Fünf Minuten nach dem Abendmahl ist alles ganz anders – Cappenberg zeigt Kunst aus dem Atelier von Tiepolo

Von Bernd Berke

Selm-Cappenberg. Man muß nur den richtigen Zeitpunkt erwischen. Beispielsweise das biblische Abendmahl einmal nicht in vollem Gange zeigen, wenn Jesus und seine Jünger noch bei Tische versammelt sind, sondern – die Situation fünf Minuten danach. Da ist Bewegung in die sonst so gravitätische Szenerie geraten. Man sieht gerade noch, wie einer aus dem Räume eilt, die Tafel wird derweil bereits abgeräumt und gesäubert.

Domenico Tiepolo hatte diese skurrile Idee anno 1743, als derlei Bilder Leuten von strenger Denkungsart noch als lästerlich gelten konnten. Jener Domenico war einer der begabten Söhne des ungleich berühmteren Spätbarock-Meisters Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770). Dem Venezianer und seinem straff organisierten Atelier, in dem Söhne und sonstige Schüler je nach Auftragslage eingesetzt wurden, ist nun eine bemerkenswerte Ausstellung im Schloß Cappenberg gewidmet.

Kreativer Wirrwarr der Studienblätter

Gezeigt werden 108 Zeichnungen und Druckgraphiken aus dem Berliner Bestand der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die abermals Cappenberg als ihr bevorzugtes „Schaufenster“ in NRW nutzt. Betreut hat die Schau Dr. Hein-Thomas Schulze Altcappenberg, der damit – der Nachname läßt es ahnen – an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt.

Tiepolo, von dem es z. B. in Würzburg und Udine grandiose Deckenfresken gibt, tritt mit den bescheideneren Bildformaten natürlich nicht als Gigant in Erscheinung. Gleichwohl erkennt man den Genius auch in der kleinen Form, so etwa im kreativen Wirrwarr der Studienblätter. Ein Novum in der Kunstgeschichte war seinerzeit, daß der experimentierfreudige Tiepolo seriell arbeitete und bestimmten Motiven Dutzende von Varianten und Ausdruckswerten abgewann. So zeichnete er von der Heiligen Familie nicht weniger als 75 Fassungen. Mal wird das Wunder der Geburt Christi betont, dann wieder die Durchschnittsfamilie hervorgehoben oder gar ein parodistischer Strich riskiert.

Auch eine Kreuzabnahme zeigt Tiepolo dermaßen gewagt von unten her, daß Jesus hilflos verrenkt aussieht. Es war bereits die Ära der Aufklärung, der dogmatische Glaube begann zu schwinden. Tiepolos Welt ist denn auch nicht mehr felsenfest, sondern – in Scherzi und Capriccios – aus den Fugen geraten. Die vom Philosophen Jürgen Habermas für unsere Zeit diagnostizierte „neue Unübersichtlichkeit“ – es gab sie wohl schon damals. Jedenfalls haben Tiepolos gelegentlich radikale Darstellungen auch Goya beeinflußt.

Schräge Typen im gierigen Venedig

Besonders interessant sind Skizzen und Studien für Tiepolos große Deckengemälde. Der Künstler erprobt hier, fast einem Werbestrategen vergleichbar, ebenso phantasievoll wie rationell die optischen Wirkungsmöglichkeiten, die er später nur noch „abrufen“ muß. Tiepolo zeigt Figuren aus Bibel und Mythologie in extremer, manchmal nahezu abstrakter Untersicht, ganz so, als erblicke man sie mit zurückgelegtem Kopf an der Decke. Früher hat man Tiepolo einmal vorgeworfen, er übertreibe auf diese Weise Nasenlöcher und Fußsohlen seiner Gestalten. Heute schätzt man die kunstvolle Verzerrung. Mit famosem Kalkül plant Tiepolo bei seinen Deckenstudien zudem unfehlbare „Blickfänger“ ein, zum Beispiel geweitete Augen, die direkt auf den Betrachter gerichtet sind.

Ob bei Skizzen oder ausgeführten Arbeiten: Tiepolo erzielt stets eine lichte Plastizität, die verblüfft. Seine Söhne Domenico und Lorenzo sind, wie sich in Cappenberg feststellen läßt, mehr als nur bemühte Schüler. Zumal Lorenzos Karikaturen von schrägen Typen, die damals das polizeistaatlich stickige, aber unterschwellig lust- und lebensgierige Venedig bevölkerten, sind fürwahr kleine Geniestreiche.

„Kalkül und Phantasie“ – Giovanni Battista Tiepolo und sein Atelier. Schloß Cappenberg (Selm-Cappenberg). Bis 22. Juni. Di-So 10 bis 17.30 Uhr. Eintritt frei, Katalog 25 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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