Mutanten fürs Kinderzimmer – Ein paar Gedanken bei Durchsicht des neuen Lego-Katalogs

Von Bernd Berke

Die bunten Klötzchen der Firma Lego kennt wohl jede(r) aus eigener Kindheits- oder Eltern-Erfahrung. Welche Traumbauten und Luftschlösser man damit errichten konnte! Alles blieb der Phantasie überlassen, die Möglichkeiten waren schier unendlich. Kann es uns kalt lassen, wie sich diese Spielzeug-Welt entwickelt? Natürlich nicht! Wenn Formen des Spielens kein Kulturfaktor wären, was denn dann?

Vor uns liegt der neue Herbstkatalog des Herstellers, auf exakt 100 prallvollen Seiten gespickt mit Novitäten. Die haben es teilweise in sich. Von 0 Monate bis 99 Jahre reicht die Skala der Altersklassen, die hier bedient werden sollen. Ausdrücklich mahnt der Katalogtext an einer Stelle (da geht’s um martialisch aussehende Rennautos), doch bitteschön auch die Kinder einmal spielen zu lassen.

Das Angebot für Babys und Kleinkinder kommt einem noch vertraut vor, es wirkt so farbenfroh und putzig wie eh und je. Das hohe Gut der Kreativität und ihrer gezielten Weckung wird in den knappen Begleittexten beschworen.

Mischwesen zwischen Mensch und Maschine

Klar: Da gibt’s noch den idyllischen Bauernhof, den Zoo, die Ritterburg, die Eisenbahn, das Piratenschiff, die Dino-Kolonie und (laut Bebilderung für Mädchen) die Küche. Ein Plastik-Kerlchen wie „Jack Stone“, der hilfsbereite Allmachts-Phantasien beflügelt und z. B. jedes brennende Haus löscht, gehört gleichfalls zum bekannten Inventar. Nur die allseitig verwendbaren Grundbausteine verschwinden fast im Über-Angebot.

Je weiter man blättert, umso fremdartiger erscheinen einem die Wesen und Situationen. Da werden nicht nur etliche metallisch glitzernde Kämpfer aus „Star Wars“ aufgeboten, da gibt es auch bösartige Riesenkrabben, allerlei Marsmenschen, Aliens – und unter der Rubrik „Bionicle“ monströse Mutanten irgendwo zwischen Biologie und einer offenbar wildwüchsig gewordenen Ingenieurskunst. Man glaubt sich versetzt in eine Welt, in der bereits tüchtig geklont und alles mit allem gemixt wird. Die Maschine nimmt menschliche Züge an, der Mensch maschinelle.

Einen Roboter bauen und mit dem PC trimmen

Zudem dürfte die Wahlfreiheit eingeschränkt sein. Mit derlei Figuren (gedacht für Kinder ab 7 oder 8) lässt sich wohl nicht mehr alles Beliebige spielen, die Richtung scheint vorgegeben. Oder sollten die Kinder so pfiffig sein, diese Vorprägung zu unterlaufen? Schön war’s ja.

Der letzte Lego-Schrei („Neu ab September“) nennt sich „Mindstorms“. Kinder ab 12sollen sich ihre eigenen Roboter bauen und sie mit dem Computer auf bestimmte Tätigkeiten trimmen (sprich programmieren). Glaubt man den Bildern, ist dies allerdings nur etwas für Jungs.

Billig ist das vermeintlich zukunftsträchtige Vergnügen wahrlich nicht. Für einen solchen Baukasten sind 488,94 DM (249,99 Euro) fällig. In einer weiteren Stufe kann der Nachwuchs seine Roboter mit Kameraaugen ausrüsten: „Dein eigenes Überwachungssystem“, wie die Werbung verheißt. Gut möglich, dass man damit sogar nachhalten kann, wer wann und wie das KinderZimmer aufgeräumt hat.

Auch die mit englischen Begriffen gesättigte Katalogsprache lässt einiges ahnen. Zitat von Seite 88, bezogen auf eine Kampfmaschine: „Dein eigener Destroyer Droid! Und er tut, was du ihm befiehlst.“ – „Hoho, ich werde die Welt beherrschen“, droht ein fieses gelbes Wesen auf Seite 53. Um ihm beizukommen, muss man die „Gedanken-Manipulatoren zerstören“. Wird gemacht!

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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