Ein Glimmen in den Ascheresten der Gefühle – Eric-Emmanuel Schmitts Zweipersonenstück „Enigma“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Der Dichter-Titan Abel Znorko lebt seit vielen Jahren als Eremit auf einer Insel in Polarnähe. Nähert sich jemand seiner Behausung, greift er zum Gewehr und feuert. Kein schöner Zug des Nobelpreisträgers.

Reales Vorbild könnte J. D. Salinger („Der Fänger im Roggen“) sein, dem man nachsagt, es mit ungebetenen Gästen ähnlich rabiat zu halten.

Dabei hat Znorko dem vermeintlichen Journalisten Erik Larsen doch schriftlich ein Interview genehmigt. Und nun empfängt er ihn mit solchen Salven. Dann aber lässt er ihn herankommen; freilich nur, um ihn eisgrau abweisend zu behandeln. Eric-EmmanuelSchmitts Erfolgsstück „Enigma“ ergeht sich fortan in dialogischen Sinn-Wendungen, die das Gesagte und für wahr Gehaltene immer wieder umstoßen.

Wenn alle Fassaden abgetragen sind, bleiben zwei verflucht einsame Männer zurück, deren Gespräche um eine bestürzend abwesende Frau kreisten. Znorko, der sich von ihr getrennt hatte, um gerade in dieser Distanz die reine Liebe zu wahren, wollte ihr brieflich verbunden bleiben. Larsen hingegen hat mit ihr gelebt. Die ferne und die nahe Liebe, gleichermaßen fruchtlos. Ob in den Ascheresten der Gefühle noch etwas glimmt?

Harald Demmer hat das wortreich gewundene Zweipersonen-Drama im Dortmunder Schauspiel-Studio inszeniert. Die wenigen Requisiten künden von einsamer Verwahrlosung: zwei schäbig senffarbene Sessel; ein dürftiges Bar-Eckchen mit Hochprozentigem, ein achtlos gehäufter Bücherstapel mit Znorkos eigenen Werken, ein Plattenspieler, ein Bild vom weiten Wolkenhimmel. Nichts, was vom Dialog-Duell ablenken könnte.

In Berlin begab sich jüngst Mario Adorf in die Znorko-Rolle, in Paris übernahm Alain Delon den Part. Ein Fall für gereifte Prominenz also. Es lag ziemlich nahe, den Autor in Dortmund mit Claus Dieter Clausnitzer zu besetzen. Anfangs hört man ihm und seinem existenziellen Widerpart Pit Jan Lößer (als Larsen) denn auch äußerst gespannt zu, man vernimmt da buchstäblich jedes Knistern zwischen ihnen.

Auch gekürzt trägt das Stück nicht über die ganze Distanz

Doch selbst in gekürzter Form „trägt“ das Stück nicht über die gesamte Distanz. Gewiss enthält es einige klug gesetzte Pointen und Denkanstöße. Doch allzu planvoll und willkürlich stellt Schmitt seine „Geheimnisse“ aus dem Baukasten her. Ständig sucht er Überraschungen, bis es halt keine mehr sind und man sie eh schon in irgend einer Form erwartet. Edward Elgars musikalische „Enigma“-Variationen (1899), die bei der Namensgebung Pate standen, dürften ungleich rätselhafter sein.

Die Mängel der Text-Vorlage, die zu oft mit überzeitlichem Gestus auftrumpfen möchte (ein Autor muss hier eben Nobelpreisträger sein, und als Krankheit kommt nur Krebs in Frage), lasten auf den Schauspielern.

Vielleicht könnte man gegensteuern, indem man vollends boulevardesk oder aber gänzlich unterkühlt spielt. Doch in Dortmund lassen sie sich gelegentlich hinreißen zu bitterem Ernst. Es kommt dann zu heftigem körperlichen Gerangel und überdeutlichen Verzweiflungs-Gesten. Man tut dem Text damit wohl zu viel Ehre an, denn allem ersten Anschein zum Trotz lotet er gar nicht so furchtbar tief.

Gleichwohl hat die Inszenierung immer wieder sehr konzentrierte Phasen – und die beiden Darstellet finden vielfach zu subtileren Zwischentönen. Clausnitzer lässt schmerzlich spüren, wie sehr der schroffe und unwirsche Znorko ein Echo aus der übrigen Welt ersehnt. Und Lößer zeigt zum Erbarmen, wie dringlich auch Larsen des heilsamen Zuspruchs bedarf.

Termine: 1., 9, 17. April, 14., 30. Mai. Karten: 0231/50 27 222.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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