Die Schweiz kommt schräg

Basel/Genf/Dortmund. Drei Tage, fünf Städte, zwei Sprachzonen. Es war ein straffes Kurzreise-Programm, das die Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“ und die Organisation „Präsenz Schweiz“ arrangiert hatten. Unterwegs gab’s manchen Vorgeschmack auf die vielen Gastpiele der Schweizer Kultur ab Mai in NRW. Zentrum mit rund 100 der 160 Veranstaltungen wird Dortmund sein.

Die 37. Internationalen Dortmunder Kulturtage tragen den Titel „scene: schweiz“. Nicht so sehr mit Glanz und Gloria der Künste will das Alpenland bei uns prunken, sondern den Blick eher auf „Alternativen“ auf diverse Freie Szenen richten.

Eröffnet wird der Reigen, der zahlreiche Dortmunder Spielorte (u. a. Konzerthaus, Theater Fletch Bizzel, Jazzclub „domicil“) umfassen wird, allerdings festlich; so mit einem klassischen Ballett des Grand Théatre de Genève am 16. Mai (18 Uhr) im Opernhaus. Die renommierte Compagnie, die im altehrwürdigen Gehäuse am heimatlichen Standort Genf über eine der modernsten Bühnen-Maschinerien Europas verfügt, wird einen Querschnitt durch ihr jüngstes Schaffen darbieten. Es dürfte eine ästhetisches Ereignis ersten Ranges werden. Tatsächlich geradezu paradiesisch schön: die Szenen aus dem Tanzstück „Para-Dice“. Ballettfans aus Dortmund und der Region können sich schon darauf freuen.

Der Hauptlinie des Festivals entspricht jedoch eher die freie Tanztruppe im Théâtre Sévelin, die sich auf einem alten Fabrikgelände in Lausanne niedergelassen hat. Gründer und Leiter Philippe Saire, der hier die einzige reine Tanzbühne der Schweiz etabliert hat, huldigt einem aufregenden, ja bisweilen aufwühlenden Körper-Theater, das hie und da an die wundersamen Exerzitien der Pina Bausch erinnert. Um Liebeslust, Liebesweh und sexuelle Identitäten geht es hier wie dort. Am 4. Mai wird die Compagnie Saire ab 20.30 Uhr in der Dortmunder Reinoldikirche auftreten, danach in Bonn, Aachen und Düsseldorf. Vorführen wird man die Produktion „Les Affluents“ (etwa: die Zusammenfließenden). Vielfältige Begegnungen der Geschlechter setzen dabei die geradezu „obszön“ wirkende Urgewalt des Eros, jedoch auch ungeahnt zärtliche Momente frei. Das Gastpiel soll nicht ohne Folgen bleiben: Mit dem Tanzhaus in NRW (Düsseldorf) will man künftig dauerhaften Austausch pflegen.

Natürlich wird nicht nur getanzt. Einige kabarettistisch, clownesk oder satirisch geprägte Schweizer Bühnenproduktionen kommen ab 12. Mai im Dortmunder „Fletch Bizzel“ heraus. Es wird zudem etliche Filmvorführungen geben. Emil Steinberger wird am 21. Mai zur Lesung im Schauspielhaus erwartet.

Vor allem aber wird die bildende Kunst ihre „Auftritte“ haben: Im Museum am Ostwall lautet das Motto vom 16. Mai bis 11. Juli: „comment rester zen“ (frei übersetzt: Wie man gelassen bleibt). Hier spüren Schweizer Künstler den schweigsam schwingenden Kräften meditativer Weltbetrachtung nach.

Bereits ab 1. Mai (bis 4. Juli) wird die imposante Dortmunder „PhoenixHalle“ auf dem westlichen Gelände des früheren Hoesch-Stahlwerks von mehr als 20 Schweizer Künstler(inne)n bespielt, und zwar mit neuesten Ausformungen der Foto-, Video-, Computer- und Internet-Kunst. Kostproben waren in Basel zu sehen. Manches scheint schöne, gar naive Spielerei zu sein, anderes ist vielleicht unterwegs zur Vision kommender, vollends technisch bestimmter Zeitalter. Federführender Gastgeber der Schau „So wie die Dinge liegen“ ist der von Deutschlands Kunstkritikern jüngst preisgekrönte Dortmunder „hartware medien kunst verein“ (Iris Dressler, Hans D. Christ).

Ein visuelles Großereignis namens „Wind der Hoffnung“ freilich konnte sich Dortmund nicht sichern, aus logistischen Gründen musste man abwinken und Oberhausen den Vortritt lassen: Ein fast 60 Meter hoher Fesselballon mit 35 Metern Durchmesser wird (vom 26. Mai bis 31. November) im Inneren des 117 Meter hohen Gasometers aufgepumpt – „passt und hat Luft“. Kurator Wolfgang Volz, der am selben Ort schon Christos Fässer-Invasion („The Wall“) zum Event mit 400 000 Besuchern machte, plant dazu Ton- und Lichtinszenierungen (Musik von Philip Glass) sowie eine bündige Dokumentation über die phänomenale Schweizer Abenteurer-Familie Piccard, deren anekdotenträchtige Nachlässe sich im Musée du Léman zu Nyon am Genfer See befinden. Auguste Piccard fuhr als erster Mensch mit einem Ballon in die Stratosphäre hinauf, sein Sohn Jacques stellte in einer Krupp-Spezialkapsel den nicht mehr zu verbessernden Weltrekord im Tieftauchen (rund 11000 Meter) auf – und dessen Filius Bertrand wiederum umrundete 1999 in jenem Ballon, der in Oberhausen gezeigt wird, die gesamte Erdkugel. Das soll’s dann aber auch gewesen sein: Bertrand hat zwei Töchter, die auch nach dem Willen des Vaters das landesübliche Leben genießen möchten…

Noch wird letzte Hand angelegt ans Programm der Kulturtage, das komplett am 20. April in Dortmund vorgestellt werden soll. Für Lukas Heuss, Betreuer der internationalen Projekte bei „Pro Helvetia“, ist jedenfalls die Zielrichtung klar: Die Schweiz will weg vom Klischee aus Bergidyll und Geldwäsche, ja Heuss findet sogar: „Diese Imagepflege haben wir bitter nötig.“ Eine „freche, kunstvolle, selbstkritische Schweiz“ solle statt dessen sichtbar werden.

Ins Umfeld gehören z. B. auch der Schweiz-Schwerpunkt der Wittener Tage für Neue Kammermusik (23. bis 25. April) und das Jazzfest „europhonics“ (im Herbst im neuen „domicil“-Haus an der Dortmunder Hansastraße). Die Schweiz kommt also auf breiter Front: mit manchmal schrägen Bildern, Klängen, Szenen. Alphorn, ade!

(Der Beitrag ist zuerst am 15. April 2004 in der “Westfälischen Rundschau” erschienen)

Schweizer Impression (Foto: Bernd Berke)

Schweizer Impression (Foto: Bernd Berke)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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