Das Paradies liegt wohl in Giverny – prächtige Monet-Ausstellung im Potsdamer Museum Barberini

Claude Monet: „Getreideschober“, 1890, Öl auf Leinwand (© Hasso Plattner Foundation / Photo: Lutz Bertram, Berlin)

Es ist der wohl teuerste Heuhafen der Welt. Über 111 Millionen Dollar legte ein zunächst anonymer Käufer auf den Tisch eines Auktionshauses, als vor knapp einem Jahr ein Werk von Claude Monet versteigert wurde: Es stammt aus einer Serie von mindestens 25 ähnlichen Bildern, die Monet in Giverny gemalt hat.

In dem kleinen normannischen Dorf an der Seine lebte Monet von 1883 bis zu seinem Tode 1926. Monet, der vorher immer wieder zu neuen malerischen Ufern aufgebrochen war und seinen Wohnort mehrfach wechselte, wollte hier endlich zur Ruhe und der künstlerischen Perfektion nahe kommen. In Giverny fand er sein Paradies, schuf sich seinen eigenen wild wuchernden Garten, in dem er nach Lust und Laune malen, das Licht, die Stimmung und die Natur bei jeder Tages- und Jahreszeit einfangen und auf die Leinwand bringen konnte.

Immer wieder sah er seinen Seerosen-Teich mit anderen Augen, stapfte hinaus in die üppigen Felder und malte die an den Bächen und Flüssen stehenden Pappel-Reihen, mit ihren in der Sonne flirrenden Blättern. Und immer wieder zog ihn das landwirtschaftlich geprägte Umfeld seines Gartens magisch an: Die Studie der Heuhaufen und Getreideschober, die Monet im gleißenden Licht und im herbstlichen Nebel, in frischer Frühlingsluft und bei knisternder Kälte malte, sind seine erste vollständig durch-choreographierte Serie eines einzelnen Bild-Motivs und zeigen ihn als Vorläufer der modernen seriellen Kunst, die durch minimale Variationen ein Thema oder eine Idee von allen Seiten durchdringen und beleuchten, im innersten Wesen erfassen und entschlüsseln will.

Claude Monet: „Seerosen“, 1903, Öl auf Leinwand (The Dayton Art Institute, Ohio)

Bei Wind und Wetter hinaus in die Natur

Wir wissen jetzt, dass Kunstmäzen Hasso Plattner der anonyme Käufer des berühmten Heuhaufens war. Plattner, der als Mitbegründer der Internet-Schmiede SAP zu Reichtum kam und heute in Potsdam Wissenschaft und Kunst nach Kräften fördert, hat seinen Getreideschober an das von ihm inspirierte und finanzierte Museum Barberini weiter gereicht. Dort ist es jetzt Teil einer opulenten Ausstellung, in der nicht nur mehrere Getreideschober – mal im lilafarbenen Abendlicht, mal der klirrenden Kälte trotzend und von Schnee bedeckt – gezeigt werden.

Zu bestaunen sind über 100 Werke des genialischen Berserkers, der bei Wind und Wetter mit Farbe, Pinsel und Staffelei in die Natur hinaus stapfte, um sie künstlerisch zu zähmen und malerisch zu durchdringen: „Orte“ ist der schmallippige Titel der Schau. Denn die Orte, an denen Monet lebte und malte, waren für ihn von entscheidender Bedeutung. „Hier traf das von Wetter, Jahres- und Tageszeiten abhängige Licht auf landschaftliche Gegebenheiten. Hier ging er dem flüchtigen Spiel atmosphärischer Phänomene nach – dem, was zwischen ihm und dem Motiv lag.“ Ortrud Westheider, die Direktorin des Barberini, behauptet das im Katalog. Es ist, mit Verlaub, genauso richtig wie banal und trifft eigentlich auf fast jeden Künstler zu: Oder könnte sich irgendjemand William Turner ohne Londoner Nebel vorstellen, Andy Warhol ohne den Schmelztiegel von New York?

Streifzüge durch Holland, London und Venedig

Doch so banal der Titel, so prächtig die Ausstellung. Der Besucher reist mit Monet an die Orte, an denen er das Licht und die Stimmung als flüchtige Phänomene in sich aufnahm und in rauschhafte Farbwelten verwandelte. Mal ist es ein ärmliches „Gehöft in der Normandie“, der geheimnisvolle „Wald von Fontainebleau“ oder der düstere „Hafen von Le Havre am Abend“, der unter seinen Farbtupfern zum Leben erwacht. Mal fixiert er mit schnellem Strich das simultane Leben und komplexe Gewusel an der „Pont-Neuf in Paris“, am „Boulevard des Capucines“, im „Bahnhof Saint-Lazare“. In London malt er – mit schönem Gruß an William Turner – unzählige Variationen der Waterloo und der Charing Cross Bridge.

Claude Monet: „Der Palazzo Contarini“, 1908, Öl auf Leinwand (Privatsammlung)

Um nicht am deutsch-französischen Krieg teilnehmen zu müssen, lebt er eine zeitlang in Holland und vergnügt sich zwischen Windmühlen, Grachten und Tulpenfeldern. Später, in Argenteuil, blickt er auf die sich im Wasser der Seine spiegelnde Natur. In Vétheuil beobachtet er den Eisbruch auf dem zugefrorenen Fluss, den Sonnenuntergang, die Wiesen und Weizenfelder, in denen sich, kaum erkennbar, Kinder fröhlich tummeln und von der Natur regelrecht verschluckt werden. Er reist nach Venedig und malt den sich im Canale Grande spiegelnden Dogenpalast. An den Küsten Nordfrankreichs sieht er von steilen Klippen hinaus auf die stürmische See und schafft realistisch-dramatische Szenerien.

Dann ist es schließlich Zeit für das eigene Paradies, den Garten von Giverny, die unzähligen Seerosen-Bilder. Fantasievolle Impressionen, freie Pinselführung und expressives Kolorit verschmelzen miteinander, manchmal muten die Kompositionen abstrakt an und weisen in die Zukunft: Die Moderne, die Avantgarde, was wären sie bloß ohne Monet?

„Monet. Orte“: Museum Barberini, Potsdam. Verlängert bis zum 19. Juli, Mi-Mo 10-19 Uhr, Do 10-21 Uhr, 18 Euro, ermäßigt 12 Euro. Infos unter www.museum-barberini.de

Der empfehlenswerte Katalog ist im Prestel Verlag erschienen, er kostet  im Museum 30 Euro und im Buchhandel 39 Euro.

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