Verzerrte Wesen aus einer Welt der Ängste – Museum Bochum würdigt den Holländer Lucebert

Von Bernd Berke

Bochum. Die „Trolle“ mit den zerfließenden Gesichtern blecken gräßlich ihre Zähne. „Der letzte Romantiker“ hockt wie ein armseliges Insekt da – vielleicht ein schmutziger kleiner Bruder von Gregor Samsa, der in Franz Kafkas berühmter Erzählung „Die Verwandlung“ zum Käfer mutierte. Es sind Zerrspiegelwesen aus einer Welt der Ängste.

Aus seinen Alpträumen hervorgeholt hat sie der Holländer mit dem Künstlerpseudonym Lucebert. Bürgerlich hieß er Lucebertus Jacobus Swaanswijk. In diesem Frühjahr ist er mit 70 Jahren gestorben. Das Museum Bochum, mit dem Lucebert oft zusammengearbeitet hat, widmet seinem Gedenken nun eine Sonderausstellung. Doch die ist ein wenig betrüblich geraten. Das Bochumer Haus hat kein Geld für umfassende Retrospektiven, bedeutende Leihgaben sind unerreichbar. Die schmale Schau wird also aus Eigenbesitz bestritten, darunter rund ein Dutzend Arbeiten von Lucebert selbst.

Hinzu kommt, gleichfalls dem Depot entnommen, mehr oder weniger Verwandtes von K. O. Götz, Karel Appel, Asger Jorn und Constant. Diese Künstler bildeten mit die Lucebert die Gruppe „Cobra“, die in der Trümmerzeit nach dem Zweiten Weltkrieg am „Nullpunkt“ beginnen wollte und jeglicher Verschönerungs-Kunst abschwor. Am Horizont zeichnete sich damals die vage Hoffnung auf ein friedliches, vielstimmiges Europa ab, das die Gruppe in ihrer internationalen Zusammensetzung vorwegnahm.

Das Unbewußte frei strömen lassen

Lucebert war ebenso Dichter wie bildender Künstler, die lyrische Seite der Doppelbegabung trat sogar zuerst hervor. Zeitweise befaßte er sich intensiv mit Zen-Buddhismus und Kabbala-Mystik, war aber vor allem fasziniert von bildnerischen Äußerungen geisteskranker Menschen, wie er sie in der berühmten „Sammlung Prinzhorn“ kennengelernt hatte. Lucebert wollte, ähnlich wie die „Verrückten“ oder Kinder, das Unbewußte frei und ungehindert nach außen strömen lassen. Auf quasi magische Art sollten so die inneren Dämonen auf die Bildfläche gebannt werden – ein Akt der Reinigung.

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, hieß es schon bei Goya, der ja gleichfalls Kriegserfahrungen verarbeitete. Auch Luceberts monströse Riesentiere und bedrohliche Fabelwesen stammen aus dem Zentrum menschlicher Urangst. Sie scheinen ständig darauf zu lauern, den dafür nur irgend empfänglichen Betrachter wild anzuspringen. In heftiger Mal-Arbeit (mit bloßen Händen oder groben Spachteln) attackierte Lucebert die Leinwände, die so zu rissigen Kampfstätten der Selbstbefreiung wurden.

„Nur nichts Endgültiges schaffen!“ lautete eine Devise Luceberts. Die Kunst sollte niemals starr werden, sondern offen bleiben und veränderlich. Doch der documenta-TeiInehmer (1959) ließ seine Monster keinesfalls völlig der Kontrolle entgleiten. Der Stoff ist Wahn, die Formung Kunst. Zum einen maß sich Lucebert an Vorbildern (allen voran Paul Klee und einige Surrealisten), zum anderen disziplinierte er sich immer wieder selbst, indem er einige seiner Motive auch als Radierungen oder Lithographien ausführte. Da wirken sie bedeutend ruhiger, beherrschter, von handwerklicher Anstrengung überformt. Bedauerlich, daß man in Bochum nicht mehr von alledem zu sehen bekommt.

Lucebert – eine Hommage. Museum Bochum, Kortumstraße 147. Bis 11. September, täglich außer montags 10-18 Uhr. Kein Katalog.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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