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Monatsarchive: Mai 1997
Kunst soll wirken wie ein Nackenschlag – Werkschau über Bruce Nauman in Wolfsburg
Von Bernd Berke
Wolfsburg. Mal ehrlich: Was hat Wolfsburg schon zu bieten? Das gigantische VW-Werk, gewiß. Aber in dessen Schatten ducken sich ein barackenartiger Bahnhof und eine beklagenswert öde Innenstadt. Ausgerechnet hier soll ein Juwel der deutschen Kulturlandschaft zu finden sein? Aber ja!
Das imposante Kunstmuseum Wolfsburg, im Grundriß etwas größer als ein Fußballfeld, verfügt über finanzielle Mittel, von denen man andernorts höchstens träumt. Jetzt bietet man mit einer Schau über den US-Künstler Bruce Nauman erneut ein Ereignis der Sonderklasse.
Während etliche Häuser in den Metropolen mit jährlichen Ankaufsetats von nicht einmal 100 000 Mark (ein Witz angesichts der Kunstmarkt-Preise) wirtschaften, schöpft man in Wolfsburg aus dem Vollen. Das erst vor drei Jahren eröffnete Museum hat bereits umfangreiche Eigenbestände angehäuft. Ständig kauft man namhafte Werke hinzu: Hier ein Bild von Andy Warhol oder Anselm Kiefer, da einen Kunst-Iglu von Mario Merz oder eine Video-Installation von Nam June Paik.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Bruce Nauman, Kunstmuseum Wolfsburg
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Zimmerschlacht nach Lust und Laune – Jürgen Kruse inszeniert Andreas Marbers „Rimbaud in Eisenhüttenstadt“
Von Bernd Berke
Bochum. „Blöööd ist es auf der Welt zu sein / Sagt die Biene zu dem Stachelschwein.“ Welch eine Gaudi, wenn diese Schläger-Verballhornung auf der Bochumer Kammerspiel-Bühne gegrölt wird. Mittendrin ruft Intendant Leander Haußmann, der sich als „Rimbaud in Eisenhüttenstadt“ (Regie: Jürgen Kruse) diesmal auch Titeldarsteller-Ehren gönnt, ins Publikum: „Und nun alle! Auch die Kritiker, die sollen ihre Stifte mal loslassen!“ Von wegen.
Rimbaud also. Dieser „wilde“ französische Dichter (1854-1891), dem schon früh die Lyrik nicht mehr genügte und den es hinaustrieb ins Unbedingte. Sodann ausgerechnet Eisenhüttenstadt, aus dem Boden gestampfte Industrieansiedlung der früheren DDR, Inbegriff genormter Enge zwischen Plattenbauten. Mit solch gegensätzlichen Gewürzen hat Andreas Marber (Jahrgang 61, Hausdramaturg in Bochum) sein Stück abgeschmeckt. Jürgen Kruse setzt den Text mit allen erreichbaren Mitteln und im wegwerfenden Gestus aggressiven Angewidertseins unter Dampf.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Andreas Marber, Annika Kuhl, Henriette Thimig, Jürgen Kruse, Leander Haußmann, Rimbaud in Eisenhüttenstadt, Torsten Ranft
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Vom Königsthron hinab ins Schulungshotel – Peter Handke und Susanne Schneider bei den Mülheimer Stücketagen
Von Bernd Berke
Mülheim. „Heute ein König!“ schallt es uns aus einer Pils-Werbung entgegen. „Künftig ein König!“ rufen uns die Dramatiker Botho Strauß und Peter Handke zu. Ihre neuen Stücke sorgten für den wahrhaft majestätischen Auftakt der Theatertage in Mülheim. Dann freilich ging’s steil hinab in die Niederungen des ökonomischen Alltags. Susanne Schneiders „Wir Verkäufer“ war der dritte von acht Beiträgen im Wettbewerb.
Nachdem in Botho Strauß „Ithaka“ der alte Odysseus sein Königtum blutrünstig zurückerobert hatte, bekamen es die Zuschauer mit Handkes monarchischen Phantasien zu tun: Das Frankfurter Schauspiel gastierte mit „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“. Schon der Titel läßt ahnen, daß Handkes Sprache gleichsam wallt wie ein Königsgewand. Wohltönend und vielschichtig ist Handkes Sage aus der abgelegenen Enklave, der ein neuer König ein ewig währendes Gesetz allumfassenden Friedens (darunter tut man’s nicht mehr) geben soll.… Weiterlesen
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Jüdisches Museum Westfalen: Die Würde der Tradition
Von Bernd Berke
Dorsten. Es ist nicht ganz leicht, das „Jüdische Museum Westfalen“ zu finden. Ein Hinweisschild erblickt man in Dorsten erst dann, wenn man die umgebaute alte Villa an der Julius-Ambrunn-Straße auch schon vor sich sieht. Und obwohl die Stadt ja nicht allzu groß ist, scheinen die wenigsten Einwohner den richtigen Weg weisen zu können.
Ein bißchen traurig ist dies lokale Schattendasein schon. Aber das Museum, weit und breit das einzige seiner Art, setzt ohnehin mehr auf Fernwirkung. Zumal aus den Niederlanden kommen häufig Besucher hierher, aber auch aus den USA und Israel.
Vor fast genau fünf Jahren wurde die Stätte der Erinnerung vom örtlichen „Verein für jüdische Geschichte und Religion“ begründet. Stadt und Land bezahlten den Ausbau des Domizils und trugen Betriebskosten.… Weiterlesen
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Mitteilungen aus der Studierstube – Patricia Dunckers hitziger Roman „Die Germanistin“
Von Bernd Berke
Eigentlich fängt dieser Roman vielversprechend an: Angetrieben von einer mysteriösen Germanistin, begibt sich der Ich-Erzähler, ein junger Romanistik-Student aus Cambridge, auf die Suche nach dem Menschen, der hinter seinem Examensthema steckt.
Er schreibt seine Abschlußarbeit über den französischen Autor Paul Michel, von dem er natürlich alles mehrfach gelesen hat. Wie sich erweist, ist Paul Michel nicht nur ein Mann, dem schrankenlose Freiheit über alles geht, er ist zudem offensiv und selbstbewußt schwul – und eines Tages hat man ihn wegen einiger Gewalt-Eskapaden in eine Irrenanstalt eingewiesen. Die Germanistin findet: Man muß den Mann da herausholen, ihn retten. Und sie schickt den Studenten vor.
Der also reist – in Patricia Dunckers Roman „Die Germanistin“ – von England nach Frankreich und dringt bis zu diesem Paul Michel vor, der von 1947 bis 1984 wirklich gelebt hat, zwischenzeitlich als kommende Größe der französischen Literatur galt, dann für verrückt erklärt wurde und an Aids gestorben ist.… Weiterlesen
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Lebensbilanz mit Verlusten – Sibylle Mulots Roman „Das Horoskop“
Von Bernd Berke
Mit seinem Roman „Netzkarte“ ließ uns einst Sten Nadolny teilhaben an einer Fahrt kreuz und quer durchs Netz der deutschen Bahn. Natürlich kam es dabei vor allem auf die menschlichen Begegnungen an. Auch Sibylle Mulot schildert in ihrem Buch „Das Horoskop“ den Verlauf einer langen Bahnfahrt. Wieder geht es um eine Bekanntschaft, die die Ich-Erzählerin schließt.
Der Weg führt von Basel nach Paris. Eine ausgedehnte Strecke, auf der wir nach und nach einiges über jene verhalten elegante Mitreisende Edit erfahren, die ihre Kindheit in Ungarn und Wien verbracht hat, Solotänzerin gewesen ist und einen französischen Fabrikanten geheiratet hat. Zu ihm kehrt sie jetzt zurück, nachdem sie ihre todkranke Mutter besucht hat. Und sie hat eine ganze Tasche voller Marzipan im Gepäck, die sie ängstlich durch den Zoll schmuggelt.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Bahnfahrt, Das Horoskop, Sibylle Mulot
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Die guten Götter werden schon für Frieden sorgen – Botho Strauß‘ „Ithaka“ als Auftakt zu den Stücketagen
Von Bernd Berke
Mülheim. Nein, ein Festival im üblichen Sinne sind die Mülheimer Theatertage diesmal nicht. Der Wettbewerb neuer deutschsprachiger Stücke zieht sich – als eher lose Folge von acht Gastspielen – über fast vier Wochen bis zum 6. Juni hin. Von gewisser Dauer war schon der Auftakt am Sonntag Abend. Die Münchner Kammerspiele gingen mit Botho Strauß‘ Antiken-Anverwandlung „Ithaka“ (Regie: Dieter Dom) an die Startlinie. Und das hieß: viereinhalb Spielstunden mit Odysseus. Doch es war nicht die berühmte Irrfahrt.
Odysseus (Bruno Ganz) ist bei Strauß, der sich in vielen mythologischen Details an die Vorlage von Homer hält, bereits nach Ithaka heimgekehrt. Eine üble Rotte von Freiern belagert Odysseus‘ Gattin Penelope (Gisela Stein), die mächtige Kummerspeck-Schwarten angesetzt hat und sich auch damit die Zudringlichen vom Leibe zu halten sucht.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Botho Strauß, Bruno Ganz, Dieter Dorn, Gisela Stein, Ithaka, Mülheim, Münchner Kammerspiele, Sibylle Canonica, stücke 1997, Stücketage
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In der Steppe vom Sandkorn erzählen – Peter Handkes Roman vom Abenteuer der Wahrnehmung
Von Bernd Berke
Peter Handke scheint die Ödnis zu lieben. Nachdem er seinen Lesern zuletzt das Langstrecken-Exerzitium „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ auferlegte, siedelt er auch seine neue Hauptfigur im Niemandsland an, wo kaum etwas von wahrer Empfindung ablenkt. Jener Apotheker von Taxham (Flecken bei Salzburg) wohnt in einer „Zwickelwelt“ zwischen Bahnlinie, Flughafen und Autobahn-Tangenten. Dort, wo die Ausläufer der Technik in spärlichen Bewuchs übergehen.
Dieser Apotheker wird als unauffälliger, aber „uneingemeindeter“ Mensch beschrieben. Mit seiner Frau lebt er in gütlicher Abgrenzung, die Kinder sind aus dem Haus, vielleicht hat er sie gar vertrieben. Der Mann fühlt sich mal aufgehoben, mal aber auch gefährdet in seinem Alleinsein. Doch der Erzähler will ihm das Geheimnis nicht entreißen: „Keine Erklärungen, keine Begründungen, in der Schwebe lassen „, heißt es einmal.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus, Peter Handke
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Ausblick ins Wunderbare – Neues Programm im Dortmunder „Luna“-Varieté
Von Bernd Berke
Dortmund. Wohin nimmt man Besuch von außerhalb mit, wenn man zeigen will, daß Dortmund eine „richtige Großstadt“ ist? Vielleicht ins Westfalenstadion. Doch es ist nicht immer Samstag, und Borussia-Karten sind rar. Na, dann eben in die Westfalenhalle. Oder aber: ins Variété „Luna“! So etwas hat beileibe nicht jede Gemeinde. Und dort gibt’s jetzt auch noch ein knackfrisches Programm.
„Live aus dem Luna“ lautet das Motto. Allabendlich kommen sogar die Typen eines (aktiven) Fernsehsenders, der die Show ausstrahlt und aufgekratzte Stimmung verlangt. Zwei schrille Regie-Helferinnen zeigen dem Publikum auf Täfelchen, was zu tun ist: „Applaus total!“ oder „Ausflippen!“ Wie es bei manchen echten Sendern eben so zugeht.
Das Variété hat gut spotten. Denn die Konkurrenz solcher TV-Mätzchen braucht man nicht zu fürchten.… Weiterlesen
Veröffentlicht unter Kleinkunst & Comedy
Verschlagwortet mit 1997, Dortmund, Hombruch, Live aus dem Luna, Luna-Varieté
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So wienerisch hat’s hier noch nie geklungen – Großer Andrang zur Lesung von Ernst Jandl in Dortmund
Von Bernd Berke
So wienerisch hat es hier wohl noch nie geklungen. Der österreichische Dichter Ernst Jandl (71) trug bei seinem allerersten Leseauftritt in Dortmund lauter „Stanzen“ vor – Vierzeiler in alpenländischer Kunst-Mundart. Noch einer der verständlichsten Verse: „wissd bled samma r olle / owa so bled samma ned“.
Man hätte es ahnen können: Jandls famose Laut-Dichtungen haben schon andernorts Menschenmengen mobilisiert. So war s denn auch in Dortmund. Die Schlange im Museum für Kunst und Kulturgeschichte wand sich von der Rotunde im ersten Stock bis hinunter zur Hansastraße. Nach einigem Geschiebe kamen schließlich auch die Leute ‚rein, die nicht wohlweislich Karten reserviert hatten.
Jandl tat ihnen allen jedoch nicht den Gefallen, seine bekannten Zugnummern wie „Ottos Mops“ oder den Verwechslungs-Klassiker mit „lechts und rinks“ vorzutragen.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Dortmund, Ernst Jandl, Lesung
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Autoren sollen die Schulbänke drücken – NRW-Literaturrat wagt neuen Vorstoß
Von Bernd Berke
Im Westen. Wenn es um Aus- und Weiterbildung von Schriftstellern geht, spielen derzeit zwei südwestfälische Orte in den Überlegungen des NRW-Literaturrates eine besondere Rolle.
Die „April-Akademie“, kürzlich von der Wiener Schule für Dichtung in Lüdenscheid abgeschlossen (die WR berichtete), gilt als ein Modellfall. Und die Fernuni Hagen könnte (mit ihren landesweit 29 Anlaufstellen) eines Tages Zentrale einer allseits gut erreichbaren Autoren-Hochschule werden.
Der Literaturrat ist Sprachrohr für rund 30 Institutionen – vom Schriftstellerverband (VS) bis zu den Verlagen und Buchhandlungen. Der Vorsitzende Dr. Eugen Gerritz hält nicht viel vom literarischen Geniekult. Bildende Künstler, Schauspieler und Musiker würden von Meistern ihres Faches ausgebildet, Schriftsteller aber werkelten allein vor sich hin, oft auch ohne Hilfe von kompetenten Verlagslektoren. Selbst Goethe, so das Paradebeispiel, sei sich nicht zu schade gewesen, in Leipzig eine Art Autorenschule zu besuchen.… Weiterlesen
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Verschlagwortet mit Ausbildung, Autoren, Eugen Gerritz, Fernuni Hagen, NRW-Literaturrat
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