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Buchtipps zum Fest: Peter Rühmkorf, Christa Wolf, Wembley-Tor, Krimi und Architektur

Ist da draußen noch jemand auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken in Buchform? Hier ein paar empfehlende Hinweise in verschiedenen Geschmacksnoten:

Zunächst die so genannte Hochliteratur, wie es sich konservativ-feuilletonistisch gehört:

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Rühmkorfs funkelnde Lyrik

Das ist wahrlich kein Geheimnis mehr: Der 1929 in Dortmund geborene, später freilich aus hanseatischer Überzeugung in Hamburg ansässige Peter Rühmkorf gehört zu den wichtigsten Lyrikern der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Insofern ist eine Gesamtausgabe seiner Gedichte ein besonderes, vielfach funkelndes Juwel der Sprachkunst. Rühmkorfs Tod im Jahr 2008 bedeutet einen immensen Verlust für die Literatur, der immer noch schmerzt.

Er war (ähnlich wie der mit ihm befreundete Robert Gernhardt) einer, der die Überlieferung von Reim und Metrik wach und lebendig gehalten hat – und er hat die althergebrachten Formen mit neuen Inhalten reich gefüllt. Im souveränen Spiel mit gebundenen und freien Versen kommt ihm im hiesigen Sprachraum wohl keiner aus seiner Generation gleich.

Die von Bernd Rauschenbach sorgfältig edierte Ausgabe „Sämtliche Gedichte“ enthält alle Lyrikbände von 1956 bis 2008 und (in Auswahl) ganz frühe Schöpfungen, die ab 1947 im Selbstverlag erschienen sind.

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Eine Peter-Rühmkorf-Allee oder Kippenberger-Straße in Dortmund – warum eigentlich nicht?

Irgendwo da unten müssten doch ein paar passende Straßen zu finden sein. Hie und da entstehen ja auch Neubauviertel. (Foto von 2012, vom Florianturm herab: Bernd Berke)

Irgendwo da unten müssten doch ein paar passende Straßen zu finden sein. Hie und da entstehen ja auch Neubauviertel. (Foto von 2012, vom Florianturm herab: Bernd Berke)

Zuweilen hat man den Eindruck, dass zum Beispiel Dortmund einige seiner Straßen im Rahmen eines engeren Horizonts benannt hat. Jedenfalls sagen einem viele, viele Namen herzlich wenig – und oft genug fehlen erläuternde Hinweise auf den Schildern. Lokale und regionale Verdienste in allen Ehren. Doch manches mutet provinziell an.

Aber gibt es denn nichts Dringlicheres im Gemeinwesen? Sicherlich. Jedoch…

Wenn schon ortsbezogene Namen: Warum bringt es die Kommune dann nicht fertig, Straßen oder Plätze nach wirklich bedeutsamen Kulturschaffenden jüngerer Zeit zu benennen, die immerhin in Dortmund geboren wurden? Zwar sind sie nicht ihr Leben lang hier geblieben (was leider von mangelndem Kultur-Magnetismus des Ortes zeugt), doch siehe: Weder Karl Marx noch Rosa Luxemburg, weder Goethe noch Haydn oder Arndt haben hier je gelebt oder auch nur den Flecken besucht, sie sind nicht einmal gebürtige Dortmunder gewesen. Dennoch sind hiesige Straßen nach ihnen benannt, so wie vielerorts und allüberall.

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Zum Tod von Peter Rühmkorf: Hochseilartist der Sprache

Welch eine betrübliche Nachricht! Peter Rühmkorf ist tot, der wohl vielseitigste und wortmächtigste Gegenwarts-Lyriker deutscher Sprache. Man hat bang damit rechnen müssen, denn der 78-Jährige war seit längerer Zeit schwer krebskrank. In seinem letzten Lyrikband „Paradiesvogelschiß” hat er davon bewegendes Zeugnis abgelegt.

Zuletzt schrieb er von Angst getrieben, dass er dieses und weitere Werke nicht mehr werde vollenden können. Aus seinem geliebten Hamburg hatte sich der gebürtige Dortmunder bereits ins Lauenburgische Land zurückgezogen – fernab vom Lärm und Streit der Welt, dem der couragierte Mann nie ausgewichen war.

Just gestern hatte ihm die Stadt Kassel noch den „Literaturpreis für grotesken Humor” zugesprochen, der ihm nun posthum verliehen wird. Einer der früheren Preisträger war Robert Gernhardt gewesen, mit dem Rühmkorf eine enge Freundschaft und die unbändige Freude am Spiel mit der Sprache verband.

Entschieden links,
aber nie fanatisch

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Rühmkorfs „Paradiesvogelschiß“: Auf jedem Blatt ein goldener Spruch

Es gibt wohl keinen lebenden deutschen Lyriker, der an den gebürtigen Dortmunder Peter Rühmkorf (78) heranreicht. Der Mann gehört in die ganz großen Traditionslinien deutscher Dichtung; vielleicht gar auf die Höhen eines Heinrich Heine, auf den er sich immer wieder bezogen hat.

Jetzt ist der Gedichtband „Paradiesvogelschiß” erschienen. Rühmkorfs Gesundheitszustand, so hört man, sei sehr bedenklich. Er hat geglaubt, das Werk schon nicht mehr vollenden zu können. Der passionierte Hamburger, seit Jahrzehnten in der Hansestadt verwurzelt, hat sich mit seiner Frau in ein Reetdachhaus im Lauenburgischen zurückgezogen. Auch das ist ein Zeichen des Abschieds.

Die wunderbar klappernden Verse des einleitenden Gedichts „Paradiesvogelschiß” erinnern von fern her an Fontanes „Ribbeck von Ribbeck”. Sie besagen, dass manches, was man im Leben als „Mist” beklagt, sich irgendwann als Geschenk erweisen kann. In diesem Falle düngt der zunächst verhasste Vogelmist einen Baum mit zauberhaften Blättern, von denen man – alt und schwach geworden – Witz und Ideen pflückt: „Und genieß dich getrost als Beschenkten!”, heißt es am Schluss. Man spürt da ein abendliches Glänzen.

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Peter Rühmkorf: „Ich wollte Tag für Tag mein Ich zusammensetzen“

Den „großen Roman“ hat er nie geschrieben, als Dramatiker blieb er glücklos. Doch Peter Rühmkorf gilt vielen als wichtigster lebender Lyriker in Deutschland. Jetzt hat er – mehr als 30 Jahre „danach“ – unter dem Titel „Tabu II“ bei Rowohlt seine Tagebücher von 1970/71 vorgelegt. Es war die Zeit des beginnenden RAF-Terrors, des allmählichen Zerfalls der APO (Außerparlamentarische Opposition) – und eine Zeit, in der Rühmkorf in Hamburg eine heimliche Liebschaft hatte. Ein Gespräch mit Rühmkorf auf der Frankfurter Buchmesse.

Frage: 1970 waren Sie knapp über 40 Jahre alt, und da haben Sie etwas Erschreckendes geschrieben, nämlich dass ein Mann sich ab 40 am besten einbalsamieren lassen soll…

Peter Rühmkorf: Mh. Habe ich das wirklich geschrieben?

Nun, das genaue Wort lautete wohl „mumifizieren“. Aber Sie haben sich damals doch auch ganz schön ins Leben gestürzt: St. Pauli, die Kneipen…

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Im rhythmischen Urgrund der Poesie – Der Dichter Peter Rühmkorf wurde vor 70 Jahren in Dortmund geboren

Von Bernd Berke

Nein, diesen Mann können wir beim besten Willen nicht für „uns“ reklamieren: Der Dichter Peter Rühmkorf, der am kommenden Montag (25. Oktober) 70 Jahre alt wird, wurde zwar 1929 in Dortmund geboren, ist aber in Niedersachsen aufgewachsen. Und nun lebt er schon seit Jahrzehnten in Hamburg.

Kein westfälischer Autor also. Aber dafür der vielleicht sprachmächtigste und differenzierteste Lyriker, den die Deutschen haben. Bücher wie „Haltbar bis Ende 1999″ (erschienen 1979), „Außer der Liebe nichts“ (1986), „Einmalig wie wir alle“ (1989) oder der soeben herausgekommene Band „wenn – aber dann“ sollten eigentlich zur literarischen Grundausstattung gehören.

Aber halt! Gar so einfach ist es nicht. Zwar klingt sein Tonfall oft flapsig, witzig oder kalauernd. Doch etwas Lese-Erfahrung ist schon recht nützlich, wenn man sich seinen Texten nähert. Dann kann man ihre Kunstfertigkeit doppelt genießen. Denn sehr intensiv hat sich Rühmkorf mit den Traditionen der Gattung auseinandergesetzt – angefangen von frühen Wurzeln in den „Merseburger Zaubersprüchen“ und bei Walther von der Vogelweide, weiter über Klopstock und Hölderlin, bis hin zu Heinrich Heine, zum Expressionismus und Gottfried Benn. Wie unter den Gegenwartspoeten sonst nur noch Robert Gernhardt, treibt Rühmkorf ein äußerst virtuoses Spiel mit Versmaßen und Reimformen, die durch Kitsch und Werbung diskreditiert zu sein schienen.

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Wenn die Zeit den Dichter krank macht – ein Gespräch mit Peter Rühmkorf auf der Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. Peter Rühmkorf, 1929 in Dortmund geboren, zählt zu den versiertesten Sprach-Artisten der deutschen Literatur. Jetzt ist sein Werk „Tabu 1 – Tagebücher 1989-1991″ (Rowohlt, 624 Seiten, 54 DM) erschienen, scharfzüngige Zeitschau der „Wende“-Phase aus erschütterter linker Sicht – und bewegender Bescheid von den Leiden des Alterns. Ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse:

Sie Verraten in Ihrem Buch einige peinliche Dinge über Prominente. Zum Beispiel, daß der Dramatiker Rolf Hochhuth gelegentlich Selbstgespräche auf öffentlichen Toiletten führt. Ist das nicht Tratsch?

Peter Rühmkorf: Ich wollte kein Schlüsselloch-Buch schreiben. Trotzdem sind mir im Laufe der Jahre einige kleine Szenen über den Schirm gehuscht, die ich mitgenommen habe.

Am wenigsten haben Sie sich selbst geschont. Sie schildern detailliert ihre körperlichen Beschwerden.

Rühmkorf: Es kommt ja nicht nur auf den rohen Inhalt an. sondern darauf: W i e ist es gemalt? Wenn Rembrandt, der junge Dürer oder auch Horst Janssen sich selbst gezeichnet haben, wie unbarmherzig sind die mit sich umgegangen! Weil es einen berechtigt, scharf auf die übrige Welt zu blicken.

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