
Intendant in Essen ab 2028: Julien Chavaz. Er kommt aus Magdeburg. (Foto: Sven Lorenz)
Nun ist es also raus: Der Magdeburger Generalintendant Julien Chavaz übernimmt ab der Spielzeit 2028/29 die Intendanz des Aalto-Theaters und der Essener Philharmoniker. Das bedeutet eher künstlerisches Wagnis als Rückzug auf eine Politik des Stromlinien-Repertoires.
Der 44 Jahre alte Schweizer hat 2022 in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt ein Opernhaus übernommen, das um seine Zuschauer kämpfen musste. Seine Vorgängerin, die Britin Karen Stone, hatte sich mit einer vorsichtigen Repertoirepolitik und soliden Inszenierungen redlich bemüht, das Haus zu profilieren. Chavaz setzte kurz nach der Corona-Krise auf gewagte Regiehandschriften und ein vielfältiges Repertoire.
Im Spielplan mixt er Populäres und Zeitgenössisches. Vor Operette und Musical hat er keine Angst. Er pflegt jedoch keine harmlose Unterhaltungsästhetik. Für „Die Blume von Hawaii“ etwa erfand er eine Rahmenhandlung, die Paul Abrahams Operette plausibler machte, ohne die sexistischen und kolonialistischen Anklänge belehrend zu relativieren. Die exotischen Stereotypen erhielten eine absurde Verkleidung. Die Inszenierung zeigte, wie das Theater Menschen verwandeln kann. Auch Nico Dostals „Clivia“ rettete Chavaz durch eine geschickt modernisierende Regie aus der „Unspielbarkeit“.

Stets ausverkauft: die Musicals vor der Kulisse des Magdeburger Doms. Hier „Oklahoma“ von 2026. (Foto: Andreas Länder)
Der Erfolg ließ nicht auf sich warten: Die Open-Air-Musicals auf dem Magdeburger Domplatz (2023 „Evita“, 2024 Andrew Llloyd Webbers „Love never dies“, 2025 „The Addams Family“, 2026 der Klassiker „Oklahoma“) waren ausverkauft. Jan Friedrichs Inszenierung von „Blutbuch“ nach dem Roman von Kim de l‘Horizon schaffte es zum Theatertreffen Berlin. 2025 verliehen die 47 Kritiker der Jury der Fachzeitschrift „Theater heute“ dem Haus überraschend den begehrten Titel „Theater des Jahres“.
Erfolgsbilanz in Magdeburg
Der Kulturminister des Landes, Rainer Robra, fasste treffend zusammen, das Theater verbinde konsequent künstlerische Qualität, Vielfalt und gesellschaftliche Relevanz. Keine üble künstlerische Bilanz! Und da Politiker und Finanziers gerne auf Zahlen schauen: Das Theater hat nach eigenen Angaben 2025/26 die höchsten Einnahmen seiner Geschichte erzielt, mehr als vier Millionen Euro. Die 953 Vorstellungen waren zu 86,1 Prozent ausgelastet. Eine Quote, mit der man mehr als zufrieden sein darf.
Die Besucherzahl liegt mit 162.000 nicht weit entfernt von den 168.000 Menschen, die in der Spielzeit 2018/19 vor der Corona-Pandemie die Magdeburger Bühnen besuchten. All das dürfte in Essen Eindruck machen, wo der Rückgang der Besucher in der Oper – dank einiger ehrgeiziger Entdeckungen und Raritäten, aber auch missratener Inszenierungen – augenfällig ist.

Erfolg mit einer kaum gespielten modernen Oper, Alfred Schnittkes 1992 uraufgeführtem Werk „Leben mit einem Idioten“. (Foto: Gianmarco Bresadola)
In der Oper konnte Julien Chavaz mit prominenten, auch von der überregionalen Kritik gelobten Aufführungen punkten. Als regieführender Intendant stellte er sich in Magdeburg mit Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ vor, gefolgt u. a. von Mozarts „Nozze di Figaro“, Bizets „Carmen“ und der Uraufführung von Oscar Wildes „Salomé“ mit der Musik des irischen Komponisten Gerald Barry.
Als bisher letzte Premiere im März 2026 brachte Chavaz Alfred Schnittkes „Leben mit einem Idioten“ auf die Magdeburger Opernbühne – eine Aufführung, die als fesselndes absurdes Theater beschrieben wurde, als „Parabel auf unsere durchindividualisierte Welt“ und als „eine sehens- wie hörenswerte Aufführung, die einen benommen zurücklässt mit der Frage, wie viel Idiotentum denn unser eigenes Leben bestimmt“.
Musical, russische Rarität, Uraufführung
In der Saison 26/27 inszeniert Julien Chavaz von den neun Musiktheater-Premieren in Magdeburg Richard Rodgers‘ Musical „Cinderella“ (14. November), Nikolai Rimski-Korsakows „Die Zarenbraut“ (23. Januar 2027) und die Uraufführung eines „musikalischen Bilderbogens“ mit Musik von Sarah Nemtzov: „Neverland“. Die Komponistin, deren Oper „Wir“ im Mai in Dortmund uraufgeführt wurde, ist in der kommenden Spielzeit „Composer in Residence“ in Magdeburg.

Zufriedenheit nach der Berufung von Julien Chavaz (Mitte): TuP-Aufsichtsratsvorsitzender, der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen (links) und TuP-Geschäftsführer Fritz Frömming. (Foto: Sven Lorenz)
Die Berufung von Chavaz fällt in eine Zeit, in der die Krise der Theater- und Philharmonie (TuP) Essen offenkundig wird. Tags zuvor hatte der Rat der Stadt ein Sparpaket verabschiedet, das die Zuschüsse von derzeit 58,5 Millionen Euro auf 68,4 Millionen in der Spielzeit 2030/31 deckelt. An diese „moderate“ Lösung, mit der alle fünf Sparten der TuP Federn lassen müssen, aber erhalten bleiben, knüpft die breite Mehrheit wohl die Zuversicht, ohne drastische künstlerische Einschnitte davonzukommen. Eine Hoffnung, die – auch angesichts mehrerer Einsparrunden in der Vergangenheit – wohl eine schöne Illusion bleibt. Da mag noch so viel von Zukunftsentwicklung und Perspektiven die Rede sein. Den Kommunalpolitikern ist daraus kein Vorwurf zu machen – sie haben das Menschenmögliche getan. So lange die Städte Lasten tragen müssen, die ihnen andere aufbürden, so lange Kultur als „freiwillige“ Leistung gilt und so lange erdrückende Schulden vielerorts den Spielraum einengen, wird sich die Situation nicht grundlegend ändern lassen.

Das Opernhaus in Magdeburg. (Foto: Andreas Länder)
Julien Chavaz hat vor nicht einmal einem Jahr seinen Vertrag in Magdeburg bis 2031/32 verlängert. Er darf sich fragen lassen, warum er jetzt in Essen mit dem Aalto-Theater ein Haus übernimmt, für das auch bei gutem Willen nur schwer Perspektiven erkennbar sind. Mag sein, dass ihm der Wechsel aus Sachsen-Anhalt in den Westen gerade jetzt entgegenkommt: Denn sollte ab Herbst in Magdeburg die AfD (mit)regieren und ihre „neue, patriotische Kulturpolitik“ als „Beitrag zu deutscher Identitätsfindung“ durchsetzen, dürfte die Luft nicht nur für das Theater in Magdeburg dünn werden.
Sind die glanzvollen Aalto-Zeiten passé?
Chavaz selbst gibt sich selbstverständlich optimistisch. In der Pressemitteilung der TuP lässt er sich zitieren, er habe „großen Bock darauf, hier Musiktheater und Musik zu machen“. Dennoch ist zu befürchten, dass die ohnehin zu geringe Zahl der Premieren pro Spielzeit noch weiter sinken wird. Und es ist anzunehmen, dass sich Künstlerinnen und Künstler auf einem Niveau, das der Größe des Hauses angemessen ist, nur schwer nach Essen locken und ans Aalto binden lassen. Die fällige Suche nach einem neuen Generalmusikdirektor wird der nächste Prüfstein für die Strahlkraft der Essener Philharmoniker und des Aalto-Opernhauses werden. Die glanzvollen Zeiten, an die Peter Theiler, Interims-Intendant der Spielzeit 2027/28, gerne anknüpfen möchte, sind wohl bis auf weiteres passé.
Immerhin: Der bisherige künstlerische Weg von Julien Chavaz legt nahe, dass von ihm spannende und innovative Impulse zu erwarten sind. Sein Theater in Magdeburg wird in der Stadt auch wegen seiner niedrigeschwelligen Angebote als treibende Kraft für Innovation, Begegnung und Vielfalt wahrgenommen. Ein Beispiel dafür ist das Festival für Neues Musiktheater „eXoplanet“: Es wurde 2025 mit dem renommierten Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet und geht 2027 in seine zweite Ausgabe. Im Magdeburger Spielzeitheft 26/27 stellt Chavaz Theater vor als ein Fest, „das wir dringend brauchen“ in einer auf Effizienz getakteten Welt. Hoffen wir, dass es ihm gelingt, dieses Fest in Essen zu feiern: Denn mit einer ärmlichen Party ist das Musiktheater für sein Publikum und für kommende Generationen nicht zu retten.