Paul Nizon und die Goldadern der Kunst

Paul Nizon lebt und schreibt aus voller Brust elitär, die allermeisten Verhältnisse lässt er weit hinter sich liegen. Er grenzt sich streng ab, hält sich heraus aus dem gängigen Streit der Zeit, besteht auf „Niemandszugehörigkeit“. Kritiker, die ihm weniger gewogen sind, halten ihn für einen prätentiösen „Dichterdarsteller“. Nach üblichen Maßstäben ist der 1929 in Bern geborene Nizon ein Bewohner des Elfenbeinturms.

Jetzt sind seine Journale der Jahre 2000 bis 2010 erschienen. Sie erheischen langsame, einlässliche Lektüre und häufiges Innehalten.

Es gibt nur wenige, die ihr ganzes Dasein so sehr mit Mühsal und Triumph der Schriftlichkeit gleichsetzen, die so unbedingt das Künstlertum im althergebrachten Sinne beschwören. Zitat: „Nur das Wort gewordene oder besser Poesie gewordene Leben ist lebenswertes Leben.“ Konsequenz: „Und darum verachte ich all die kleine Verbrauchskunst, so amüsant oder bestechend oder interessant sie auch sein mag…“ Unerbittliche Forderung: „Nur das Bis-an-die-Grenze-Gehen zählt oder genügt in Sachen Kunst.“

Paul Nizons geistesaristokratischer Dünkel geht freilich einher mit ausgesprochener Sympathie für die Clochards und Verzweifelten. Auf den ersten Blick findet man seine Texte vielleicht nicht sonderlich „welthaltig“, doch kann man, seinen Schilderungen aus der Nahsicht folgend, bei jedem Schritt und jeder Wendung den Atem anhalten. Satz für Satz klingt seine augenblickliche Staunensbereitschaft an, er selbst sagt es so:  „…daß ich am Morgen beim Hinausgehen und Tagbegrüßen immer noch wie ein Kind voller Wundererwartung einhergehe…“ Daraus erwächst dann wortwörtlich „Sagenslust. SPRACHLUST.“

Die Journale nehmen einen sogleich gefangen, wenn er etwa zu Beginn rückblickend von den frühen Jahren in Paris spricht, wo er als „Lebensanwärter“ auf den „offenen Markt des Lebens“ tritt und sich alles vor schierer Erwartung anspannt, erhöhte Verletztlichkeit und drohendes Scheitern inbegriffen. Man fühlt sich hier nah am Zauber allen Anfangs, am schöpferischen Quell, doch auch im Zwiespalt. Das Schreiben gerät zur permanenten Selbst-Erfindung, darauf spielt wohl auch der Titel des Bandes („Urkundenfälschung“) an, der im gesamten Buch ansonsten nicht vorkommt. Das Ich ist eine fragile Fiktion, es muss jederzeit errungen werden, aus Worten hervorgehen.

Immer wieder vergleicht Nizon seine Art des Schreibens mit dem breiten, nie versiegenden Erzählstrom von Peter Handke und sieht sich selbst eher als Verschweiger, der nur wenigen Goldadern nachspüre; hingegen als manischen „Verschwender“ in den Journalen, „die den Seitenflügel meines Werks ausmachen“.

Nizons Fähigkeit zu rühmen zeigt sich auch und gerade in den Journalen. Die französische Lebensart, leuchtende Momente in Paris oder Rom, der „Schönheitsanfall“ angesichts der Erscheinung einer Frau – all das wird aus flüchtigen Momenten geborgen und als Kostbarkeit aufgehoben. Die Kehrseite: Zutiefst erschrocken notiert der Schriftsteller, dass vielleicht alles nur im relativ schmalen Werk bewahrt sei, dass er hingegen im äußeren Leben versagt habe.

Im Zeitrahmen dieser Tagebücher leidet Nizon an den Folgen einer Ehescheidung, andererseits gibt ihm die glückhafte Vollendung des Romans „Das Fell der Forelle“ Auftrieb. Hochgemutes Emporschwingen, quälerische Selbstzweifel und Selbstmitleid wechseln einander flackernd ab. Skepsis, den eigenen Ruhm betreffend und folglich auch Einkommens-Panik gehören zur Nachtseite der vogelfreien Existenz. Auch macht das Alter sich zunehmend bemerkbar, es sterben Freunde, jeder Tod bedeutet einen Weltverlust. Gallig bemerkt Nizon zudem, wie er sich etwa der gegenwärtigen Musikszene entfremdet habe, während ihn 1968 mit seinen kulturellen Begleiterscheinungen immerhin noch gestreift hatte.

Die künstlerischen Leitsterne Nizons erstrahlen in etlichen Passagen, in erster Linie Vincent van Gogh und Robert Walser, außerdem – schon widersprüchlicher gefasst – Elias Canetti, mit dem Nizon befreundet war und den er als wichtigste Begegnung seines Lebens bezeichnet, wenngleich er ihn auch als bedrohlich empfunden hat.

Zumal die Anfänge („künstlerische Inkubationszeit“) werden noch einmal eingehend bilanziert. Einige Essenzen klingen ehern kulturkonservativ. So stellt der einstige Museumsmann Nizon über die Kunst seit Kandinsky fest: „Das Abstrakte war wohl doch ein Irrweg.“ Verächtlich erwähnt er Rap und Poetry Slam als niedere Formen. Und er spricht sich vehement gegen Kulturrelativisten aus, die beispielsweise die nordafrikanische Rai-Musik in einem Atemzug mit Schubert nennen. Er selbst weiß, dass seine Haltung eurozentrischem Hochmut entspricht – und steht dazu.

Überhaupt gleichen die Journale über weite Strecken dem Versuch, auf dem Felde der Künste so etwas wie großbürgerliche Dignität, jedenfalls hochveredeltes Herkommen zu behaupten. Ein solches Unterfangen steht quer zur Jetztzeit, es  kann geradezu heroisch genannt werden. Wohlfeile Bekräftigungen landläufiger Meinungen finden sich anderswo zuhauf. Hier aber geht es um Werte jenseits des Tages.

Paul Nizon: „Urkundenfälschung. Journal 2000-2010“. Suhrkamp Verlag. 376 Seiten. 24,95 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt. Und künftig erst recht.
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5 Kommentare zu Paul Nizon und die Goldadern der Kunst

  1. Klaudia sagt:

    Paul Nizon ist vielleicht einer der letzten großen Schriftsteller, deren tiefstes Inneres der Quell ihrer Kreativität ist … der aus sich selbst heraus leben kann und muss. Nizon schwankt zwischen Gefühlen von Grandiosität und Wertlosigkeit – sein Narzissmus hat uns Bücher geliefert, in die man hineinkriechen und die Welt vergessen kann … so wie Nizon in die jeweilige Umgebung gekrochen und durch das Schreiben wieder daraus hervorgekommen ist. Um aus Nizons Büchern wieder hervorzukommen ist immer auch ein Loslassen notwendig, das nicht freiwillig geschehen will, weil es so schön, so sprachgewaltig ist, was dieser große Schriftsteller zu Papier bringt, sei es in seiner Prosa oder seinen Journalen.

  2. Bernd Berke sagt:

    Ja, gottlob. Sonst wäre sein Schreiben bei weitem nicht so interessant.

  3. Bernd Berke sagt:

    Ich bin kein großer Jünger-Kenner und kein Jünger-Verehrer. Nizon lesend, komme ich überhaupt nicht auf den Gedanken an den Altvorderen, eher schon käme ich auf Botho Strauß. Nizons Spektrum und seine Art des Zugriffs sind, wie ich finde, weit von Jünger entfernt. Auch hat das Elitäre bei ihm eine ganz andere Tönung. Und das Kriegerische sucht Nizon allenfalls im Widerspiel der Geschlechter auf.

  4. Britta Langhoff sagt:

    Es scheint, sowohl Autor als auch Leser müssen sich bei dieser Lektüre mit sehr ambivalenten Gefühlen und Gedanken auseinandersetzen?

  5. Hans Hermann Pöpsel sagt:

    Kann man die Geisteshaltung auch mit der Ernst Jüngers vergleichen? Ich bin mir da sehr unsicher.

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