Alles verlieren, um eine Zukunft zu haben – Peter Stamms Roman „Nacht ist der Tag“

Als Gillian, eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin und attraktive Enddreißigerin, nach einem schweren Autounfall im Krankenhaus erwacht, ist ihr Leben aus den Fugen geraten. Ihr Mann ist beim Unfall ums Leben gekommen, und in ihrem Gesicht klafft ein großes, hässliches Loch.

Doch seltsamerweise kann Gillian nicht richtig um ihren Mann trauern, und dass ihre Nase abhanden gekommen ist, quittiert sie mit gleichgültigem Trotz. Die Wunder der modernen plastischen Chirurgie werden es schon wieder richten! Was sie viel mehr beunruhigt, ist das Gefühl, dass ihr ganzes Leben, ihr Job, ihre Ehe nur Lügen waren, eine bröckelnde Fassade, die jetzt endgültig zum Einsturz gekommen ist. Dieses Leben, weiß Gillian, ist nun unwiederbringlich vorbei: „Ich bin weg“.

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Aber wie soll es weitergehen? Die Bücher des Schweizer Autors Peter Stamm drehen sich stets um Lebenskrisen, immer entsteht da, wo eben noch eine Idylle war, ein tiefer Riss, den sich weder die Roman-Figuren noch der Erzähler recht erklären können. Auch im neuen Roman, „Nacht ist der Tag“, sind vermeintliche Sicherheiten nur Täuschung: alles Schminke, um der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu müssen.

Doch was ist die Wahrheit? Das weiß auch Gillian nicht, aber sie spürt plötzlich, dass Erfolg und Anerkennung ihr nichts mehr bedeuten und sie erst alles verlieren muss, um sich wieder neu zu finden. Die Katastrophe als Chance. Das klingt arg nach billigem Ratgeber. Zum Glück aber ist Peter Stamm ein gewiefter Erzähler, der die leisen Töne liebt und sich zwar für die Psychologie seiner Figuren interessiert, aber niemals auf die Idee kommen würde, die Misere zu erklären und gültige Auswege aufzuzeigen.

Stamm ist eine Meister der Möglichkeiten, des schwebenden Vielleicht, der hingetupften Andeutungen, der verdrängten Utopien. Dazu gehört auch der Künstler Hubert Amrhein. Er hat mit seiner emotionalen Ruppigkeit und seinen eigenwilligen Fotos, auf denen nackte Menschen bei ihren alltäglichen Verrichtungen zu sehen sind, bei Gillian etwas ausgelöst. Sie sieht sich plötzlich als eine fremde, ganz andere Frau.

Die Bilder, die Amrhein von der nackten Gillian macht, tragen nicht nur eine Mitschuld am Unfall (weil ihr Mann, als er die Fotos findet, sich heillos betrinkt und sich trotzdem ans Steuer des Wagen setzt), sie führen auch dazu, dass Gillian eine obsessive Beziehung zum Künstler entwickelt. Auch nachdem sie eine neue Nase bekommen und sich ein neues Leben zugelegt hat, wird sie ihn wieder treffen. Sie sucht nach Erlösung und Freiheit und wird beides nur bekommen, wenn sie alles, was mit ihrer Vergangenheit zusammengehört, überwindet.

Am Ende dieses eindringlichen und melancholischen Buches ahnt der Leser, dass man auch ohne Happyend ein bisschen Glück finden kann.

Peter Stamm: „Nacht ist der Tag“. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main. 253 S., 19,99 Euro.

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