Paul Auster: Aufregend ungewiss

Schon die Umschlaggestaltung des Buches deutet auf vergangene Zeiten hin. Doch die können bekanntlich weiter wirken. Paul Austers neuer Roman „Unsichtbar“ führt zurück bis 1967. Da ist der hochbegabte Schönling Adam Walker gerade mal 20 Jahre alt, studiert an der Columbia University in New York und träumt von einer Laufbahn als Schriftsteller.

Auf einer Party spricht ihn ein mephistophelischer Typ an. Der sonst in Paris lebende, 36-jährige Rudolf Born ist Gastprofessor für Politik und bietet Walker einen geradezu faustischen Pakt an, bei dem vielleicht die Seele auf dem Spiel steht: 25000 Dollar für eine Literaturzeitschrift, die Walker weitgehend nach Gusto gestalten darf. Einfach so. Weil Born erklecklich geerbt hat und der Novize ihm gefällt. Oder treibt er etwa nur ein hinterhältig zynisches Spiel mit ihm? Auch auf diese Idee könnte man verfallen, wie auf so viele andere, die einander irritierend überlagern. Der Leser muss hier vielen Fährten folgen.

Virtuos und postmodern zirzensisch spielt Auster die Möglichkeiten durch: Die kunstvoll angerichtete Fiktion will es, dass der inzwischen todkranke Walker im Jahr 2007 autobiographisch zurückblickt. Einem Jugendfreund, der es zum prominenten Schriftsteller gebracht hat, sendet er die Manuskripte zur Prüfung und Bearbeitung. Schon dadurch kommen Verschiebungen und Brüche in Spiel. Jede Aussage wird relativiert, beginnt gleichsam zu flimmern und zu funkeln.

Die drei großen Teile der Geschichte werden aus verschiedenen Perspektiven erzählt, die immer mehr Distanz zum Geschehenen schaffen: zuerst aus Ich-zentriertem Blickwinkel, dann aus halbnaher Du-Draufsicht, schließlich aus fahrigem, nur noch skizzenhaftem Er-Abstand. Zitat nach dem ersten Drittel der Erzählstrecke, mit Bezug zum Titel: „Indem ich von mir selbst in der ersten Person schrieb, hatte ich mich lahmgelegt, mich unsichtbar gemacht…“ Wie denn überhaupt der Erzählende hier mal sichtbar und mal im Verborgenen Fäden zieht. Sinnfälliges Beispiel aus einer Bibliothek, in der Walker als Student jobbt: Wird dort ein Buch an falscher Stelle eingeordnet, bleibt es auf Jahre hinaus oder für immer unauffindbar, also gleichsam „unsichtbar“. Ähnliches dürfte auch für Verdrängtes im Leben gelten.

Die Formenspiele mit Erzählmustern könnten ins Akademische oder Metaliterarische abdriften, doch Auster meidet diese Klippen. Die Ortsmarken (New York, Columbia University, Paris) liegen auf seiner eigenen Lebenslinie. Aber sein Buch ist ein zuweilen teuflisches Vexierspiel, das realistische Vorgaben weit hinter sich lässt.

Verstörende Vorfälle rufen die gewaltigen Urthemen Eros und Tod auf. Rudolf Borns rätselhaft schweigsame Geliebte Margot lässt sich auf eine mehrwöchige Affäre mit Adam Walker ein. Weiß Born davon, hat er die sexuelle Gelegenheit gar herbeigeführt? Und wie riskant ist es, wenn Walker die Beziehung zu Margot bei einem Studienaufenthalt in Paris wieder anknüpft? Sein Credo ist jedenfalls eindeutig: „Sex ist der Herr und Heiland, die einzige Erlösung auf Erden.“

Doch der Tod ist eine mindestens ebenbürtige Kraft: Ein Farbiger will in einer New Yorker Nacht einen Raubüberfall auf Walker und den sinistren Born verüben. Letzterer hat den Kleingangster nicht nur in vermeintlicher Notwehr erstochen, sondern ihn (als Walker einen Arzt rief) hernach in der Finsternis offenbar regelrecht abgeschlachtet. Dabei war die Waffe des Schwarzen nicht einmal geladen. Hätte Walker die Tat verhindern können? Um nicht in Selbstvorwürfen zu ersticken, ist er fortan wie besessen von dem Gedanken, dass Born seine Tat sühnen müsse. Er schickt sich an, das Leben des Professors zu zerstören…

Der Mord wird im Laufe des Buches ebenso wenig „aufgeklärt“ wie etwa die Inzest-Orgien, die Walker eine Zeitlang mit seiner geliebten Schwester Gwyn zelebriert haben will. Hier wetterleuchtet auch noch die fatale Familiengeschichte hinein: Der kleine Bruder der beiden ist vor Jahren ertrunken.

Die mit Inbrunst betriebene, doch vielfach prismatisch gebrochene und letztlich vergebliche Suche nach „Wahrheit“ beschreibt den Spannungsbogen dieses grandiosen Romans. Auch zwischenzeitlich eingestreute Gerüchte, Born sei vielleicht Geheimdienstler (also auch so ein „Unsichtbarer“) und habe im Algerienkrieg für Frankreich gefoltert, bleiben bloße Spekulation, fügen der Handlung jedoch weitere Energiefelder hinzu. Elektrisierende Ungewissheit allenthalben.

Unauslotbar geheimnisvoll sind auch die Charaktere. Wie Gespenster irrlichtern sie durch ihr Dasein, manchmal nahezu unsichtbar. Rückblickend betrachtet, sind sie vielleicht nur ein Hauch auf Erden gewesen.

Ohne seine Figuren jemals zu überfrachten, gelingt es Auster überdies, an ihrem Beispiel wechselnde geschichtliche Verhältnisse darzulegen, zumal vor dem Horizont des Vietnamkriegs und der anschwellenden Proteste in den USA und Europa, wo man um 1967/68 schon mit anderen Wassern gewaschen zu sein scheint als in den Staaten.

Auch bei der Historie hat es nicht sein Bewenden. Überzeitliche Fragen klingen an: Wie viel Grausames darf und muss man Mitmenschen im Namen der Gerechtigkeit zumuten? Welche Spuren kann jemand in der Welt hinterlassen? Wann wird eine Tat unverzeihlich und ist nie wieder gutzumachen? Stoff für eine halbe Ewigkeit.

Paul Auster: „Unsichtbar“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz. Rowohlt. 316 Seiten, 19,95 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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