Hinter jeder Wand eine andere Welt – Marie NDiayes Roman „Ein Tag zu lang“

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Kennen Sie auch dieses seltsame Gefühl, dass die Wirklichkeit nur eine bröckelnde Fassade ist, hinter der eine ganz andere Welt lauert?

Dass die Realität nur ein Gedankenkäfig ist, der unsere Fantasie gefangen hält? Dass nur ein winziger, unachtsamer Schritt nötig ist, um vollends die Kontrolle über unseren Alltag zu verlieren und in ein neues Leben zu geraten, das wir einfach nicht verstehen?

Genau das widerfährt dem Lehrer Herman, der jeden Sommer mit seiner Familie aus dem lauten, heißen Paris flieht und die Ferien in seinem Haus in der französischen Provinz verbringt. Herman begeht den unverzeihlichen Fehler, einen Tag länger als sonst zu bleiben: und schon gerät alles aus den Fugen. Seine Frau und sein Kind sind plötzlich wie vom Erdboden verschluckt, und niemand im nahe gelegenen Ort hat Interesse daran, Herman behilflich zu sein und die Verschwundenen zu suchen.

Und dann das Wetter! Wo sonst für Herman nur eitel Sonnenschein herrscht, bricht von einem Tag zum anderen der Herbst aus. Es regnet ununterbrochen, und nicht nur die Wege, auch die Welt, so wie sie Herman kannte, versinkt in einem undurchdringlichen Schlamm aus Lug und Trug. Ob Herman jemals wieder aus diesem Labyrinth aus Schein und Sein hinausfinden kann, ist doch sehr die Frage. Herman, so wie ihn Marie NDiaye in ihrem neuem Roman „Ein Tag zu lang“ zeichnet, erinnert mehr als nur ein bisschen an Franz Kafkas Landvermesser Josef K., der, je dringlicher er dem Schloss zustrebt, sich desto weiter von seinem Ziel entfernt. Wie Josef K. kann sich auch Herman nicht dagegen wehren, seine ursprünglichen Absichten fast gänzlich zu vergessen und seine Identität aufzugeben.

Die französische Autorin, die für ihren Roman „Drei starke Frauen“ die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs, den Prix Goncourt, bekam, lebt seit einigen Jahren mit ihrer Familie in Berlin. Aus der Ferne und mit den Augen von Josef K. schaut sie auf ihre französische Heimat wie auf ein Bild der Surrealisten. Hinter jedem Spiegel lauert ein neuer Spiegel, hinter jeder Wand eine andere Welt. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Normalität und Wahnsinn, Fiktion und Fantasie verschwimmen genauso wie die Vorurteile zwischen Großstädtern und Provinzlern. Im Dauerregen lösen sich alle Gewissheiten auf. Herman wird zum Dorfbewohner und wird irgendwann Frau und Kind wiedersehen. Aber werden sie ihn auch erkennen? Und wird Herman seine Familie und sein altes Leben überhaupt zurückhaben wollen?

Marie NDiaye: „Ein Tag zu lang“. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp, Berlin 2012, 159 S., 17,95 Euro.

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