„Jo, der Froonz“ – Zum Tod von Franz Beckenbauer

Haben soeben den WM-Titel 1974 gewonnen (von links): Gerd Müller, Franz Beckenbauer und Trainer Helmut Schön. (Wikipedia Creative Commons, Bert Verhoeff für Anefo) Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/nl/deed.en

Nein, wir wollen hier nicht seine gesamte (sportliche) Biographie herunterrattern, sie war imposant genug und in Fußball-Deutschlands Breiten unerreicht.

Es gab Zeiten, da hätte Franz Beckenbauer, der gestern mit 78 Jahren gestorben ist, durchaus Bundespräsident oder dergleichen Gewichtiges werden können – zumindest „gefühlt“. Boulevard-Medien krönten ihn gar zum „Kaiser“, nahezu alle Welt übernahm diesen Titel. Was sonst will man in einem Lande machen, das keine Monarchen mehr hat? Nun gut, manche kürten ihn auch zur geradezu erdenthobenen „Lichtgestalt“.

Ganz persönlich erinnere ich mich an einen unscheinbaren, aber vielleicht doch bezeichnenden Moment zur Mitte der 1960er Jahre im Dortmunder Stadion Rote Erde, dem Vorläufer des Westfalenstadions (vulgo Signal-Iduna-Park). Es gastierten die Bayern, damals noch Aufsteiger und Emporkömmlinge der Bundesliga. Franz Beckenbauer fing einen Dortmunder Angriff souverän ab und leitete einen eigenen ein. Da ertönte hinter uns Kindern eine sonore, bayerisch getönte Stimme: „Jo, der Froonz…“ Es lag das ganze Urvertrauen darin, das sie in ihren höchstbegabten Libero hatten und zu Recht haben durften.

Mit der WM 1990 den Zenit erreicht

Schon beim legendären Wembley-Endspiel 1966 ist er mit dabei gewesen, 1974 hat er als Spieler und 1990 als Trainer („Teamchef“) die Fußball-Weltmeisterschaft errungen. Sein stiller Gang übers Spielfeld inmitten des Triumphs ist zum Inbild geworden. Es war der Zenit seiner großen Laufbahn. Damals schien er über manche, wenn nicht alle Zweifel erhaben zu sein. Töricht allerdings seine Einschätzung, nach der deutschen Vereinigung werde die Nationalmannschaft „auf Jahre hinaus unschlagbar“ sein. Noch ungleich törichter dann einiges, was er auf Funktionärs-Ebene unternommen hat. Es soll nicht weiter vertieft werden. Nicht hier und heute. Wie er die WM 2006 nach Deutschland geholt hat? Sagen wir’s mit bedenklich wiegendem Kopfe und den Worten von Gerhart Hauptmann aus dem „Weber“-Drama: „Nu ja ja, nu nee nee“.

Stets tauglich für Gesprächsstoff und Parodien

Zusammen mit dem weitaus weniger eleganten Uli Hoeneß hat Beckenbauer die Grundlagen zur dauerhaften Dominanz des FC Bayern München gelegt. Selbst als Ruhrgebiets-Bewohner – und zumal Dortmunder – muss man solchem Wirken einen gewissen Respekt zollen, auch wenn von „echter Liebe“ in dieser südlichen Richtung natürlich keine Rede sein kann. Trotzdem fehlten die oft goldigen, manchmal auch schneidigen Meinungsäußerungen des sonnigen Gemüts Beckenbauer schon seit einiger Zeit, sie waren stets unterhaltsam und haben für Gesprächsstoff gesorgt. Dankbar haben die Medien jedes Wort aufgegriffen. Sprichwörtlich wurden auch Satzfetzen aus seinen Werbeauftritten – von „Kraft auf den Teller, Knorr auf den Tisch“ bis hin zu „Jo, is‘ denn heut‘ scho‘ Weihnachten?“

Nicht die geringste Qualität Beckenbauers hat sich eben darin gezeigt, dass er wunderbar parodiert werden konnte und also ein unverwechselbares Profil hatte. Allen voran hat dies Olli Dittrich (alias „Dittsche“) bewiesen, der für TV-Features in die Rolle des „Kaisers“ schlüpfte und sogar einen Doppelgänger desselben mimte.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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