Nicht als Sau geboren, sondern zur Sau gemacht – Marie Darrieussecq und ihr erstaunliches Roman-Debüt „Schweinerei“

Von Bernd Berke

Wie schreibt man Bestseller? Schwer zu sagen. Aber ein Grundrezept scheint es zu geben: Man habe eine markante Idee, die sich auf dem Markt der Möglichkeiten behauptet. Sodann verbeiße man sich in den Einfall und treibe ihn auf die Spitze.

In Patrick Süskinds „Das Parfüm“ taugte das feine Geruchsempfinden der Hauptperson als besonderes Markenzeichen, in Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ die besondere Zeit-Erfahrung des Heiden – und bei Marie Darrieussecq ist es nun eine junge Frau, die sich in ein Schwein verwandelt. Figuren, die man sich ein für allemal merkt.

Die namenlose Ich-Erzählerin des Romans „Schweinerei“ ist anfangs so attraktiv, daß es die meisten Männer mit ihr treiben wollen. Überall stellen ihr schmierige Typen nach: in der Metro, vor der Kabine im Schwimmbad und am Arbeitsplatz. Aus Not hat sie jenen Job bei einer Kosmetikfirma angenommen. Für einen Hungerlohn (gezahlt in Euros, denn man schreibt das Jahr 1999) ist sie dort im Hinterzimmer der vorwiegend perversen männlichen Kundschaft zu Willen.

Sie ist also sozusagen von lauter maskulinen Ferkeln umstellt, die sie zur Sau machen und mutiert allmählich wirklich zum Schwein, so als wüchse sich ihre verzweifelte Opferrolle zur Groteske aus. Es ist wie ein stummer, drastischer Protest: Zuerst wird ihre Haut seltsam rosig, dann wird sie immer fetter, bekommt Borsten und grunzt.

Mörderische Diktatur der Tierhasser

Immer gebieterischer meldet sich sodann die Lust auf Trüffel und rohe Kartoffeln, es wachsen Zitzen statt der Brüste – und schließlich wird ihr sauwohl zumute, wenn sie sich im Schlamm suhlt. Menschliche und tierische Empfindungen mischen sich qualvoll. Doch solche Zwischenzustände scheinen – in unmenschlichen Zeiten – am Ende auch eine Perspektive des Überdauerns zu eröffnen.

Die Metamorphose schützt allerdings nicht völlig vor der gierigen Männerwelt: Auch mit dieser „Miss Piggy“ wollen manche Herren ihr schmutziges Vergnügen haben. Und dann bricht auch noch eine fürchterliche Diktatur der Tier- und Naturhasser aus, deren Schergen die Silvesternacht aufs Jahr 2000 mit blutigen Sex- und Ekel-Orgien begehen. Ein bißchen Orwell, ein bißchen Marquis de Sade. Apokalypse allenthalben.

Marie Darrieussecq (geboren 1969), deren Romanerstling 1996 in Frankreich der Millionenerfolg war, schlägt sofort jenes stets etwas gehetzt wirkende Erzähltempo an, das sie bis zum Schluß durchhält. Sie wechselt nie den Gang, fährt geradeaus und in Kurven immer gleich schnell.

Ein machtvoller Mitteilungsdrang wird hier spürbar, ein sprachlicher Sog, der vielleicht kommende literarische Großtaten ankündigt. Doch diesmal braucht die Autorin noch viel zu viele Worte, um nur ja all die Einzelheiten des körperlichen Wandels ihrer Anti-Heldin zu beglaubigen. Überdies hat sie Mühe, solche Äußerlichkeiten mit inneren Vorgängen zu verknüpfen.

Die Hauptfigur ist naiv und damit immun gegen so manche Zumutung. Noch die viehischsten Taten nimmt sie achselzuckend zur Kenntnis. Als sie sieht, wie eine andere Frau nach einer massenhaften Vergewaltigung hingerichtet wird, heißt es über den Mörder lapidar: „Da war ich doch enttäuscht von ihm.“ Hinter solchen Bemerkungen verbirgt sich bodenlose Bitterkeit über eine Welt, die immerzu aus Tätern und Opfern besteht.

Marie Darrieussecq: „Schweinerei“. Roman. Übersetzt von Frank Heibert. Carl Hanser Verlag, 151 Seiten. 34 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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