Brigitte Bardot und die erotische Nostalgie

Heute Abend war Henri-George Clouzots Filmklassiker „Die Wahrheit“ (1960) im arte-Programm zu sehen. Da dachte ich spontan: Den schaust du dir noch einmal an. Wer spielt die Hauptrolle? Richtig: Brigitte Bardot! Mit diesem Film wurde sie erstmals auch als ernsthafte Charakterdarstellerin wahrgenommen.

Zuvor hatte die Bardot vor allem als blonde Lolita Männern – wie man früher zu sagen pflegte – „den Kopf verdreht“, vorwiegend in nicht allzu ambitionierten Filmen. Charakteristisch schon die (deutschen) Titel wie „Gier nach Liebe“, „Das Gänseblümchen wird entblättert“, „Und immer lockt das Weib“ oder „Mit den Waffen einer Frau“. Da wurde ganz anders fabuliert als im französischen Original.

Schwärmerei und Raserei

Mehr Markenzeichen ging damals nicht. In den 50ern und den frühen 60ern galt die Bardot als das weibliche Sexsymbol schlechthin. Ihre Ehen mit Roger Vadim und Gunter Sachs wurden legendär und zogen Klatschpresse samt Paparazzi zuhauf an. Wohl so manche Spießer-Phantasie wurde dabei aufgestachelt. Sie hatte das Zeug dazu, Männer zum Schwärmen oder gar zur Raserei zu bringen.

Szene aus "Die Wahrheit" (1960): Dominique (Brigitte Bardot) bringt den jungen Dirigenten Gilbert (Sami Frey) zur Verzweiflung. (© ARTE France/CPT Holdings Inc.)

Szene aus „Die Wahrheit“ (1960): Dominique (Brigitte Bardot) bringt den jungen Dirigenten Gilbert (Sami Frey) zur Verzweiflung. (© ARTE France/CPT Holdings Inc.)

Wer hätte damals gedacht, dass sie schon sehr bald für den hochintellektuellen Regisseur Jean-Luc Godard (1963 in „Die Verachtung“) spielen würde? Und wer hätte vorausgesehen, dass sie nach dem abrupten Ende ihrer Filmkarriere (1973) einmal als militante Tierschützerin und als Galionsfigur der französischen Front National, also der fremdenfeindlichen Rechtsaußenpartei, Aufsehen erregen würde? Kurzum: Sie ist einem inzwischen herzlich unsympathisch geworden.

Heute sind andere Typen gefragt

Auch erotische Moden haben ihre Zeit, insofern kann man geradezu von „erotischer Nostalgie“ sprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine wie die Bardot heute ähnlich Furore machen würde. Jetzt sind längst andere Frauentypen gefragt – und andere Männertypen als damals.

Trotzdem: Wenn man ein wenig älter ist, kann man immer noch gut nachvollziehen, was damals den Mythos der Bardot ausgemacht hat. Man ist ihr ja vielleicht selbst ein wenig auf den Leim gegangen; seinerzeit, als Brigitte Bardot ein gehöriges Stück Zeitgeist buchstäblich verkörpert hat.

Geilheit als Generationenfrage

War ihre flirrend unschuldige und doch so „sündige“ Ausstrahlung nicht auch ein Zeichen der Freiheit, eine Rebellion gegen starre Moral-Verhältnisse? Genau darum ging es in Clouzots Gerichtsfilm „Die Wahrheit“, der ganz grundsätzliche Kritik an der Justiz übt. Der Streifen hat bis heute Bestand – nicht zuletzt wegen der grandios agierenden Bardot. Dazu diese aufregende Pariser Atmosphäre…

Vor ein paar Jahren fiel einmal der Name Brigitte Bardot in einem freundschaftlichen Gespräch. Ein junger Mann, der damals auf die 30 zusteuerte noch heute (knapp) unter 40 ist, musste bekennen, dass er den Namen Brigitte Bardot noch nie gehört hat. Unfassbar! Da merkt man denn doch, woran die Geister sich scheiden. Auch Geilheit ist eine Generationenfrage…

Übrigens: Im nächsten September, so sagt der Kalender, wird Brigitte Bardot 80 Jahre alt. Kann man sich das vorstellen? Du meine Güte! Irgendwie nicht.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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Ein Kommentar zu Brigitte Bardot und die erotische Nostalgie

  1. Philipp sagt:

    Da schein ich grad noch auf der sicheren Seite zur Welt gekommen zu sein. Sie war „plausibel“ .

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