„Midnight in Paris“: Woody Allen und die Nostalgie

Der Herr Woody Allen filmt in den letzten Jahren so oft in Europa, dass ich den Verdacht habe, dass er in all den Städten einfach ausgestiegen und für ein Weilchen dageblieben ist, weil sie ihm gefielen. Wie Clint Eastwood in „The Bridges of Madison County“. Kaum hat er London, Barcelona und Paris erlebt, dreht er schon in Rom.

Aber jetzt „Midnight in Paris“: schon beim allerersten Bild, bevor der Vorspann kam, begann meine Verliebung. Ich nostalgierte sofort beim Anblick dieser zärtlichen Schwenks über Arondissements, Straßen, Alleen, Parks und der Brücken über die Seine! Diese liebevolle Musik! Genau da wär ich ausgestiegen aus dem Zug und wäre geblieben. Aber ich kenne Paris schon, und trotzdem bin ich ausgestiegen. Und eingestiegen, mitgefahren auf dieser romantischen Zeitreise.

Denn das ist es, eine Zeitreise. Ich kann über diesen Film gar nichts schreiben, ohne nicht wenigstens ein paar klitzekleine Spoiler preiszugeben. Die Reise geht in die Roaring Twenties. Oder waren es die Golden Twenties? Das Jazz-Age?

Szenenbild (Concorde Filmverleih)

Der junge Hollywood-Schreiberling Gil (Owen Wilson) ist allerdings erst mal mit Braut Inez (Rachel McAdams) und Schwiegereltern in spe als Tourist im Paris der Gegenwart unterwegs. Er hat seinen 400-Seiten Roman über den Betreiber eines Nostalgieladens in der Tasche. Seine zukünftige Familie – laute, neureiche Amerikaner, wie sie jeder Europäer zu kennen glaubt – muss er hin und wieder mal ausblenden. Und bei diesem Ausblenden findet er sich unversehens in Gesellschaft all der illustren Gestalten der bewussten Zwanziger. Plötzlich ist Hemingway sein Gesprächspartner, „Gert“ Stein (großartig: Kathy Bates) will sich mal seinen Roman ansehen, sobald sie damit fertig ist, Picassos abstraktes Gemälde einer schönen jungen Frau in Grund und Boden zu stampfen. Ansonsten hängt er ab mit Zelda und Scott, mit Salvador und Bunuel. Unversehens lebt er in seiner eigenen Nostalgie.

Er transportiert seine Begeisterung für das Lebensgefühl der goldenen Zeit in die Gegenwart, und die freundlichste Reaktion seiner Braut ist: „Your brain tumor is acting up“. Owen Wilson gehört nun wirklich nicht zu meinen Favoriten, aber für diese Rolle hätte ich mir keinen Anderen vorstellen können. Er ist der Woody in diesem Gil, der nicht nur seine Zeitreise in die Vergangenheit hat. Gil hat eine Zukunft.
Ich musste den einfach lieben, und so wird es vielen gehen, auch wenn man noch nicht franko-, pariso- oder bibliophil ist. Man wird es. Wenigstens für die Dauer dieses Films. Und vielleicht bleibt auch ein bisschen davon hängen. Mit einem Schuss Woodyphilie. Das wäre schön.

Samstagabend nochmal um 21:30h im Cinenova Open-Air in Köln.
Ab 18. August 2011 in den Kinos.

(Szenenbild – Rechte: Concorde Filmverleih)

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6 Kommentare zu „Midnight in Paris“: Woody Allen und die Nostalgie

  1. Leah Herz sagt:

    @Andreas Poser.
    Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Das wär ja noch schöner, wenn jeder jeden Film gleich toll und schön und amüsant fände. Die Vielfalt der Geschmäcker beschert uns ja nun seit 100 Jahren die ungewöhnlichsten Werke.
    Deine Einwände bezüglich der pop-lit Größen der damaligen Zeit teile ich nun nicht. Ich glaube, eine intensivere Beschäftigung mit diesen Damen und Herren der Weltliteratur hätten vom eigentlichen Thema abgelenkt. Es ging m.E. nur um den jungen Gil, und seine Reise in die Vergangenheit, seine Selbstfindung und Bestimmung. Die großen Schreiber seh ich quasi nur als Stichwortgeber, allerdings auch als prop für Woody-typische Gags. Sie waren eigentlich nur als Traumfiguren gedacht. Eine wirklich Rolle und Mitgestaltung der Handlung sollten sie doch gar nicht haben. Das wäre aber mit längeren Dialogen unvermeidbar gewesen.
    Was die lautstarken Wissensbekundungen bildungsbürgerlicher Kinobesucher angeht, stimme ich dir aus tiefstem Herzen zu. Die rangieren für mich ebenbürtig neben den Kicherern, Hysterielachern und Knisterern. Die killen jede Stimmung! Und das Vanille-Aroma, das aus den Popcorneimern strömt. Mir graut jetzt schon vor Geruchskino.

  2. Andreas Poser sagt:

    Ich komme gerade aus dem Film und bin zwar ganz angetan, aber nicht begeistert.

    Natürlich mag ich als Woody Allen Film seinen Witz und auch die Kern-Idee, in Form einer Zeitreise mit illustren Persönlichkeiten der Kulturgeschichte zusammenzukommen, ist faszinierend. Ich fand jedoch, dass Allen offensichtlich so in diese Idee verliebt war, dass er es versäumt hat, darüber hinaus einen wirklich dichten und stimmigen Film zu produzieren.

    Wie in einem Wachsfigurenkabinett betreten immer mehr Berühmtheiten die Bühne. Das ist lustig und maskenbildnerisch sehr stark gemacht und gab -nebenbei angemerkt- den Bildungsbürgern im Publikum ausreichend Gelegenheit, lautstark ihre feuilletonistischen Kenntnisse der übrigen Kinoreihe mitzuteilen.

    Die Figuren bleiben aber auch wie aus Wachs. Sie leben nicht wirklich und haben auf Grund ihrer Vielzahl auch kaum Gelegenheit, sich wirklich zu entfalten und darzustellen. Eine Begrenzung auf zwei oder drei Figuren hätte vielleicht mehr Raum für interessante Dialoge zwischen den Kulturzeiträumen geben können.

    Die Story verpufft in der Erkenntnis, dass früher wohl auch nicht alles besser war oder zumindest die Menschen damals das von der jeweils noch früheren Epoche auch schon gedacht haben. Aha. Paris wird als das romantisch-interlektuelle Paris gezeigt, wie es sich der Amerikaner so vorstellt. Soso.

    Insgesamt wirkt der Film auf mich unfertig und irgendwie unrund.

    Fazit: Ich fühlte mich zwar durchaus gut unterhalten -natürlich ist der geniale Soundtrack auch schon längst auf meinem iPod-, es fehlte mir jedoch eine Tiefe, die die Idee durchaus hergegeben hätte, ohne dadurch in eine Schwere abzugleiten.

  3. Leah Herz sagt:

    Ist das nicht ein geradezu perfekter Sommerfilm? Am besten noch im Open Air Kino!

  4. Bernd Berke sagt:

    Das hört man gern.

  5. Hans Hermann Pöpsel sagt:

    Wir sind Leahs Rat gefolgt und haben uns „Midnight in Paris“ im Bochumer Casablanca angesehen. Trotz oder wegen unserer langjährigen Paris-Erfahrung waren wir sehr angetan. Schöner Film, nostalgisch und lustig und nie langweilig.

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