Wortwahl (1): „ergattern“

Die Regionalpresse im Ruhrgebiet (vielleicht ja auch anderswo) scheint sich neuerdings auf ein Wort geeinigt zu haben, wenn es um Impfungen geht. Immer und immer wieder heißt es, jemand habe einen Impftermin oder Impfstoff „ergattert“. Das hört sich so flott und gewitzt an, dass es nur seine Unart hat.

Wer hat hier was „ergattert“? Diskreter Blick in ein Impfzentrum. (Foto: BB)

Ganz ehrlich: Ich mag dieses Wort nicht sonderlich, schon gar nicht im besagten Zusammenhang. Nach meinem Empfinden suggeriert es, dass man im Grunde keinen begründeten Anspruch habe. Stattdessen, so der Anschein, hat man Tricks angewendet oder ist zumindest ziemlich clever gewesen. Ja, man könnte sogar meinen, sie oder er habe den Impftermin recht eigentlich „ergaunert“ oder sich erschlichen.

Auch schwingt eine gewisse Knappheit des begehrten Gutes mit. Wenn jemand etwas ergattert, haben andere es eben nicht mehr ergattern können, sie sind also (vorerst) leer ausgegangen. In unserem speziellen Falle wäre dies also ein Quell des allfälligen „Impfneids“.

Laut Herleitung in DWDS.de (Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute) bedeutet ergattern ursprünglich dies: „…sich durch geschicktes Bemühen etw. verschaffen, erwischen’ (16. Jh.), ursprünglich ‘aus einem Gatter oder über ein Gitter hinweg zu erlangen suchen’, weil nach altem Brauch demjenigen, der ein Haus nicht betreten soll, über das Gitter hinausgereicht wird.“ Auch interessant. Diese sprachhistorische Sichtweise erweitert den Phantasieraum und den Bedeutungshof des Wortes. Das ist allemal willkommen, auch wenn es im Hier und Heute nicht direkt anwendbar sein sollte.

Aber nein: Wir werden hier nicht haltlos herumgendern und etwas den Ergatterer und die Ergatterin aus der verbalen Taufe heben. Wer immer das möchte: nur zu!

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Mit diesem kurzen Beitrag beginnt eine neue Reihe in loser Folge.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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