Schulalltag (1): Verlies – kommt das von verlassen?

Eine beliebige Grundschule, eine beliebige Klasse, ein beliebiger Text, den der angestrengte Pädagoge seinen Schützlingen näher zu bringen versucht. Die Sprache ist Deutsch, sie handelt von Burgen und Schlössern, ihren geheimen Winkeln oder auch den prachtvollen Ausstattungen. Die Kinder mögen bitte Adjektive benennen, die zu den jeweiligen Begriffen passen. „Gemälde“ zum Beispiel … verständnisloses Schweigen. Herr Lehrer versucht es abermals … „Ihr wisst das doch … Bilder.“

Ja, das kennen sie, aber ein angemessenes Adjektiv fällt ihnen nicht ein. Noch ein Versuch: „Kellerverlies“. Aus den wachen Kinderaugen werden verbissen nachdenkliche, die allerdings dem Herrn Lehrer unverkennbar die Unkenntnis darüber, was dieses Wort bedeuten könnte, anzeigen. Der hilft: „Na, Keller, den kennt ihr doch, und Verlies, das ist so eine Art Gefängnis.“ „Stimmt“, tönt es aus einem kecken Jungen, „da sind die früher doch drin verhungert, habe ich im Fernsehen gesehen.“

„Nun ja, schlimmsten Falls sind die Menschen da auch verhungert, aber das war nicht meine Frage.“ Die bleibt unbeantwortet, keinem der Kinder kommt die erleuchtende Erkenntnis, dass „dunkel“ womöglich zum Kellerverlies passen könnte. Langsam dämmert es dem Pädagogen, dass keiner seiner Zögling jemals in natura so eine Burg oder ein Schloss vor sich gesehen hat, und das, obgleich es in der Umgebung seiner Stadt von gut erhaltenen bis gruselig zertrümmerten Denkmälern dieser Art nur so wimmelt.

Die Kids können da nix für, ihre Erzeugerinnen und Erzeuger auf den ersten Gedanken schon, beim zweiten denkt man dann inzwischen schon an deren Erzeugerinnen und Erzeuger. Aber, es gibt ja Fernsehen und mehr. Gibt es mehr?

Papas, die entzückt verkünden, dass ihre Kinder nach einem Buch verlangen, das sie richtig lesen können, also mit wenig Bilderanteil, solche Väter werden seltener. Dafür werden Väter, Mütter und Kinder immer mehr, die Schopenhauer für eine ostgotische Schlagwaffe, Brecht für die vulgärdeutsche Befehlsform von kotzen und John dos Passos für den Entdecker gleichnamiger alpiner Transferstraßen halten.

Den Kindern ist in dieser Generationenfolge wie gesagt nur der geringste Vorwurf zu machen. Aber einem gesamtgesellschaftlichen Klima schon. Wenn menschliche Wesen in einer Gesellschaft nur mehr für Reservearmeen der Wirtschaft und des Geldes gehalten werden, die Bezahlung ihrer Arbeitskraft als eine lästige, möglichst auf Null zu setzende Betriebsausgabe gilt, wenn die Bildung der Menschen so organisiert und ausgerichtet wird, dass ihr Ergebnis möglichst früh, möglichst schnell, möglichst lange und möglichst preisgünstig Profit bringen kann, dann wundert es wenig, dass nur Teile der Bildung für wertvoll erachtet werden und der Rest getrost beiseite gelegt werden kann.

Manchmal träume ich davon, dass Bildung auch mal als Selbstzweck gesehen werden könnte.

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Ein Kommentar zu Schulalltag (1): Verlies – kommt das von verlassen?

  1. Günter Landsberger sagt:

    Vor 10, vor 20 Jahren hieß es ganz offiziell in den NRW-Richtlinien für die Grundschule, dass am Ende derselben, nach der 4. Klasse also, jedem Schüler, jeder Schülerin, ein aktiver Wortschatz von 1000 Wörtern zur Verfügung stehen müsse.
    Noch in der 5. Klasse des Gymnasiums erwarteten so die meisten der neu zusammengekommenen Schüler…, dass z. B. in einem Diktat nur bisher (vom Unterricht her) bekannte Wörter vorkommen dürften.
    Ich glaube nicht, (ohne es überprüft zu haben), dass das Wort „Verlies“ auf der spärlichen Liste der 1000 mit 10 Jahren zu beherrschenden Wörter zu finden gewesen ist. –
    Und was nicht auf der Liste steht, kommt als Wort nicht vor? – Darf und muss ja auch nicht vorkommen? – So wie später in der Sekundarstufe II auch nur jene Literaturwerke vorkommen dürfen, die jeweils auf die Leseliste des Zentralabiturs gesetzt worden sind!? Und ja keine anderen. Und (schon aus zeitlichen Gründen) auch zusätzlich keine weiteren.

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