„Mir brennen die Schläfen“: Sound und Lebensgefühl der 70er und 80er Jahre – von Zappa bis zur ZDF-Hitparade

Alle, die sich mal einen Trip in die 70er und 80er Jahre gönnen möchten, nimmt Ulli Engelbrecht mit auf eine Tour durch Zeiten, als angesagte Bands und Musiker beispielsweise noch Golden Earring oder Frank Zappa hießen.

Schon der Titel des Buches spricht Bände: „Mir brennen die Schläfen“. Dieses Gefühl kommt bei dem in Bochum geborenen Autor aber wohl vor allem auf, wenn er mit Kumpel Benny in der eigenen, ansehnlichen Sammlung von Langspielplatten stöbert. Bei rund 2000 Stück mangelt es wohl kaum an Auswahl.

Dass mit Engelbrecht ein profunder Kenner der Rock- und Popszene am Werk ist, zeigen die vielen Geschichten, die ihm bei Songs und Interpreten in den Sinn kommen; seien es nun Pete Townshend von „The Who“ oder Alice Cooper, Titel wie „Born to be wild“ und „Bicycle Race“: Der Autor erzählt locker-flockig und süffisant aus seinen wilden Jahren und darüber, welche Musik bei der damals jungen Generation (er selbst ist Jahrgang 1957) Konjunktur hatte. Auf unzählige Namen kommt er zu sprechen. Die Geschmäcker waren unterschiedlich. Bisweilen blickt Engelbrecht auf musikalische Seitenwege. Wem beispielsweise Krautrock kein Begriff mehr ist, der erhält mit dem Buch eine kleine Gedankenstütze.

Auch Gitte und Vicky gehörten irgendwie dazu

Da dem Autor daran gelegen ist, möglichst umfassend das Lebensgefühl jener Jahre zu schildern, geht er auch auf Liedermacher wie Franz-Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp ein, die vor allem Fans unter jungen Leuten hatten. Das dürfte sich vom deutschen Schlager eher nicht behaupten lassen, auf den Engelbrecht in amüsanter Weise zu sprechen kommt. Gitte, Vicky Leandros und Udo Jürgens sind da nur drei aus einer Schar an Interpreten, die zu der Zeit unbedingt dazugehörten. Zudem geht es um Jahre, in der eine ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck ein echter Straßenfeger war.

Apropos TV: Mit einem Klassiker des damaligen Programms steigt der gebürtige Bochumer in die erste Episode seines Buches ein und gibt genüsslich wieder, wie ein Dialog aus der Serie „Der Kommissar“ ablief. Ein derart monotones Format könnte man wohl heute den Zuschauern nicht mehr zumuten, resümiert er. Der Beliebtheit hat’s keinen Abbruch getan. Denkt Engelbrecht an die Zeit zurück, dann ist bei ihm nach wie vor Begeisterung für Filme wie Flipper und „Percy Stuart“ groß. Ansonsten zieht er das Fernsehangebot jener Tage auf charmante Art durch den Kakao.

Als mitgebrachte LPs in der Bochumer Kneipe liefen

Da wendet sich der „multifunktionale Öffentlichkeitsarbeiter“ (Engelbrecht über Engelbrecht) doch lieber seinen LPs zu. Sortiert habe er sie alle, mit Ordnungssinn sei er nun mal aufgewachsen. Wenn er früher die eigenen Platten nicht in seinem Zimmer hören wollte, nahm er sie mit in eine Kneipe in der Nähe. Das Bochumer Lokal bot seinen Gästen an, mitgebrachte LPs abzuspielen. Es machte, wie der Autor schildert, wahrlich einen Unterschied, ob der Sound aus gleich mehreren Boxen zu hören oder man auf den Schallplattenspieler daheim angewiesen war. So entstand ein gefragter Treffpunkt für Jugendliche, der sich von anderen Kneipen ums Eck deutlich abhob.

Das Lokal habe sich zu einem idealen Ort entwickelt, um junge Männer und Frauen zusammenzubringen, erzählt der Autor. Er erinnert zugleich daran, dass unter Frauen ein anderes Rollenverständnis aufkam, Stichwort lila Latzhose, mit Folgen für den Plattenteller. Auf einmal waren Sänger wie Klaus Hoffmann und Konstantin Wecker gefragt. Denn sie galten als Frauenversteher.

Zum Schluss stellt der Autor insgesamt 99 Platten vor und unterzieht sie einem kurzen und knackigen Musikcheck. Top oder Flop ist hier die Frage. In seinem Fundus ist Engelbrecht dabei auch auf Scheiben gestoßen, die eine echte Rarität sein dürften. Beispielsweise sind die Norddeutschen Witthüser & Westrupp oder der Este Peeter Vähi wohl eher nicht in ein kollektives Musikgedächtnis eingegangen.

Ulli Engelbrecht: „Mir brennen die Schläfen. Rockstorys & Popgeschichten“. BoD (Books on Demand), 180 Seiten, 9,80 Euro.

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