Bilder als Keimzellen für Romane – Graphik-Kalender von Günter Grass in Aachen vorgestellt

Von Bernd Berke

Aachen. „Ich komme immer wieder gern in die Provinz“, freute sich Günter Grass. Dort wisse man Ereignisse wie Ausstellungseröffnungen nämlich noch zu schätzen.

Grass sprach in eigener Sache: Der in Berlin lebende Autor von „Blechtrommel“ und „Butt“ kam gestern nach Aachen, um im dortigen Georgi-Verlagshaus seine Radierungen aus den letzten drei Jahren vorzustellen (Theaterstraße 77, bis Juni, außerdem Farbholzschnitte von Andreas Feiger). Was nur wenige seiner Leser wissen: Grass ist vom Fach. Nach einer Steinmetzlehre in Düsseldorf hat er an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin studiert.

Verhältnismäßig spät wurde Grass als Schriftsteller bekannt. Dieses Metier kann er aber auch dann nicht verleugnen, wenn er graphisch arbeitet: „Mit Bildern kontrolliere ich das Geschriebene.“ Habe er eine Metapher (bildhafter Ausdruck) niedergeschrieben, so erprobe er ihre Wirkung oft, indem er das Ganze noch einmal skizziere.

Kein Wunder also, daß zwischen seinem literarischen und seinem graphischen Werk vielfältige Bezüge bestehen. Motive aus den Büchern wiederholen sich auf den graphischen Blättern, diese wiederum sind häufig „Keimzellen“ der Romane: „Lange bevor ich den ,Butt‘ schrieb, habe ich den großen Plattfisch gezeichnet“, schreibt Grass im Nachwort zu einem Kalender, der zwölf Radierungen der Aachener Ausstellung enthält und soeben herausgekommen ist (Preis 49 DM, Kalendarium für 1984). Betuchteren Grass-Fans wird eine „Vorzugsausgabe“ offeriert. Während die Graphiken auf den Monatsblättern aus Grass‘ „Schublade“ stammen, fertigte er für die Prachtedition eigens ein weiteres Blatt. 150 signierte Exemplare wurden gedruckt (Preis: je 290 DM).

Ein Selbstporträt ziert die Kalender-Titelseite: Günter Grass – Aug‘ in Aug‘ mit „seinem“ Butt. Der Danziger hat sich auch „selbst als Koch“ (Bildtitel) verewigt – mit Kochmütze, finster dreinblickend, vor sich einen abgehackten Gänsekopf: Trauer über den Eingriff in die Natur? „Des Schreibers Hand“ ragt – mit Federkiel „bewaffnet“ – aus einem Steinmeer. Man denkt an Kafkas Wort von der Literatur als Axt für „das gefrorene Meer in uns“. Das April-Blatt zeigt Grass‘ kleinwüchsigen Trommler Oskar aus der „Blechtrommel.“ Weiterer Einfall: Aus einem alten Schuh stürzen Zigarettenkippen.

Die meist skurrilen Motivkombinationen – oft steht Zoologisch-Kulinarisches im Vordergrund – sind handwerklich geradezu schulmäßig zu Papier gebracht. Man kann sich aber des Eindrucks nicht erwehren, daß die Themen, die sich Grass vorgenommen hat, mit dem breiten Strom der Gegenwartskunst nicht mehr allzu viel zu tun haben. Grass ist sich treu geblieben.

Grass wäre nicht Grass, hätte er sich gestern einen Seitenhieb auf die neue Regierung verkniffen: Die von Helmut Kohl vielbeschworene „geistige Erneuerung“ sei, so der Autor wörtlich, „die Reduzierung des Geistes auf Spießermaß“.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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