Unterwegs zur neuen Ehrfurcht – Erzählungen von Botho Strauß unter dem Titel „Mikado“

Von Bernd Berke

41 filigrane Stäbe hat ein Mikado-Spiel, 41 feingliedrige Geschichten enthält das neue Buch von Botho Strauß. Es heißt „Mikado“.

Strauß taucht abermals ein in die Niederungen, doch auch in die Mythen der Paarwelt. Was hier zwischen Männern und Frauen geschieht, erwächst aus dem Alltag, steigert sich aber zuverlässig ins Fabulöse, ins Sagenhafte. Manchmal führt die Erzähllinie auch steil hinauf zu Visionen und quasi-religiöser Verzückung, die fremd in die jetzige Welt hinein ragen. Dabei ist es zweitrangig, ob die Figuren etwa als Busfahrer oder Rohrleger bezeichnet werden. Wirklich „handfest“ erscheint hier kaum jemand.

Gleich die erste Geschichte gibt sich flirrend rätselhaft. Nach Zahlung eines hohen Lösegelds liefert die Polizei die entführte und nun freigelassene Fabrikantengattin ab. Doch der Mann erkennt sie nicht mehr: Ist es denn nicht eine Fremde, die sich da im Hause einnistet? Allerdings weiß sie über alle alten Ehevorfälle genau Bescheid.

Der Band wimmelt vor undeutlichen, verwechselbaren Menschen; ganz so, als seien sie und ihre Beziehungen durchlässig geworden für Metamorphosen aller Art. Aus solchen Schwebelagen gewinnt Strauß vielfältige Querbezüge zur Mythologie. Eine Episode spannt den Bogen epochenweit: von der antiken Fadenzieherin Ariadne über den Schriftsteller Jonathan Swift bis zu deren heutigen „Nachgeburten“ (Strauß), die sich nur noch im schwachen Abglanz der alten Typenmuster erschöpfen. Sie ähneln bleichen Wiedergängern.

Etliche Personen sind gar eremitisch oder mönchisch aus der verwahrlosten Gegenwart gefallen. Für Strauß seit jeher ein Zeichen: Sie sind zu Höherem berufen – als Vorboten  eines gänzlich anderen Daseins des ehrfürchtigen Schweigens und Schauens.

Da sind etwa die zweisam einsamen Paare, die nicht mehr gesellig „scharwenzeln“ und die niemand mehr besuchen mag. Oder jene Leute, die jegliche Liebesraserei mitsamt der Sexualität hinter sich gelassen haben. Alleinsein, Askese und milder Wahn geleiten hier auf fromme Königswege. An den Wegesrändern wabert zuweilen Weihrauch; auch in der stellenweise überaus kostbar klingenden Sprache mit allerlei Raritäten-Einsprengseln (Lexikon bitte bereithalten).

Dem manchmal salbungsvollen Ton zum Trotz, entfaltet Strauß ein reiches, oft schmerzlich präzises Panorama menschlicher Leidens-Verhältnisse. Da liegen auch einige Nerven blank, es schwelen oder lodern Aggressionen. So malt sich der eingangs erwähnte Fabrikant insgeheim aus, wie er der Frau an seiner Seite beim Mikadospiel irgendwann ein spitzes Stäbchen durch die Wangen stoßen wird…

Für Strauß‘ „Mikado“-Geschichten gilt hingegen: Er hebt die imaginären Stäbchen beim Erzählen sehr umsichtig an, als wär’s eine kontemplative Übung. Nichts ruckelt.

Botho Strauß: „Mikado“. Carl Hanser Verlag. 173 Seiten. 17,90 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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