existenz: das Dasein als unaufhörliche Mut- und Bewährungsprobe im Angesicht des Todes. „Die grünen Hügel Afrikas“ (1935) entstand nach einer Safari im damaligen Tanganjika, „Haben und Nichthaben“ (1937) war sein einziger Roman, der in Amerika spielte. Mit seiner Geliebten Martha Gellhorn zog er als Berichterstatter auf republikanischer Seite in den Spanischen Bürgerkrieg, die literarische Ausbeute hieß „Wem die Stunde schlägt“ (1940). Ins von den Deutschen befreite Paris zog er als einer der ersten US-Amerikaner ein.

Am 2. Juli 1961 erschoß sich der künstlerisch kraftlos gewordene, deprimierte und trunksüchtige Schriftsteller. War er am eigenen Männlichkeitsanspruch gescheitert? Mitten im „Kalten Krieg“ bemerkenswert: Sowohl US-Präsident John F. Kennedy als auch dessen Widersacher Fidel Castro, dem Hemingway 1959 nach der kubanischen Revolution die Ehre des Besuchs erwiesen hatte, bekundeten Trauer. Sozusagen unter Männçrn. Und noch ein Mann der politischen Tat nennt, wie man hört, „Papa Hem“ seinen Lieblingsautor: Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aber daraus ziehen wir nun keine Schlüsse.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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