Schlimme Nachrichten dringen bis in den Elfenbeinturm – Zwischen Prosa und Lyrik: Sarah Kirschs Tagebuch „Das simple Leben“

Von Bernd Berke

„Das simple Leben“ nennt Sarah Kirsch ihr neues Buch. Doch dieses Dasein ist ganz und gar nicht einfach.

Das Leben der Dichterin spielt sich, unterbrochen von gelegentlichen Lesereisen, ganz bewußt in Klausur ab. Aus ihrem Prosa-Tagebuch mit lyrischem Grundton erfährt man, wie sie sich in ihr Werk versponnen hat, sich am stürmischen Nordseestrand, wo er noch nicht von Touristen erobert ist, verschließen will vor der Welt. Dort geht sie – ein nur scheinbares Idyll – mit ein paar getreuen Menschen, mit Schafen und Bobtail, Katz‘ und Esel um, läßt sie sich beim Anblick der Wolkenspiele in lyrische Stimmungen treiben.

Ganz ohne Ironie spricht sie von „meinem Elfenbeinturm“ und mokiert sich über die Alltags-Spießer ringsum. Doch derlei Anflüge von Hochmut können bei ihr entsetzlich rasch umschlagen, auch in akute Depression. Häufig erwähnt sie die (Seelen-)Wetterlage: „Herrschte das feinste Selbstmörder-Wetter wie ich es liebe“.

Suche nach rettenden Momenten

Die Gedanken sind unfrei. Sie werden überfallen und gefangen von den Nachrichten des Tages, die die friedliche Abgeschiedenheit immer wieder schmerzhaft aufreißen: Da sind die langfristigen Nachwirkungen von Tschernobyl, die Kriege am Golf und auf dem Balkan, Enthüllungen über Untaten der Stasi, das ganze deutsch-deutsche Getöse, die allseits geschundene Natur. Alltägliche Apokalypse.

Die Schreibende fühlt sich diesem schlimmen Weltgetriebe hilflos ausgeliefert. Sie sucht Rettung, indem sie das Private unter die Lupe nimmt und die große Politik gleichsam im umgedrehten Fernglas betrachtet. Dann erscheint beides gleich groß. Doch auch das Dichten im einsamen Gehäuse fällt zur Last: „Meingott es wird auch immer schwerer. Man erhascht ein Splitterchen vor alles versinkt.“

Articul und Akwareller

Sarah Kirsch bleibt, auch wenn sie ein Prosa-Tagebuch wie dieses schreibt, Lyrikerin. Die Wortfolge – freischwçbend ohne Satzzeichen – nähert sich jener von Gedichten, auch Zwischentitel deuten auf solche Herkunft. Und die hauchzarten Gefühlswerte ließen sich manchmal wohl überhaupt besser in Einzelzeilen gießen als in epischen Text.

Ein Besuch im elend verfallenden Greifswald löst Tränen aus. Ein übriges tun die seinerzeit (als sie gegen Biermanns Ausbürgerung sich auflehnte und fortging aus dem Osten) über Sarah Kirsch angelegten Stasi-Akten, die sich für sie jetzt lesen wie ein Schundroman. Gegen solch finstere Realität stellt Sarah Kirsch verzweifelt ihre eigene kleine Welt wie ein Märchen, in dem die Dinge etwas andere, zauberische Namen haben: Sie schreibt einen „Articul“, malt „Akwareller“, fährt auf eine „Insul“, trinkt jede Menge „Koffie“ – und macht sich auf solch beinahe sprachmagische Weise empfänglich und durchlässig etwa für die Geisterstimmen von im Meer Ertrunkenen. Spökenkiekerei?

Es bleibt der schwachen Menschin nur, der Natur im Kleinen ein wenig aufzuhelfen. „Schafe drehn“ heißt eine der letzten Zwischen-Überschriften: Einige Tiere sind in matschige Kuhlen geraten und können sich nicht mehr aus eigener Kraft aufrichten. Hier kann sie beistehen. Sonst scheint alles vergebens, wie ein Anrennen gegen Windmühlenflügel oder Vulkane. Letzter Satz des Buches, bedrohlich genug: „Der Ätna speit“.

Sarah Kirsch: „Das simple Leben“. Deutsche Verlagsanstalt (DVA), Stuttgart. 100 Seiten. 26 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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