Mozarts Klangwelten: Maxim Emelyanychev als Pianist in der Philharmonie

Maxim Emelyanychev (Bild) ist unter den Musikern der historisch informierten Aufführungspraxis einer, der nicht nur im Buchstaben nach dem Geist forscht. Entsprechend temperamentvoll subjektiv ist sein Zugriff – ob als Dirigent oder als Pianist. Zum Abschluss seiner vier Auftritte als Portraitkünstler der laufenden Saison präsentiert er sich in der Philharmonie Essen als Meister der Tasten.

Als Dirigent hat der im russischen Nishni Nowgorod geborene Vollblutmusiker in der Essener Philharmonie für unvergessliche Abende gesorgt – und das nicht erst mit seinen drei Porträtkonzerten, bei denen er (mit dem Scottish Chamber Orchestra und dem Ensemble „Il Pomo d’Oro“) „seine“ Klangkörper vorgestellt hat. Sein abschließender Mozart-Abend war nicht einfach ein Klavierrezital. Emelyanychev spielte auf drei unterschiedlichen Instrumenten Musik von Wolfgang Amadeus Mozart: auf der Kopie eines zweimanualigen Cembalos des bei Köln geborenen und in Paris produzierenden Jean-Henri Hemsch, dem Nachbau eines Hammerklaviers des Wieners Anton Walter und einem modernen Steinway.

Vor dem Konzert in der Philharmonie Essen: Die Journalistin Anja Renczikowski interviewt Maxim Emelyanychev. Foto: Werner Häußner

Ergebnis des kurzweiligen Konzerts: Eine „verbindliche“ Wahl, auf welchem Instrument Mozarts Musik am passendsten erklingen sollte, gibt es zwar nicht. Aber es wird deutlich, dass Mozart seine Klaviermusik anders konzipierte, nachdem er 1777 in der Werkstatt des Augsburgers Johann Andreas Stein den neuesten Stand der Klaviertechnik kennengelernt und sich begeistert geäußert hatte. Das französische Cembalo ist von der Art, wie sie Mozart noch in Mannheim und Paris gespielt haben dürfte. Emelyanychev wählt es für die „Sonata facile“ (KV 545), die dank der zart-brillanten Töne des Instruments entzückend transparent und leichtfüßig klingt.

Auf den zwei Manualen lassen sich reizvolle Klangkontraste erzeugen. Mit den Imitationen des Kopfsatzes, abwechselnd von der linken und der rechten Hand gespielt, kann Emelyanychev die wohlüberlegte Form der unterschätzten Sonate verdeutlichen. Im mittleren Satz schafft er es, mit der linken Hand die Melodie zusammenzubinden: Das spröde Cembalo beginnt sogar zu „singen“. Im letzten Satz, einem typischen, einprägsamen Mozart-Kehraus, tänzelt Emelyanychev dank der trennscharfen Töne des Cembalos mit Humor und feinen Farbnuancen durch das mehrfach wiederholte Thema.

Mozart liebte moderne Instrumente, etwa die von Stein und seinen 1782 erworbenen Walter-Flügel. Die c-Moll-Fantasie KV 475 und die Sonate KV 457 in der gleichen Tonart passen dazu: Ihre Raffinesse lässt sich auf einem modernen Flügel kaum darstellen. Denn Mozart setzt den abgedunkelten Bass und die silbrigen oberen Lagen bewusst zu sprechender Klanggestaltung ein. Stimmungswechsel, unvorhersehbare Brüche, überraschende Wendungen der Dynamik, leichtgängige Verzierungen, dazu die Anmutung von Wehmut, Drohung oder Trost – all das lässt sich mit diskreten, filigranen, dennoch energischen Tönen farben- und nuancenreich gestalten.

Emelyanychev spielt Kontraste aus, zupackend und nachsinnend, poetisch verhalten und perlend rasch: kleine Dramen auf den Tasten, die ein moderner Flügel viel wuchtiger und glatter darstellt, wie die D-Dur-Sonate (KV 576) am Steinway eindrücklich beweist. Als Zugaben drei zu den Instrumenten passende Stücke: Sergej Rachmaninows Prélude op. 32/12, Robert Schumanns „Träumerei“ und für das Cembalo – natürlich – Bach.

Die drei Sonaten des Programms hat Maxim Emelyanychev auf einem bereits 2018 veröffentlichten Album eingespielt, das als Stream oder als CD erhältlich ist: https://maximemelyanychev.bandcamp.com/album/mozart-piano-sonatas

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Über Werner Häußner

Redakteur, Musikkritiker, schreibt u.a. für WAZ (Essen), Die Tagespost (Würzburg), Der Neue Merker (Wien) und das Online-Magazin www.kunstmarkt.com.
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