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Sprache lieben, Sprache hassen

Gerade wenn man Sprache lieben gelernt hat, so kann man sie auch hassen; jedenfalls einige ihrer Ausprägungen. Wenn einem Schriftsteller erst einmal das süße Gift trefflicher Worte eingeträufelt haben, so erschrickt man umso mehr bei falschen Klängen. Haben einen Hölderlin, Rilke, Robert Walser, Kafka, Gernhardt oder Genazino (etliche andere Namen bitte freihändig einsetzen) mit ihren Tonfällen betört, so behagt manches aus den täglichen Niederungen nicht mehr. Dann muss man sich zuweilen klarmachen, dass doch längst nicht immer im hohen Ton gesprochen werden kann. Was wäre das für eine Welt? Man möchte doch bitte auch recht oft lax und nachlässig sein dürfen. Das ist Menschenrecht.

Doch es kann geradezu körperlich quälend sein, bewusstloses Gestammel zu vernehmen. Jetzt bloß kein wohlfeiles Wort über den Politikbetrieb und den journalistischen Jargon. Aber nehmen wir beispielsweise die seit Jahrzehnten immerzu großmäulig auftrumpfende Marktschreier-Sprache, die dich unentwegt mit Super, Mega, Turbo und Jumbo anbrüllt, dich aus grellrotgelben Prospekten anspringt. Viele sind gegen derlei Kanonaden abgestumpft, so dass die Dosis immer noch gesteigert wird. Den Konsumenten wird dabei immer weniger zugetraut. Satzlängen und Absätze, die man ihnen „zumutet“, werden tendenziell immer kürzer, die verbalen Anforderungen immer geringer. Das frisst sich vom gellenden TV-Privatsender allmählich in Bereiche hinein, die bislang noch immun zu sein schienen. Wo wird diese Nivellierung nach unten enden? Beim Bellen?

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Im Billiggetümmel der Vorstädte

Gerhard Warlich hat einst Philosophie studiert. Brotlose Weisheit, wie sich sehr bald zeigte. Irgendwann verdingte er sich als Auslieferungsfahrer einer Großwäscherei. Jetzt ist er dort seit vielen Jahren Geschäftsführer. Immerhin. Aber ist der 41-Jährige auch glücklich?

Diese schwierige, vielfältige Frage wird im neuen Roman von Wilhelm Genazino genauestens durchbuchstabiert. Der Ich-Erzähler mit dem sprechenden Namen Warlich sucht „Das Glück in glücksfernen Zeiten” (Titel), doch er verzagt immer wieder.

Er führt ein Leben auf Beobachter-Posten und nimmt Alltags-Ereignisse bis in die letzten Verästelungen wahr – wie es Genazinos Streuner und Flaneure seit jeher tun. Dabei verstrickt er sich in ziellosen inneren Aufruhr, den er mit einer „Schule der Besänftigung” ruhigstellen möchte – ein rätselhaftes Vorhaben, das er seinen Mitmenschen kaum vermitteln kann.

Bei seinen Streifzügen durch die Stadt und das „Billiggetümmel der Vorstädte” (Zitat) blickt Warlich in die Abgründe landläufiger „Normalität”. Lauter Halbverrückte und fast Verwahrloste scheinen durch die gesichtslose Gegend zu irren. Die (von Rentner-Schwärmen durchzogene) Tristesse erzeugt ständiges Unbehagen.

Spitzeln im Auftrag
der Großwäscherei

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