Tagesarchive: 22. Dezember 2011

Weihnachtsgeschichte eines Familienmenschen

Heute ist schon der 22. Dezember. Es wird eng. Auf, glückliche Fügung, ich geb dir noch 48 Stunden. Mach hinne.

Wie jedes Jahr, wenn Weihnachten in die Zielgrade geht, beginne ich mein vorweihnachtliches Telefon-Anstarren. Durch regelmäßige eindringliche Blicke versuche ich es in Gang zu setzen: Klingeln sollst du. KLINGELN! Schweigen. Wann immer ich die Wohnung betrete, frage ich meinen Anrufbeantworter, ob er mir nichts zu sagen hat. Hat er nicht – zumindest nicht das, was ich hören will.

Die hartnäckige Maulfäule der Telefone, die den Rest des Jahres fast unausgesetzt irgendwelche Töne absondern, gibt mir immerhin Gelegenheit zum Träumen. Ich stelle mir den ersehnten Anruf einfach schon mal vor. Er geht ungefähr so: Liebes Kind. Du musst jetzt ganz stark sein. Es tut mir schrecklich leid, aber ihr könnt mich dieses Jahr leider nicht besuchen. Sei nicht böse, aber es ist was dazwischengekommen …“ An dieser Stelle bricht mein Traum ab, weil es mir nämlich piepegal ist, was es genau ist, das meine Eltern vom jährlichen GAU abhalten könnte. Hauptsache der Satz mit dem „leider nicht besuchen“ ist in dem zusammengeträumten Anruf enthalten. Nein, das liebe Kind wäre nicht böse. Böse ist es hingegen, dass der Countdown läuft und sich sämtliche Telefone tot stellen.

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