Zerstörte Sehnsucht nach dem ruhigen Leben – „Amerikanisches Idyll“ von Philip Roth

Von Bernd Berke

Seymour Levov, Sohn jüdischer Einwanderer in New Jersey, wird wegen seiner blonden Haare von allen Leuten nur „der Schwede“ genannt. Er brilliert als Baseball- und Basketball-Crack, wird Ausbilder bei den US-Marines, übernimmt die Handschuh-Fabrik seines Vaters und heiratet eine Schönheitskönigin.

Ein fast schon zu idealtypisches amerikanisches Leben. US-Autor Philip Roth, seit Jahr und Tag für den Nobelpreis im Gespräch, beleuchtet das Phänomen dieses überangepaßten Menschen, der niemals unangenehm auffallen will, in seinem weit ausgreifenden Roman „Amerikanisches Idyll“.

Im Frühjahr hat Roth dafür den Pulitzerpreis bekommen. Schon jetzt liegt das Buch in der schnellen, aber keineswegs schludrigen Übersetzung von Werner Schmitz vor. Leicht kann dessen Aufgabe nicht gewesen sein. Denn der Autor nähert sich, nach einer anfänglichen Baseball-Studie, nicht ohne Umschweife dem eigentlichen Thema. Etwas umständlich wägt er z. B. die Frage, ob ein Roman überhaupt der Wahrheit eines Menschen wie Levov beikommen könne. Manch ein Satz windet sich in dieser Phase über viele, viele Zeilen.

Wenn man diese Barrieren überwunden hat, so wird man freilich mit einer faszinierenden Geschichte belohnt: Als habe er seine anfänglichen Bedenken abgestreift, beginnt Roth nun wirklich zu erzählen. Und wie!

Wenn er etwa die quälenden Gespräche des liberalen Levov mit seiner 10jährigen, sich zunehmend linksradikal gebärdenden Tochter Merry wiedergibt, hält man mitunter den Atem an. Hat man je eine dichtere Fallstudie des Generationenkonflikts im weltweit rebellischen Jahr 1968 gelesen? Merry ist es, die das sorgsam ausbalancierte Leben, das amerikanische Idyll ihres Vaters ins Chaos stüizt. Sie knüpft Kontakte zur Terrorgruppe „The Weathermen“ und zündet aus wahnwitzigem Protest gegen den Vietnamkrieg eine Bombe vor dem Dorfladen. Ein Zufalls-Passant stirbt. Merry taucht in den Untergrund ab, wo sie weitere Menschenleben auslöscht.

Wie fühlt sich der Vater einer Terroristin?

Es ist der fürchterliche Bruch in der bisher so erfolgreichen Assimilierungs-Geschichte der jüdischen Familie. Bisher allseits bewundert („Er ist unser Kennedy“), kann Seymour Levov an sich selbst nur noch als Vater einer Mörderin denken. Wie besessen verfolgt er die Lebensgeschichte seiner Tochter bis zu den frühesten Anfangen zurück und zermartert sich das Hirn: Was habe ich falsch gemacht? Und nun bröckelt Levovs ganzes, bisher so intaktes Weltbild dahin. Verlust des Urvertrauens in den American Way of Life, zumal in diesen Jahren der Watergate-Skandal auffliegt.

Rückblenden in die 40er und 50er Jahre beschwören „bessere Zeiten“ herauf: Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg, Blüte des stolzen Handschuh-Gewerbes. Passagenweise gerät der Roman fast zum Lehrbuch dieses Metiers, wie er denn überhaupt manchmal selig in Details schwelgt. Roth gelingt die Gratwanderung: Er weckt Verständnis für Levovs Sehnsucht nach dem normalen, unaufgeregten Leben – und zeigt doch die schreienden Widersprüche zum Elend der Welt.

In allen Nuancen schildert Roth, wie Eltern sich fühlen müssen, wenn ihr Kind als Terroristin gejagt wird. Der Roman zeichnet in oft grandioser Manier die Spuren geschichtlicher Wirren im Leben einzelner Menschen nach, und er reicht auch ins Existentielle. Roth läßt uns zweifeln, ob vor manchen Tatsachen nicht jede Phantasie kapitulieren muß. Und er wirft die Sinnfrage auf, ob das Leben überhaupt „planbar“ ist, oder ob nicht schon ein kleiner Zufall den Zerfall herbeiführen kann.

Philip Roth: „Amerikanisches Idyll“. Roman. Hanser Verlag, München. 463 Seiten. 45 DM.

 

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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