„Vaterschaftstest“ – In Markus Behrs märchenhaft optimistischem Roman blüht ein Hagestolz auf

Eigentlich hält der Mittdreißiger Fabian Weinert sich selbst für eine männliche Jungfrau. Bis die eineiigen Zwillinge Ronja und Leonie ihm telefonisch eröffnen: „Wir sind wahrscheinlich mit Ihnen verwandt.“ In einer Ruhrpott-Eisdiele wird das kesse Duo präziser und verblüfft mit ihrer Version eines Glückskeks-Zettels, dessen Botschaft lautet: „Sie sind unser Vater.“

Dabei schien Fabian Weinerts Leben so wohlgeordnet. Weinert ist Single, Lehrer an einem Berufskolleg; seine oft neugierigen Eltern mögen ihn, versuchen beharrlich, den früher überbehüteten Sohn mehr ins Offene zu locken. Immer noch geplagt, aber eben durchaus gewöhnt an leichte Neurodermitis, gelegentliches Asthma und seine Kiel- sprich: Hühnerbrust, macht Fabian als gesellig-sympathischer Einzelgänger dennoch sein Ding.

Gegen seine Neigung zu „Sicherheitsverhalten“ und „Verkrampftheit“ treten an: Jugendfreund Uwe, das befreundete Pärchen Tom und Norah sowie die lässige Therapeutin „Frau Goncalvez“. Fabian selbst schreibt Comictexte, spielt Amateur-Theater, schlägt sich bei Kleinkunstabenden respektabel als Liedermacher mit Gitarre und Loop-Station.

Eine komische Figur mag Fabian zwar sein, ein Loser aber ist er nicht. Dass Fabian – so skizziert – an Figuren Nick Hornbys erinnert, ist sicher kein Zufall. Hornby selbst, sein Buch „31 Songs“, wird im Roman sogar erwähnt. Und wie die Figur Will aus Hornbys Roman „About a boy“ (im Film dargestellt von Hugh Grant) lebt Fabian sein Insel-Dasein, sehnt sich nach einer Frau, wobei es dem oft Zauderndem mehr um Zärtlichkeit als um Sex geht. Die daraus erwachsende Stippvisite bei einer Kölner „Kuschelparty“ gehört sicher zu den komischsten Szenen in „Vaterschaftstest“.

Mutter: Isabella. – Vater: ???

Das plötzliche Auftauchen seiner sechzehnjährigen „Töchter“ aber zwingt Fabian dringlicher denn je, aus seinem Kokon zu schlüpfen. Dabei hilft ihm auch „Frau Goncalvez“, die stets gut gelaunte Therapeutin, die ihm sowieso längst ein Achtsamkeitstraining rund ums Schöne im Leben verordnet hatte.

Der Essener Autor Markus Behr (Foto: © Thomas Tietze)

Behrs Erzählung gewinnt an Tempo, als Fabian über Google und Gespräche zu recherchieren beginnt, was wirklich geschehen sein könnte: vor siebzehn Jahren während einer Gartenparty, nach einer Schülertheater-Aufführung von Kleists „Amphitryon“. Darin spielte der sonst Unbeholfene als Publikumsliebling den beredten Diener Sosias, und die sechzehnjährige Isabella, spätere Mutter der Zwillinge, interessierte sich sichtlich für ihn. Beließen es beide dabei, zu feiern und auf einem Teppich „Vier gewinnt“ zu spielen oder war da etwa mehr?

Auf der Suche nach verlorener Zeit

Obwohl Fabian das Treiben während der Gartenparty minutiös zu rekonstruieren versucht,  findet er nicht mit endgültiger Sicherheit heraus, ob er es war, der Isabella in jener Nacht geschwängert hat oder doch einer der Mitschüler. Hagen Rennebart vielleicht, mittlerweile Anwalt mit Tochter und einer Frau, die aussieht wie Debbie Harry in den besten Jahren. Unterm Strich helfen die eigenen Erinnerungen nicht weiter, kein altes Tagebuch, nicht die Google-Recherchen zu Mitschülern oder die Treffen mit Hagen und der schönen Jasmin, für die Fabian einst schwärmte, auch sie ein Mitglied der Schülertheater-Truppe früherer Tage.

Doppelter Blackout?

Weil also alle Nachforschungen keine Klarheit bringen, macht Fabian sich schließlich auf, um mit den Zwillingen nach Basel zu reisen, wo Isabella mittlerweile wohnt und als Gesangslehrerin arbeitet. Doch auch die – so der nicht ganz überzeugende Trick des Erzählers Behr – ist sich unsicher, was einst wirklich geschah zwischen Euphorie, Rausch und Erfahrungshunger:

„‘Wie gesagt, ich hab auch viel getrunken. (…). Und irgendwas geschluckt. Ich weiß, dass ich in einem dunklen Raum gelegen hab. Und dass ich alles, was passiert ist, auch wirklich wollte. Genau so. Ohne richtig zu wissen, wie es passiert. Und ohne an die Folgen zu denken. (…) Und ohne viel zu sehen.‘“

Immerhin, der aufkeimende Verdacht des Lesers, dass da K.-o.-Tropfen und eine Vergewaltigung das dunkle Geheimnis eines Abends der Erinnerungslücken sein könnten, wird gänzlich entkräftet. Irgendwann im Verlaufe des Romans verliert auch die bohrende Frage nach dem wahren leiblichen Vater der Zwillinge ihre zentrale Bedeutung. Viel wichtiger und lebendiger werden dafür jene Erlebnisse und Erfahrungen – und seien sie noch so verkorkst –, die Fabian, Ronja, Leonie und Isabella bei ihren aktuellen Annäherungsversuchen miteinander machen.

Schöne neue Stimme aus dem Ruhrgebiet

Ob ein Vaterschaftstest je gemacht wird, bleibt zum Ende des Romans offen. Eigentlich ist er auch nicht mehr nötig. Die Zwillinge haben Fabian längst durchgecheckt, getestet, sich auf ihn als ihren Wunschvater eingelassen und suchen nach mehr als nur Wahlverwandtschaft in Gesten und Marotten, Wehwehchen und Begabungen. Fabian selbst hatte schon zuvor im Gespräch mit Jasmin auf die Frage nach seiner Haltung zur möglichen Vaterschaft bekannt:

„Ja, (…) sonst wäre das ja bald alles wieder vorbei.“ (…) „Wenn das wirklich meine Kinder sind, das ist dann doch was Besonderes.“

Habe ich zu viel verraten? Weit gefehlt. Die feine Dialogführung Behrs, seine Figurenporträts, eine Sprache, die mit ihren zärtlichen, komischen, melancholischen Mitteln die Abgründe der menschlichen Komödie nicht leugnet, kann eine Rezension kaum wiedergeben. Der Essener Markus Behr – so viel ist sicher – ist eine neue schöne Stimme aus dem Ruhrgebiet, deren warmherzige Tonlage uns auch deshalb tröstet, weil Happy Ends anderswo nur noch selten möglich scheinen.

Markus Behr: „Vaterschaftstest“. Roman. Wagenbach Verlag, Berlin 2019. 189 Seiten, 12,90 Euro.
(Buchvorstellung am kommenden Samstag, 21. September, um 19 Uhr in der Essener Buchhandlung „proust“)

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