Monatsarchive: November 2011

Kunstvoll Geld verdienen

In Zeiten wie diesen kommen viele Anleger auf die Idee, ihr Geld zu Kunst zu machen. Kurzfristige Gewinne erzielt damit jedoch vor allem eine Gruppe – die der Berater. Einer Szene auf der Spur.

Die "Lesende" von Gerhard Richter, dem teuersten deutschen Künstler.

Kann man sich leisten: Die "Lesende" von Gerhard Richter als Postkarte. Bringt aber kein Geld.

November 2011. Ein abstraktes Bild von Gerhard Richter erzielt bei einer Auktion von Sotheby’s in New York 15 Millionen Euro, fast doppelt so viel wie erwartet. Ein Monat zuvor kam bei Christie’s eines seiner Kerzen-Gemälde unter den Hammer – für 12 Millionen Euro. Gerhard Richter ist 79, und er malt noch immer. Fast jedes Bild, das sein Atelier verlässt, wird seinen Galeristen aus den Händen gerissen. Wohl dem, der einen Richter hat – doch jetzt Richter kaufen?

Wie anders erging es damals Pablo Picasso. Erst zwei Jahrzehnte nach seinem Tod konnte sich die Kunstwelt mit seinem Spätwerk anfreunden. Doch auf dem Kunstmarkt ist Picasso keine sichere Bank: Mal erreichen seine Werke Rekord-Ergebnisse wie im vergangenen Jahr, als ein Käufer für das Ölgemälde „Nackte, Grüne Blätter und Büste“ 106 Millionen Dollar ausgab. Mal zählt er zu den Ladenhütern, wie bei einer Auktion in diesem November.

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Dortmund – Zwickau: Prekäre Partnerschaft

Städtepartnerschaften schlafen mit der Zeit meist ein. Nur wenn sich Daten unabweisbar runden, kommt es zu hehren Fensterreden unter Einsatz von Streichquartetten. Oder so ähnlich.

Dortmund ist verbandelt mit Amiens (Frankreich), Leeds (England), Buffalo (USA), Netanya (Israel), Rostow (Russland), Novi Sad (Serbien) und Xi’An (China). Eine stattliche Liste. Doch längst nicht jede Partnerschaft ist mit Leben erfüllt.

Hinzu kommt seit Dezember 1988 die innerdeutsche Städtefreundschaft mit Zwickau.

Gläserne Rathauskuppel in Dortmund (Foto: Bernd Berke)

Gläserne Rathauskuppel in Dortmund (Foto: Bernd Berke)

Zwickau. Moment. Da war und ist doch was?

Ja, sicher. Dort ist zu DDR-Zeiten der Trabant gebaut worden. Außerdem hat sich die sächsische Stadt in den letzten Jahren als ein Gravitationszentrum rechtsradikaler Umtriebe erwiesen. Mit entsetzlichen Folgen.

Sagt da jemand, dass im Westen der Republik für Dortmund ähnliches gelte? Dass zwischen beiden Orten vielleicht einschlägige, womöglich mörderische Verbindungs-Linien gezogen werden könnten? Also, das wäre ja…

Man könnte derlei prekäre Fragen zum Thema einer solchen Städtefreundschaft machen, über die Form wäre zu reden.

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Ludwig Thuille: Erfinderische Musik mit lyrischer Pracht

Vor 150 Jahren wurde in Bozen der Komponist Ludwig Thuille geboren. Seine Werke sind heute weitgehend unbekannt. Als Lehrer jedoch hat er eine ganze Musikergeneration geprägt. Und seine Harmonielehre ist bis heute im Gebrauch.

Ganz eminent habe das Orchester gespielt, berichtete Richard Strauss am 24. Februar 1886 aus Meiningen, „mit solcher Lust, Liebe und Präcision, dass Du Deine helle Freude gehabt hättest“. Der 21-jährige Kapellmeister hatte soeben mit der weltberühmten Meininger Hofkapelle die F-Dur-Symphonie seines Freundes Ludwig Thuille uraufgeführt. Beide Musiker sollten ein Leben lang befreundet bleiben. Doch so intensiv Thuille die musikalische Welt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beeinflusst hat, so nachhaltig vergessen sind seine eigenen Kompositionen. Zum 150. Geburtstag Thuilles erinnert sich kaum eine musikalische Institution des einst bedeutsamen Komponisten, Kompositionslehrers und Musiktheoretikers. Lediglich in seiner Geburtsstadt Bozen spielt das dort ansässige Haydn-Orchester seine „Romantische Ouvertüre“ in einem Konzert unter Johannes Debus am 13. Dezember.

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Zechen gab es auch im Sauerland

Wer das Wort Zeche hört, der denkt natürlich sofort an Kohlebergbau und an die Gruben im Ruhrgebiet. Allerdings war der Begriff in der frühen Neuzeit auch für Eisenerzgruben im Sauerland in Gebrauch. Auf diesen überraschenden Befund stieß der Historiker Wilfried G. Vogt bei seinen Forschungen über die Gewerbe-Entwicklung im Tal der Ennepe.

Hammerbuch des "Behlinghammer" im Ennepe-Tal von 1774. Er gehörte der Familie Harkort.

So gab es unterhalb der heutigen Ennepe-Talsperre auf dem Stadtgebiet von Breckerfeld eine Grube für Kupfererz, die in Urkunden als „Friedrichs Zeche“ auftaucht. Die Bezeichnung hat auch Sinn, wenn man an die ursprüngliche Bedeutung denkt: Eine „Zeche“ war der Beitrag, den die an einer Grube beteiligten Genossen zu leisten hatten. Im Falle von Friedrichs Zeche sind die beiden Genossen bekannt: Der Bergmeister Goldenberg, gleichzeitig ab 1773 Breckerfelder Bürgermeister, und der Chirurg und Feld-Doktor Nicolaus Caspar Saalmann, der später auch eine Apotheke betrieb.

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„Naked Lenz“ frei nach Büchner: Nackte Jungs im Badezuber

Ich bin fast verzweifelt. Mehr mit mir selbst als durch das Erlebnis im Theater am Abend. Ich hadere mit mir selbst und doch bin ich gleichzeitig aufgeregt – inwendig Getös‘. Das wird sich legen. Bin ich der einzige, der da flau hinausgeht? Bin ich zu alt? Habe ich einen schlechten Tag erwischt? Okay, man muss im Theaterraum stehen, muss manchmal gehen, um am Ort des Geschehens zu sein oder zu bleiben. Das ist nicht bequem. Aber der Mensch soll gefordert werden angesichts der Kunst.

Naked Lenz. Studio Schauspiel Dortmund. Lenz? Das ist doch Büchner. Ja, aber egal. Wir sehen René Pollesch für Dramaturgen. Sorry, das ist mir so rausgerutscht. In der Mitte der Bühne, umgeben von festgeschnallten Birkenzweigen und –stämmen – eine kleine Bude, schmal, weiß und eng, aus der die Schauspieler flitzen und wieder hinein und wieder hinaus. Text wird verabreicht, reichlich und schnell. Was? Okay, das nächste! Ein muskulöser Schauspieler im Kleidchen auf Pumps, eine Blondine in silbrigem Einteiler aus Mars-Produktion. Es geht ums Schreiben. „Schreibst Du für Geld?“. Gleißendes Licht. Man trinkt Cuba libre und braucht Schirmchen, die in rasantem Hin und Her von einem Schauspieler herangeschleppt werden. Slapstick? Nein, Speedy Gonzales. Runter gepitschte Sounds, dumpf und bedrohlich, nicht erkennbare Videobilder.

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Revierderby

Über das Derby an und für sich ist eigentlich alles gesagt. Die Formkurvenverläufe von Borussia Dortmund und Schalke 04 sind ebenso bekannt wie die jeweilige Verletztenliste. Alle Statistiken wurden abermals umgewälzt und liegen abrufbereit in den Datenspeichern. Mit teils absurdem Zahlenstoff füllen TV- und Hörfunkreporter dann wieder das Vakuum, wenn eine Palaver-Pause „drohen“ sollte. Ach, wie gut könnte man da auf manchen Wortschwall verzichten!

Auch die Prähistorie des Fußballklassikers im Revier ist wahrlich hinreichend aufgearbeitet worden. Heute finden sich, vorzugsweise in der regionalen Presse, mal wieder Rückblicke bis in die Vorkriegszeit, als Schalke dominierte. Seit den späten 40er Jahren hatte Dortmund meist mehr Erfolg. Doch wem sage ich das?

Zum Ritual gehört das ständige Kokettieren mit der alten Rivalität. In den Tagen vor dem Derby gibt es z. B. erfahrungsgemäß bei jeder hiesigen Pressekonferenz (wovon sie auch immer handle) eine neckische Anspielungen aufs Match, auch bei den meisten anderen Zusammenkünften ist dies eine Standardsituation. Selbst fußballfernste Geister geben sich auf solch augenzwinkernde Weise leutselig und volksnah. Man muss dann nur ganz arglos Worte wie „Gelb“ oder „Blau“ sagen – und schon wird wohlig wissend gefeixt.

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„Grau“ von Jasper Fforde: Ansichten einer künftigen Diktatur

Ein Mann sieht rot.  Das ist auch gut so, denn Eddie Russett lebt in einer Welt, in der Farbe zu einer Ware geworden ist, welche die soziale Hackordnung bestimmt. Eine Welt, in der Machtbefugnisse alleine darauf basieren, welche Farbe man wie gut sehen kann.

Der walisische Autor Jasper Fforde (weltbekannt geworden mit „Der Fall Jane Eyre“ und weiteren „Thursday next“-Romanen) baut in seinem neuen Roman „Grau“ eine perfekt entworfene fiktionale Welt, überbordend vor Ideenreichtum und Phantasie. In seiner Anti-Utopie veranschaulicht er erschreckend, wie eine Diktatur funktioniert, was sie sympathisch macht und was angreifbar. Zum Beispiel die unüberschätzbare Macht der Neugier und der Wahrheit.

Vor kurzem machte das Bochumer Literaturmagazin Macondo sich selbst und zahlreich erschienenen Zuhörern in der Bochumer Rotunde die Freude einer ganz besonderen Lust am Hören. Jasper Fforde, den Macondo seit Anfang begleitet, inszenierte gemeinsam mit dem Schauspieler und Sprecher Oliver Rohrbeck eine bilinguale Lesereise. Fforde las aus der englischen Originalfassung „Shades of grey“ , Rohrbeck aus der von Thomas Stegers klug übersetzten deutschsprachigen Version.

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Hurra, hurra, „KT“ ist wieder da!

Der Gnade eines herbstlichen Himmels sei Dank: Wir haben ihn zurück, unseren lächelnden, Demut chargierenden, Fehler eingestehenden, dem Haargel entsagenden, neu frisierten Freiherrn. Woher bitte sehr könnte sich auch sonst eine BILD politisch nach Sinn heischende und dennoch endpopuläre Bilder klauben, wie bitte sehr gelänge es den anscheinend ZEITlosen der gleichnamigen Gazette, dem als mega-intellektuell vorverurteiltem Blatt, einen Hauch von Boulevard zu verpassen. „KT“, mittlerweile wohlvertraute Kurzfassung eines ellenlang getauften Adelssprosses mit wilder Entschlossenheit zur Rückkehr in die Bundespolitik, ist wieder da, frisch wie ehedem, geliebt, was nur wenige freudig zugeben, gefürchtet, was nur Horst Seehofer zugibt und vermisst, was die Medien zwar nicht zugeben, aber so schreiben und titeln, dass der Eindruck sich aufdrängt.

Groß aufgemacht: Guttenberg-Story in der heute erschienenen "Zeit" (Foto: Bernd Berke)

Groß aufgemacht: Guttenberg-Story in der heute erschienenen "Zeit" (Foto: Bernd Berke)

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Andreas Dresens Film „Halt auf freier Strecke“: Sterben muss nicht furchtbar sein

Der Arzt spricht ruhig die verhängnisvollen Worte: „Gehirntumor – gestreut – inoperabel“. Frank schaut starr, wartet vielleicht auf das „…aber“, Simone, seine Frau, findet keine Worte, Tränen tropfen wie von selbst aus ihren Augen.

Dr. Träger (auch im echten Leben Neurochirurg in Potsdam) schildert in Andreas Dresens Kinofilm „Halt auf freier Strecke“ nüchtern die Krankheit und ihren voraussichtlichen Verlauf. Er rettet sich in seine fachliche Kompetenz. Zwischendurch nimmt er ein Telefongespräch an, wendet sich dann wieder seinem Patienten zu, sachlich, die nackte Wahrheit. Was soll er auch machen? Ihn trösten, ihn in den Arm nehmen? Das wird dann die Sache seiner Frau, seiner Kinder, seiner Familie. Und es wird keine einfache Sache.

Nein, man kann nichts mehr machen. Vielleicht noch Chemo, aber wirklich helfen wird die nicht. Frank (Milan Peschel) geht weiter arbeiten. Er bedient einen Gabelstapler in einem Baumarkt. Die Kollegen, Freunde, Eltern, alle sind hilflos. Wie geht man damit um, wenn der Tod so sichtbar vor der Tür steht? Aufmunterung wie „Es wird schon wieder“ funktioniert nicht, denn es wird definitiv nicht mehr. Alle wissen das. Frank weiß das. Wir begleiten die Familie und beobachten den Zerfall eines Lebens. Irgendwann kann Frank nicht mehr arbeiten.

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Was Georg Kreisler über Gelsenkirchen sang

Der famose,
unvergleichliche
Liederdichter,
Chansonnier,
Schriftsteller,
Vortragskünstler,
Kabarettist etc. etc.
Georg Kreisler ist mit 89 Jahren gestorben.

Am liebsten würde man sich weigern, diese Tatsache zu akzeptieren. Immer und immerzu diese Zumutungen des Todes, in diesem Falle eine monströse Zumutung. Können die höheren Mächte denn nicht mal über andere Maßnahmen nachdenken?

Wir wollen nicht sagen, er habe ein gesegnetes Alter erreicht, denn das hätte er selbst nicht hören mögen und wahrscheinlich sarkastisch beiseite gefegt. Auch ein schlichtes „Ruhe in Frieden“ hätte ihm wohl nicht gefallen. Überhaupt wollen wir nicht das Offenkundige nachbeten: dass er einer der ganz Großen gewesen ist. Stattdessen hier sein grandioses Lied über Gelsenkirchen.

P. S.: Sehe soeben, dass Stefan Laurin von den Ruhrbaronen auf die (für ein Revierblog) nicht eben fern liegende Idee mit diesem Lied gekommen ist. Manchmal laufen gedankliche Wege eben parallel, dann wieder gar nicht.

Eine von vielen hörenswerten Kreisler-Platten versammelt "Die alten, bösen Lieder" (Kip Records)

Eine von vielen hörenswerten Kreisler-Platten versammelt "Die alten, bösen Lieder" (Kip Records)

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Jamiroquai: Acid-Jazz mit Autsch

Ich war so glücklich. Ein Konzert von Jamiroquai. Endlich. Der eigentliche Termin im Frühjahr war wegen einer Grippeerkrankung von Sänger Jay Kay ausgefallen. Also nun Oberhausen, ein Abend voller Sound, Funk, Acid-Jazz – und Ohrenschmerzen.

Die Ausgangslage war schon ein bisschen schwierig. Die Band hatte eine Absage wieder gut zu machen. Und dann das: Dem Schweizer Alleinunterhalter mit Beatboxing-Qualitäten gehört die Bühne viel länger als geplant – die Combo ist gerade erst in Düsseldorf gelandet. Nebel in London.

Die Ende 2010 erschienene Jamiroquai-CD "rock dust light star" (Mercury Universal)

Die Ende 2010 erschienene Jamiroquai-CD "rock dust light star" (Mercury Universal)

Als Jay Kay endlich um halb zehn auf die Bühne stürmt, ruft er eine lautstarke Entschuldigung in die Halle. Lautstark ist leider auch, was folgt: Der Sound ist brutal und schmerzhaft, unausgewogen. Jay Kays Gesang klingt wie aus einer Blechbüchse, Rückkopplungen stören das Konzerterlebnis. Einige Buhs aus dem Publikum werden laut. Immer wieder zeigt Jay Kay selbst auf die Monitore, geht in den Pausen zwischen den Liedern an den Bühnenrand, flucht „What a fuck is this.“

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Väterchen Franz fehlt uns, trotz alledem

Als Bernd Berke auflistete, „worüber wir inzwischen nicht geschrieben haben“, da stieß mir natürlich sofort Väterchen Franz auf. Bei Facebook gab es zu dem Thema und zur politischen Korrektheit ja schon ausführlichste und strengste Debatten, deshalb will ich hier mal etwas Persönliches beitragen.

So sah der Autor 1969 aus.

Im Jahre 1970 diente ich in der Bundeswehr, weil mein Antrag auf Wehrdienstverweigerung zu spät eingegangen war. Aber im Sommer war es dann so weit, und die Zivildienststelle bei der AWO in Dortmund-Brüninghausen wartete. Dort gab es am Randes des Altenheims statt einer Acht-Mann-Bundesbude eine schnuckelige Zwei-Zimmer-Wohnung für die beiden Zivis, einschließlich einer „Musiktruhe“ mit Plattenspieler, und da liefen immer wieder die Scheiben von Wader, Süverkrüp und Degenhardt, aber auch die Stones und die Beatles und sogar Reinhard Mey. Die „Schmuddelkinder“ und „Tonio Schiavo“ mit seinem Herner Paradies kannten wir natürlich auswendig, und die Diskussion, ob denn die DKP zur Volksfront gehört, die kam erst später im Studium. Emotional war das auf jeden Fall eine tolle Kiste.

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Dortmunder Weihnachtsmärchen: Schrille Hexe, schönes Mädchen

Eine schrille Hexe auf knatterndem Moped, ein schönes Mädchen mit magischer Stimme und ein Held, der vom faulen Nichtsnutz zum glänzenden Retter wird – das sind die Zutaten, aus denen Regisseur und Autor Andreas Gruhn das Weihnachtsmärchen „Die schöne Wassilissa“ gebraut hat, mit dem das Dortmunder Kinder- und Jugendtheater seine jungen Zuschauer in diesem Winter im Schauspiel bezaubern will.

Am Anfang ist der Tod. Zu schwermütigem Gesang verabschiedet sich die kranke Mutter von ihrer geliebten Tochter Wassilissa (Désirée von Delft) und gibt ihr ein Püppchen, das sie fortan beschützen soll. Ein Geschenk, das das Mädchen bitter nötig hat: Denn die böse Stiefmutter (Johanna Weißert) und ihre verzogene Tochter (Jessica Maria Garbe) machen Wassilissa die Heimat zur Hölle.

Aschenputtel lässt grüßen – und auch andere berühmte Geschichten wie die von Hänsel und Gretel schwingen im Laufe des Abends mit. Schließlich gilt Alexander N. Afanassjew, dessen Märchen Andreas Gruhn als Inspiration dienten, als „russischer Grimm“, auch wenn er erst 40 Jahre nach den berühmten Gebrüdern geboren wurde.

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Denkwürdige Vokabeln (3): „Dönermorde“

Ein Kollege, häufig einer, der glaubt, sich besonders BILD-hafter Formulierungen bedienen zu müssen, tut es. Und dann tun es ihm viele andere nach. Ein Etikett ist erfunden, jedermensch bedient sich seiner in der unerschütterlichen Annahme, ungemein auf der aktuellen Höhe zu sein, und schon gibt es neue Bewerbungen um das Un-Wort eines Jahres.

Besonders dämlich, und daher halte ich es für nach wie vor brandaktuell darüber zu schreiben, kamen dieser Tage die „Dönermorde“ daher, die mutmaßlicherweise von frisch „ausgehobenen“ neonazistischen Terrorgruppenmitgliedern verübt worden sein sollen. Dabei sind nicht etwa erfolgreich verlaufende Anschläge auf Drehspieße gemeint, nein, Journalistenkollegen, ermittelnde Beamtinnen und Beamte, Politiker, Juristen – sie sind es, die sich neben allerlei anderen dieser drollig erscheinenden Vokabel bedienen – und sie umschreiben damit den Mord an Menschen.

Da die Opfer zum Teil einer in unserer famosen Republik lebenden Gruppe angehören, der die Mehrheit der in unserer famosen Republik Lebenden vorurteilend nachsagt, ihre Ernährung bestünde hauptsächlich aus am Drehspieß gegarten Fleisch, kam es kurzerhand zu dieser Tat-Umschreibung. Und es kam auch dazu, dass diejenigen, die die Taten beschrieben oder über sie schrieben, sprachlich zu Tätern wurden, weil sie ebenso gedankenlos wie in engstirniger Zeilengläubigkeit diese zynische und herabwürdigende Titulierung erfanden und bis auf den heutigen Tag nutzen.

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Worüber wir inzwischen nicht geschrieben haben

Holla! Als dieses Blog jetzt zwangsläufig für einige Tage offline gewesen ist, hat man erst einmal so richtig gemerkt, wie die Zeit verfliegt und wie die Ereignisse sich türmen.

Was hätte man nicht alles schreiben können, sollen, müssen!

Vom tödlich aggressiven Rechtsextremismus hätte man wohl auch hier nicht schweigen dürfen. Obwohl schon einem Karl Kraus zu Hitler nichts mehr eingefallen ist (ein Ohnmachtsgefühl, das er freilich höchst wortgewaltig zu entladen wusste).

Man hätte dem sauberen Signore Silvio B. einige Worte nachwerfen können.

Man hätte dem am Rande des Reviers (Schwelm) geborenen Franz Josef Degenhardt einen Nachruf widmen müssen. In anderen Atemzügen hätte man Wolf Biermann zum 75. Geburtstag gratulieren sollen. In beiden Fällen hätte es sich dringlich empfohlen, Worte wie „Bänkelsänger“ und „Barde“ zu meiden. Und es wäre gar zu schön gewesen, hätte man nicht den einen gegen den anderen ausgespielt.

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Alfred Sisley: „Der wahre Impressionist“ in Wuppertal

Natürlich kennt man seinen Namen, der so englisch klingt, weil seine Eltern Briten waren. Aber immerhin wurde der Maler in Paris geboren, und zeitlebens hat er sich vergeblich bemüht, die französische Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Aflred Sisley: Le Havre.  (Repro: VDH-Museum)

Aflred Sisley: Le Havre. (Repro: VDH-Museum)

 

Die Kunstbürgerschaft hat er auf jeden Fall erreicht. In Wuppertal, wo zurzeit im Von der Heydt-Museum die erste Sisley-Einzelausstellung in Deutschland hängt, wird er als „der wahre Impressionist“ bezeichnet. Ja, Sisley ist sicher einer der wichtigsten Künstler des französischen Impressionismus, in einem Atemzug zu nennen mit Monet und Renoir, Degas und Pissaro.

884 Gemälde von Sisley sind bekannt, nahezu ausschließlich Landschaften, die er zu den verschiedenen Jahreszeiten in der Umgebung von Paris malte. Dazu gehört auch eine Serie „Überschwemmung in Pont-Marly“, die in den Jahren 1872 bis 1876 entstand.

Sisley wurde 1839 geboren und studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften in London. Dort bewunderte er die Werke von Turner und Constable, und ab 1860 studierte er deshalb in Paris bei dem Schweizer Maler Charles Gleyre.

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Die Kunst, die Putzfrau und Kippenbergers Kichern

Lasset uns offen und ehrlich sein: Im Kunst-Diskurs der Republik spielt Dortmund keine tragende Rolle. Jetzt aber berichten die Medien landauf, landab über einen musealen Vorfall, der einem elend bekannt vorkommt. Ja, es scheint sich hierbei um eine der regelmäßig wiederkehrenden urban legends zu handeln, wie sie immer mal wieder – in leicht variierten Formen – durch die Presse geistern.

Machen wir’s kurz, aber nicht schmerzlos: Eine Putzfrau hat ein teures Kunstwerk (Versicherungswert etwa 800 000 Euro) reinigen wollen und dabei offenbar irreversibel beschädigt. Leider geschehen im Dortmunder „U“, wo auch das Ostwall-Museum untergekommen ist.

Diesmal hat es mit dem in Dortmund geborenen Martin Kippenberger (1953-1997) einen Künstler getroffen, der selbst virtuos und artistisch auf dem Grat wanderte, ja tänzelte, welcher Kunst von Nicht-Kunst scheidet – oder eben auch nicht…

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Zum Tod der Musikjournalistin Sonja Müller-Eisold

Rund 55 Jahre lang hat sie für die Westfälische Rundschau (WR) über Oper, Ballett und Konzerte in der Region geschrieben. Welch eine Zeitstrecke, welch eine Lebensleistung! Jetzt ist die Dortmunder Musikjournalistin Sonja Müller-Eisold mit 80 Jahren gestorben. Eigentlich unfassbar, dass sie ihre angestammten Plätze in den Opern- und Konzerthäusern nicht mehr einnehmen kann. Wie sie denn überhaupt aus dem westfälischen Musikleben kaum wegzudenken ist.

55 Jahre lang für dieselbe Zeitung schreiben – solche Betriebstreue gibt es nicht mehr, kann es nicht mehr geben. Sie ging einher mit einer Zuverlässigkeit, wie man sie heute wohl vergebens sucht. Einen Termin ausfallen zu lassen oder sich auch nur zu verspäten, das war für Sonja Müller-Eisold prinzipiell ausgeschlossen. Im täglichen Wirrwarr der Redaktionsarbeit lernt man solche Festigkeit sehr zu schätzen.

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John Carpenters „The Ward“ – ein November-Gruselchen

Das Genre Grusel, Horror, Gänsehaut und Co. ist ja generell nix für mich. Probieren tu ich’s trotzdem immer mal wieder, so vorurteilsfrei wie möglich, denn es gibt ja auch wirklich spannende und gute Filme dabei.

Im Vorspann zündet eine blonde junge Frau per Streichholz die Gardinen eines Farmhauses an, und während das Haus lichterloh brennt, kommt auch schon die ländliche Feuerwehr angetütatat, und das Nächste, was wir sehen, ist diese blonde Frau Kirsten (Amber Heard) in der Klapse. Ab hier jetzt denk ich schon, dèja vu, kennste: „Girl Interrupted“ aus dem Jahr 2000 (Regie James Mangold). Mit einer ziemlich jungen Winona Ryder und Angelina Jolie (das einzige Mal, wo sie mir gut gefiel – als Irre).

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