“Macbeth” in Bochum: Das Böse ist nur ein Gaukelspiel

Bochum. In Shakespeares „Macbeth” geht es wahrlich archaisch und blutig zu, doch das Grundmuster kommt einem gar nicht mal so unglaublich fremd vor: Lady Macbeth, jene krankhaft machtsüchtige Gattin, stachelt ihren Mann an, alle möglichen Widersacher auf dem Weg zur Königsherrschaft beiseite zu schaffen. Der anfangs skrupelhafte Macbeth steigert sich in Rausch und Wahn hinein. Und wie deutet die junge Regisseurin Lisa Nielebock die Tragödie in Bochum?

Die Bühne (Kathrin Schlecht) ist leergefegt. Nur ein paar metallische, mit Kletter-Gestänge und Türen versehene Säulen ragen da hoch auf. Reichlich Platz also, auf dem sich Phantasien und Phantome ausbreiten können. Und so geschieht’s: Wir erleben vorwiegend Geisterspiele, Alpträume, irrlichternde Kopfgeburten. Und zwar hurtig. In weniger als zwei Stunden ist die ganze Sache gespenstisch abgetan. Auch das abgründig Böse ist letztlich nur ein Gaukelspiel.

Branchenübliches, gewiss nicht mehr provokantes Verfahren: Der Text (Übersetzung von Thomas Brasch) ist zwar nicht vollends skelettiert, wohl aber arg gekürzt und teilweise umgeschichtet worden. Etliche Satz-Bruchstücke von abwesenden Nebenfiguren werden hier auf eine neue Gestalt namens „Ein Nichts” (Agnes Riegl) gehäuft, die gleichsam als Göre den ruhelosen Kobold der Inszenierung gibt, doch auch den Jammer bis ins Opernhafte treibt. Jedenfalls: Das Nichts ist hier ein steter Gast, als sei’s ein Endzeit-Stück von Beckett.

Der Wille zur Kürze verlangt Opfer, zumal von den zuweilen ins Konzept gezwängten Darstellern. Sehr unvermittelt muss Lady Macbeth (Lena Schwarz) nach den ersten Mordtaten dem Wahn anheimfallen. Eben noch intrigant, jetzt schon nicht mehr zurechnungsfähig. Macbeth (Martin Rentzsch), von Beginn an mit blutigen Händen, hat seine verstörendste Vision (der Geist des ermordeten Banquo erscheint ihm auf schauderliche Weise) hier nicht etwa beim wirklichen Bankett. Die Gäste sind als Geisterschar nur imaginär vorhanden.

Fast schon mit kühlem ärztlichen Interesse konzentriert man sich also ganz auf Raserei und Hirnfraß. Alles gar zu offenkundig Gesellschaftliche wäre demnach wohl nur schnöde Ablenkung. Derweil scheint die Erotik des mörderischen Herrscherpaars längst erloschen, sie ist nur noch schemenhaft als dunkle, untergründige Triebkraft zu ahnen. Es ist wie bei Kindern, die mit aller schreienden Unbedingtheit ihren Willen haben wollen.

Kein Wunder, dass die drei Hexen mit ihren doppeldeutigen Prophezeiungen hier häufig, ja nahezu penetrant präsent sind. Sie geben Takt und Melodie vor, wenn sich die naturwidrige Apokalypse entfaltet. Freilich gerät das ganze mitunter ein wenig zum Budenzauber. Da maunzt und jault es auch schon mal unfreiwillig komisch. Doch zwischendurch erklingen teutonisch tiefernst die in deutschen Theatern immer gern gewählten „Einstürzenden Neubauten” – mit der Zeile „Sehn-Sucht ist einzige Energie”. Es muss wohl etwas dran sein, man hätte allerdings gern noch etwas mehr davon erfahren.

Der einstige König Duncan (Klaus Weiss) war wie ein gutmütig verwirrter Onkel. Sein Sohn Malcolm (Marco Massafra), der schließlich nach dem Tod des Usurpators Macbeth die Königswürde erbt, kommt als routinierter Rhetoriker ohne sonderliche Moral oder Sehnsüchte daher. Er könnte ein gewiefter Politiker aus neueren Epochen sein. Doch anders als im Stück bereiten die Hexen auch ihm schon das Menetekel. Es fällt Schnee auf ihn herab. Kältere Zeiten.

Sehr herzlicher Beifall nach Bochumer Art, vereinzelte Buhrufe.

Zur Person

• Die Regisseurin Lisa Nielebock wurde 1978 in Tübingen geboren.
• Nach einigen Jahren als Schauspielerin in der Freien Theaterszene (Tübingen, Stuttgart, München) studierte sie Regie an der Folkwang-Hochschule in Essen.
• Es folgten diverse Regie-Assistenzen, etwa am Bayerischen Staatsschauspiel in München und bei den Ruhrfestspielen.
• Seit 2005 ist sie als Hausregisseurin am Schauspielhaus Bochum engagiert.
• Dort inszenierte sie u.a. Sarah Kanes „Phaidras Liebe” und Henrik Ibsens „Gespenster”. Besonderen Zuspruch fand ihre Bochumer Deutung von Kleists „Penthesilea”.

(Der Beitrag stand am 9. Juni 2008 in der “Westfälischen Rundschau”)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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