Tagesarchive: 2. September 2011

Feridun Zaimoglus Roman „Ruß“: Tristesse im Ruhrgebiet

Auf den ersten Seiten betätigt sich die Hauptfigur namens Renz als Ikonenmaler. Man wähnt sich schon in einer Fälschungsgeschichte. Doch darum geht es nicht.

Die halb schäbig, halb kostbar anmutende Ikonen-Mischung aus Ruß und Goldblatt ist eigentlich schon das edelste, was uns in diesem Roman unterkommt. Der spielt überwiegend in einem gar düsteren, desolaten Ruhrgebiet, noch dazu in winterkalter Trübsal. Man lese nur ab Seite 95 die deprimierende Typenparade aus der Duisburger Fußgängerzone. Vergesst alles Gold, hier bleibt nur Ruß.

Renz ist Arzt gewesen, doch er ist längst ein gebrochener Mann und hilft nur noch seinem Schwiegervater im Kiosk aus. Da treffen sich die Abgehalfterten, die Säufer. Der Handlungsort Duisburg muss abermals für gesteigerte Tristesse herhalten, doch wir wollen gerecht sein: Wenn sich das Geschehen zwischendurch nach Polen und gegen Ende nach Salzburg und Umgebung („Plumpe Bürger…Himmel wie Dreck“) verlagert, nehmen Finsternis und Alkoholismus keineswegs ab. Die ganze Welt ist unerleuchtet. An allen Orten lauert der Abgrund. Und die Menschen gehen einher wie Hinterbliebene des Lebens.

Feridun Zaimoglu schildert in seinem Roman „Ruß“ ein weitgehend abgewracktes Revier mit künstlich aufgepfropften und daher verhassten Schickimicki-Inseln. Zitat gegen jede kulturhauptstädtische Zukunftshoffnung: „Hörense auf, rief der Alte, wenn ich sterb, werd ich wissen, dass Duisburg vor mir verreckt ist. Hörense auf mit dem Tourismus.“

Wie von Geisterstimmen erklingt es in vielfach eingestreuten Fettsatz-Passagen, die aus alter, abgelebter Zeit vor dem „Strukturwandel“ künden. Da ist es, als könne jeden Moment Kommissar Schimanski um die Ecke biegen und ein Lamento übers verfallende Ruhrgebiet anstimmen.

Kriminell geht es auch hier zu, das dürre Handlungsgerüst ist schnell erzählt: Dem Renz haben sie seine Ehefrau Stella ermordet, jetzt kommt der vermeintliche Täter aus dem Knast frei – und ein paar höchst undurchsichtige Gestalten wollen dem Witwer zur tödlichen Rache verhelfen. Oder soll und wird er dabei selbst mit draufgehen? Es ist eine durchweg unheilschwangere Geschichte auf stets schwankendem Boden. Nichts scheint verlässlich. Der unerbittlich rauhe Karl und der übergeschnappte Josef, die Renz alsbald wie Schatten begleiten, könnten ein Zweigespann aus dem Geiste Kafkas sein.

Überwiegend lakonisch, doch insgesamt sehr breit und ausgiebig, mit geradezu manischer Lust am sprachlichen Detail malt Zaimoglu die Atmosphäre der Schauplätze und des zwischenmenschlichen Frostes aus. Der schnoddrige Tonfall klingt „hardboiled“ und transportiert nicht etwa die reale Ruhrgebiets-Mundart, sondern destilliert daraus eine hie und da bis zu Manier vorangetriebene Kunstsprache.

Zaimoglu ist spürbar vom Stilwillen beseelt, große deutsche Literatur zu schreiben. Natürlich ist es ein Gewinn, dass sich der 1964 in der Türkei geborene Schriftsteller seit rund 35 Jahren mit solcher Inbrunst ins Deutsche hineinbegeben hat. Anders als so mancher „Eingeborene“ ruht er nicht eher, als bis er das treffende Wort auch für vermeintliche Nichtigkeiten gefunden hat.

Die Lektüre des neuen Romans bringt allerdings auch Mühsal mit sich. Alle Figuren scheinen aus ähnlichen Hölzern geschnitzt zu sein. Alle sind sie zutiefst desillusioniert, alle reden sie in verwandten Zungen. Hart, abweisend, aggressionsbereit. Auch die Barfrau Marja, in die sich Renz auf seine Weise zu verlieben scheint, passt in diese eintönig schmutzige Männerwelt.

Nicht nur unterschwellig wird hier der Mythos des früheren Ruhrgebiets notdürftig aufrecht erhalten, in dem es noch geradeaus und aufrichtig zuging. Zitat:

„Ein Schwein erkennt man hier ganz schnell…Und dann zeigt man dem Schwein, wo es langgeht. Die Arbeiterkeule.“

Am Schluss, ausgerechnet im österreichischen Ort mit dem schreienden Namen Heiligenblut, nimmt die Geschichte noch eine ungeahnte Wendung. Doch in diesem Leben, in diesem Jammertal wird es keine Erlösung mehr geben…

Feridun Zaimoglu: „Ruß“. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 272 Seiten, 18,99 Euro.

Video: Der Autor liest aus seinem Buch.

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Kino in 3D: Eindimensional ins Mehrdimensionale?

Nervig, blähend, sinnfrei, lautsprecherisch, effektkreischend, hightech-unterworfen – ich sollte noch ein wenig nachdenken, vielleicht fiele mir noch mehr ein um das zu beschreiben, was mir einfällt, wenn ich an das Kino in 3D denke, dessen eindimensionale Fantasie kaum noch zu überbieten ist. Was dem Trickfilm („Oben“, „Wall.e“ und auch „Avatar“) noch bemerkenswerten Reiz verschaffte, verkommt in diesen Tagen zum Spektakel. „Cowboys & Aliens“ oder „Die drei Musketiere“, um nur zwei Beispiele zu benennen.

Über das eigentümliche Epos um die Helden des Westens und ihre universal operierenden Besucher von anderen Sternen muss man nicht gar so viele Gedanken verlieren – absurder geht es kaum mehr. Man könnte auch Neandertaler gegen mit Faser-Kanonen bewaffnete „Frogs“ antreten lassen, die Vorfahren kehlig grunzen lassen, während die Gegner mit dem kommunizieren, wie wir uns so Computerunterhaltung vorstellen, das alles in der dritten Dimension – chic.

Zu den Musketieren habe ich ein beinahe familiäres Verhältnis. Das war der allererste Kinofilm in meinem Leben, Gene Kelly focht als bäuerlicher Gascogner unnachahmliche Kämpfe, bekam keinen Kratzer ab und pflasterte seinen Spitzen-Tanz mit beinahe ehrfürchtig fallenden Gegnern. Viel später ließ Richard Lester Michael York und Oliver Reed jeden sich bietenden Feind niedermetzeln und heftete den Helden reichlich subtile Komik an. Charlie Sheen, damals noch weitgehend nüchtern, und Kiefer Sutherland fochten sich dann durch die Handlung und bereiteten mir immer noch Freude. Was später dann auch John Malkovich gelang, als er mit seinen Freunden Leo di Caprio aus der eisernen Maske befreite.

Ich hege ernste Zweifel daran, dass die dreidimensionale Version auch nur annähernd an die Klasse dieser Vorläufer heran langt, auch wenn das ausgesprochen spektakulär werden wird. Nur, fliegende Festungen nach Art der Luftschiffe wirken derart albern, dass sie nicht einmal mehrdimensional attraktiv sind.

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