Wenn die Männer mit der Motorsense kommen… – ein bebildertes Panopticon

Also eigentlich läuft das immer gleich: ich guck raus und denk, ah, endlich wieder ein paar Blümchen auf dem Scheißrasen hier und ein, zwei Tage später ist dann der Gartennazi mit seinen Hanseln da und fräst alles bis 1mm über der Wurzel runter. Seine Geräte setzen 65% der eingesetzten Energie in Krach um, 47% in Gestank, 15 in Wärme und mit den restlichen 2 zertritt er ach die goldne Flur.
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Diesmal hat das perfide Schwein als Vorhut (Obacht: verleserträchtig!) einen Knilch abgeworfen, der die Motorsense bedient, wie andere das Morsegerät. Möchte er mir etwas mitteilen oder mich nur quälen? Ich bekomme keine Antwort oder wenn, dann kann ich sie nicht deuten, da ich des Motorsensenalphabets nicht kundig bin. Derweil senst er fröhlich dahin, kilometerweit, daß die Pflanzenleichen nur so spritzen (ich notiere kurz den Plot eines Zombiefilms), weder zeigt er Gnade, noch Ermattung, noch Unrechtsbewußtsein. Der HErr möge ihn strafen bis ins n+x->∞-te Glied. Das ist sehr viel.

Nachdem er dieses erste seiner Werke vollendet (und ich schreibe hier bewußt nicht »hat«, um meinem Bericht ein Eckchen mehr Pathos zu verleihen), holt er ein lustickes (sic!) Handmäherlein herbei und zieht damit beständig seine Bahn. The Loneliness of the Long Distance Mäher, nichts hält ihn auf, er ist das Pendel, die Maschine die Unruh, in meinen Ohren das Geläut. (Man muß dazu wissen, daß der Rasen zwei Hochhäuser umgibt, die gesamte Fläche dürfte eineinhalb Fußballfelder messen. Das mit dem Handmäher.)
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Oft hält er besorgt inne, zum Beispiel wenn das Motörchen ein wenig stottert oder spotzt, dann tätschelt er es leis, blickt in diese Öffnung und in jene, schraubt hier und da und zuletzt den Tankdeckel ab, aha: das Werkzeug braucht Treibstoff, er latscht, kehrt mit Kanister wieder, befüllt, bringt weg, kehrt wieder – ein modernes Arbeiterballett, das mir hier dargeboten wird.

Aber… Moment!: Wo ist der Aufsitzmäher?? Der wird doch sonst da immer in Stellung gebracht? Ist er kaputt und in Reparatur? Oder kaputt und nicht in Reparatur? Gestohlen? Gepfändet? Zu teuer? Nicht mehr abzugsfähig? Verkauft, um Nutten, Suff und die andren Drogen des Capos zu finanzieren, die sein bißchen Bewußtsein erweitern sollen? Mißgönnt derselbe, dieses Scheißkapitalistenscheusal, dem armen ihm Untergebnen die kurze Zeit der Erholung, in der er sich den Arsch auf dem Teil plattsitzen kann? Oder ist’s, um mich einfach noch länger entnerven zu können? (Rhet. Frage, ich bin mir dessen sicher.)

schorschInzwischen bemäht der Geknechtete die ca 20 Hektar unter unserem Balkon und sogar mein Schutzbefohlener, der Senior-Kater Schorsch, gibt seinen Beobachtungsposten auf und flieht vor dem argen Getös in die Wohnung. Ich fliehe mit und fasse zusammen: eine nachmittags stark befahrene Straße, ein Bahnübergang, Züge im Zehnminutentakt, zahlreiche Touribomber und Frachtflugzeuge, ein Handmäher. Was fehlt? Richtig. Da kommt er auch schon: Auftritt des o.g. Capos, im Kleinlaster, auf der Ladefläche eine Schubkarre, ein Sackerl Erde, ein Netz darübergeschmissen und: der Laubbläser.

Mir fällt der Kirchenbesuch von neulich ein: HErr, erbarme Dich unser.

[https://de.wikipedia.org/wiki/Panopticon]

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Über ©scherl aka Schorsch

©scherl – privatgelehrter, schattensammler und spatziergänger. belästigt seine facebook-gemeinde mit offenbarungen, bloggt manchmal auf http://scherl.blogspot.de, macht 100% handgemalte tshirts auf bestellung, die man auf https://www.fb.com/scherl.shirts angucken kann usw usf.
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16 Kommentare zu Wenn die Männer mit der Motorsense kommen… – ein bebildertes Panopticon

  1. Bernd Berke sagt:

    Thomas, Westropolis war ein Kulturblog der WAZ-Gruppe, in dem teilweise wüste Kommentarstrecken auftauchten. Die Administratoren haben – um es mal zurückhaltend zu sagen – nur ganz selten eingegriffen. Jeder anonyme Hansel durfte mit Schlamm um sich werfen.

  2. Bernd Berke sagt:

    Das hieße also, dass das Wort “Nazi” zur beliebigen Verwendung und Verknüpfung frei ist? Das sehe ich anders.

  3. @bernd: eben, das mein ich ja. Der Begriff “nazi” ist visuell nicht zeitgemäß belegt.

    @michaela: wie meinen?

  4. Michaela sagt:

    Langsam fühle ich mich an ungute alte Zeiten bei Westropolis erinnert.
    Es fehlt außerdem das eine oder andere “sic!”

  5. Bernd Berke sagt:

    Schnäuzer und Braunhemd? Öhm. A bissel anders schauen die rechtsradikalen Herrschaften aber heute schon aus.

  6. wär evtl eh angebracht. bei »nazis« denkt man doch eher an schnäutzerchen, siegheil (sic!) und sauberordentliche (sic!) braune kleidung, als zb (sic!) an den besorgten bürger von nebenan (was ich damals im geschichtsunterricht schon bekrittelt hab).

  7. Bernd Berke sagt:

    Ich fürcht’ nur immer, wenn’s dann um die richtigen Nazis geht, fehlen einem die passenden Worte, weil man sie schon anderweitig verbraucht hat.

  8. den althippie hab ich meiner höflichkeit (sic!) noch abgerungen, damits (sic!) in dem dreiklang der zielgruppen noch ne spannungsfördernde disharmonie gibt. im übrigen kannte ich in kassel einen, auf den das optimal paßte und den ich wegen seiner gewohnheitsmäßigen stänkerei aus ein paar meiner ausstellungen geschmissen hab. man vergebe mir den flashback.

    der »gartennazi« im text zum einen, um zu dem bild die entsprechende pflanzengenozidstimmung geeint mit stumpf-dumm-bösartigem willen zur pflichterfüllung heraufzubeschwören, zum anderen hat er ja auch ne vorlage: https://www.youtube.com/watch?v=eAOfWrIh_q8 / text zum mitsingen: http://www.ringsgwandl.com/text71.htm

  9. @bernd: dem folgend müßt ich hinter jedes dritte wort n »sic!« tun.
    vielleicht sollt (sic!) ich mal nen text über meine verschreibungen im allgemeinen und die spatziergänge (SIC!) im besonderen verfertigen.
    —-
    (((hinter allen kleinschreibungen und fehlenden appostrofe (sic!) bitte selber n »sic!« imaginieren bzw (sic!) am monitor rot anstreichen und benoten.))) (»sic!« für die drei klammern)

  10. Bernd Berke sagt:

    Die Wendung “kz-aufsehermäßiger althippie mit abgebrochenem soziologiestudium” wäre nun wirklich nicht nötig gewesen. Meine Meinung.
    Den Begriff “Gartennazi” im Text fand ich übrigens auch schon grenzwertig. Brauchen wir auf dem Feld tatsächlich allweil Nazi-Vergleiche?

  11. Bernd Berke sagt:

    @Gartenheini: Die Schreibweise “spatzieren” war von Thomas Scherl ganz bewusst so gewählt, wahrscheinlich nicht zuletzt aus klanglichen Gründen. Natürlich hätte man an der Stelle ein “sic!” hinsetzen können, aber was soll’s.

  12. ja, das weiß ich auch nicht, warum du das herauszulesen meinst.

    es könnte sein, daß du in eben dieser branche tätig bist, aber kein gutes selbstbewußtsein hast, was übrigens mehr als berechtigt ist, wenn ich mir anschaue, was du aus meinem text sonst noch herausliest, zB, daß ich nicht arbeite, weil ich zuhause bin und zu doof, zu faul oder was auch immer, um dudenvorschriftsmäßig schreiben zu können. es kann auch sein, daß du so ein kz-aufsehermäßiger althippie mit abgebrochenem soziologiestudium bist, der denkt, daß er grad die welt rettet. ich tipp eher auf einen beim bauamt, dessen tochter derzeit ne ausbildung als landschaftsgärtnerin macht und der gestern abend noch ein bißchen im internet rumgeklickt hat, nachdem er den neuen »manufactum«-katalog durch hatte.
    vielleicht haste aber auch einfach das abendessen nicht vertragen.

    übrigens hab ich mal eineinhalb jahre bei nem landschaftsgärtner gearbeitet.

    empfehle ansonsten, ab&zu mal über den rand der tulpenschale zu gucken.

    nix für ungut, ne?

  13. Gartenheini sagt:

    Ist mir auch schon passiert: man fühlt sich durch die rechtmässige Erwerbstätigkeit anderer in seinen Kreisen gestört – mein Tipp: geh´halt tagsüber arbeiten, dann kriegst Du´s nicht so mit!

    Über Sinnhaftigkeit regelmässigen Rasenschnitts oder auch die Notwendigkeit solch naturferner Flächen zu diskutieren, erspare ich dem Leser, aber die Bemerkung sei gestattet: wer die “Musik” bezahlt, darf sie auch aussuchen (mag auch der Begriff “Musik” hier an einen wunden Punkt rühren…). Ich empfehle daher, Verbündete in der Hausgemeinschaft zu suchen, und dem Grundstückseigner eine gestalterische Veränderung des Abstandsgrüns vorzuschlagen. Die Flächen könnten dann abwechslungsreich hergestellt werden, in prächtige Staudenpflanzungen umgewandelt, und der Mäher würde öfter mal schweigen. Auch eine Patenschaft über kleine Teilflächen könnte angeregt werden, diese können dann geräuscharm und nach Belieben mit der Handschere geknipst werden.

    Warum genau eigentlich meine ich die Unterstellung herauszulesen, dass jeder, der sich beruflich mit Grünpflege beschäftigt, den IQ einer Tulpenzwiebel kaum übersteigt? Immerhin mehr als 100.000 Menschen im Lande bietet die Branche Lohn und Brot.
    Übrigens, Herr Scherl: Vielleicht magst Du gelegentlich die Rechtschreibung von “spatzieren” nochmals prüfen.

    Naja, nix für Ungut!

  14. Pingback: Was vom Monat übrig blieb: Das war der Juli » Revierpassagen

  15. Danke.
    Was sollte da für ne Absicht dahinter stehen? Das ist nur fein berechnet.

  16. Pa Blösl sagt:

    Sehr schöner Text.
    Und ich denke mal, hinter den Prozentzahlen des ersten Absatzes steckt auch eine Absicht!
    Jedenfalls Vorhaben für heut morgen: zum ersten Kaffee Ringsgwandl und Gartennazi anhören!
    Danke!

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