171 Schriftsteller kommen jetzt nach Dortmund – zur Jahrestagung des deutschen PEN-Zentrums

Das deutsche PEN-Zentrum ist mit seinen insgesamt rund 800 Mitgliedern hierzulande wohl die bedeutendste Schriftstellervereinigung. Jetzt halten die PEN-Autoren ihre Jahrestagung in Dortmund ab. Das klingt immer noch nicht selbstverständlich, denn Dortmund gehört kaum zu den Städten, bei deren Nennung man gleich an belletristische Literatur denkt. Nun ja. Darauf kommen wir noch zurück.

Im Dortmunder Rathaus: Der scheidende PEN-Präsident Josef Haslinger (links), Dortmunds OB Ullrich Sierau (rechts) und der Autor Heinrich Peuckmann (Mi.), der die Tagung nach Dortmund geholt hat. (Foto: Bernd Berke)

Im Dortmunder Rathaus: Der scheidende PEN-Präsident Josef Haslinger (links), Dortmunds OB Ullrich Sierau (rechts) und der Autor Heinrich Peuckmann (Mi.), der die Tagung nach Dortmund geholt hat. (Foto: Bernd Berke)

Nun haben sich jedenfalls gleich 171 Autorinnen und Autoren zum Verbandstreffen im Dortmunder „U“ angemeldet. Wollte man das auf die Dortmunder Einwohnerzahl (rund 600.000) umrechnen, so käme zwischen dem 27. und 30. April auf 3508 Einwohner je ein Schriftsteller. Immerhin.

Das ist doch mal ein temporär kultursinniges Zahlenverhältnis, wie es gewohnheitsmäßig vielleicht gerade mal in Dublin anliegt. Berlin? Noch nie gehört.

Weltweiter Einsatz für verfolgte Autoren

Jetzt aber im Ernst, ja im bitteren Ernst: Der PEN (Abkürzung für „Poets – Essayists – Novelists“ / etwa: Poeten, Essayisten, Prosaautoren) kümmert sich weltweit mit Nachdruck um das freie Wort; vor allem, indem er verfolgten Autoren zu helfen sucht – oft unter schwierigsten politischen Bedingungen. Beispielhaft ist die deutsche Umsetzung des Programms „Writers in Exile“. Finanziell unterstützt von der Bundesregierung, finden bis zu acht Autoren mittel- und langfristig Zuflucht in Deutschland – vor Drangsalierung und oft tödlichen Bedrohungen durch Diktaturen oder radikale Gruppierungen.

Im Vorfeld des Treffens zeigte sich Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau heute von der Gastgeberrolle angetan: „Wir betrachten das als Auszeichnung!“ Ein solches Schriftstellertreffen könne wichtige Impulse setzen und Debatten anstoßen.

Überraschung: OB setzt sich für ein Stadtschreiber-Amt ein

Sierau hat sich nicht nur recht eigenwillige Gedanken über die Bedeutung der Abkürzung „PEN“ gemacht (ihm zufolge: „pluralistisch – empathisch – nachhaltig“), sondern überraschte vor allem mit einer Ankündigung: Er lese immer wieder von „Stadtschreibern“ in anderen Kommunen. Sierau redete sich (mit Bedacht) geradezu in Spendierlaune: Nach einer solchen Tagung könne doch auch Dortmund ein Stadtschreiber-Amt einrichten, sprich: eine Autorin oder einen Autor für ein Jahr hierher bitten und mit einem Stipendium ausstatten. Er meine das ernst, wenngleich die Angelegenheit „unter Gremien-Vorbehalt“ (Kulturausschuss) stehe, betonte Sierau.

Der scheidende PEN-Präsident Josef Haslinger (bekannter Roman: „Opernball“) vernahm es mit Freuden. „Das haben Sie nicht einfach so dahingesagt“, nahm er Sierau charmant, aber bestimmt beim Wort. Der bekräftigte das Vorhaben noch einmal. Hört, hört!

Verbandspräsident Josef Haslinger nimmt Abschied

Haslinger wird Sieraus Ankündigung also gewiss noch dem Kollegenkreis schmackhaft machen, doch ansonsten gibt er sein seit rund vier Jahren ausgeübtes Präsidentenamt beim PEN auf. Zuletzt hat er mit dafür gesorgt, dass etliche jüngere Autoren sich dem deutschen PEN-Zentrum angeschlossen haben. Schließlich will man kein Seniorenverein werden.

Hauptsächlicher Grund für Haslingers Amtsverzicht: Der Österreicher möchte sich wieder mehr aufs Bücherschreiben konzentrieren, als Autor habe er sich zuletzt sozusagen wie „im Winterschlaf“ gefühlt. In Dortmund wird also ein(e) Nachfolger(in) an die Spitze gewählt, auch andere Ämter werden neu besetzt, was der Zusammenkunft zusätzliche Bedeutung verleiht.

Sorgen um Meinungsfreiheit in der Türkei

Akut sind derzeit die Sorgen, die man sich im PEN um die Meinungsfreiheit in der Türkei macht. Vielleicht ist von der Tagung eine entsprechende Resolution zu erwarten. Außerdem bildet sich derzeit ein einschlägiges Netzwerk, zu dem auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ gehören. Gerade in Dortmund und im Ruhrgebiet, so Haslinger, hätten sehr viele türkische Bürger für Erdogans autokratisches Referendum gestimmt. „Wir müssen uns fragen: Was ist da falsch gelaufen?“

Überhaupt sieht Haslinger Meinungsfreiheit und Demokratie in einigen Ländern als gefährdet an. Auch in weiten Teilen Europas gebe es Kräfte, „die uns die Empathie austreiben“ und Opponenten „zum Schweigen bringen“ wollten, befand Haslinger. Sogar einzelne PEN-Verbände, wie etwa in Ungarn, seien von solcher unguten Denkweise angekränkelt.

Gemeinsamer Gang durch die Nordstadt

Zurück zum Tagungsort Dortmund. Es war der Autor Heinrich Peuckmann (Dortmund/Kamen), Präsidiumsmitglied des deutschen PEN (und übrigens gelegentlich auch Gastautor der „Revierpassagen“), der es unermüdlich einfädelte, dass die Tagung in „seine“ Region kam. Womöglich wäre gerade hier eine Debatte über soziale Verantwortung der Literatur angebracht, für die sich Peuckmann stets einsetzt.

Peuckmann hat sich auch dafür stark gemacht, dass viele Autoren einen gemeinsamen Gang durch die zuweilen verrufene Dortmunder Nordstadt unternehmen werden (vom zentralen Tagungsort, dem Dortmunder „U“, zum Kulturzentrum „Depot“). Gut möglich, dass in diesem Umfeld manche Themen-Anregungen zu finden sind.

Was ebenfalls nicht im offiziellen Programm steht: Direkt nach Ende der Tagung will Peuckmann am nächsten Sonntag eine möglichst zahlreiche Kollegenschar noch zum Besuch des Deutschen Fußballmuseums animieren. Thema der dort gerade laufenden Sonderausstellung ist übrigens – wie passend – die Bibliothek des legendären Bundestrainers Sepp Herberger. Schon am Samstag führt eine Bustour die Schriftsteller zum Phoenixsee, zum imposanten Industriemuseum Zeche Zollern und zum Fritz-Hüser-Institut. So viel Sightseeing muss sein.

Die Autoren freuen sich zudem auf einen „Clubabend“ in geschlossener Gesellschaft, wollen jedoch natürlich nicht durchweg unter sich bleiben. Mit Lesungen und Diskussionen geht die Tagung auch an die Öffentlichkeit. Nähere Infos dazu gibt es hier.

Dortmund als literarischer Ort?

Und wie war das jetzt mit Dortmund als literarischem Ort? Tja. Einzelne Schriftsteller von gewissem Gewicht (z. B. Max von der Grün, Josef Reding, Wolfgang Körner, Ralf Thenior, zeitweise Jörg Albrecht) haben hier gelebt und gewirkt oder tun dies noch.

Dass weitere Krise gezogen wurden, ist indes schon länger her: Bundesweite Bedeutung auf literarischem Felde erlangte die Revierstadt im Gefolge des 31. März 1961. Damals wurde hier die „Gruppe 61“ um den Lokalmatador Max von der Grün gegründet, der sich u. a. auch Günter Wallraff anschloss. Man setzte sich vor allem mit der am Ort und in der Region übermächtigen industriellen Arbeitswelt auseinander. Später ging der nicht minder einflussreiche „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ daraus hervor. Es war halt keine Gegend für Liebesromane oder für hypersensible Ich-Beschau.

Das zwischen Politik und Poesie allzeit tragfähige Motto der Tagung stammt vom in Dortmund geborenen Dichter Peter Rühmkorf (1929-2008), der allerdings lieber in Hamburg leben wollte. Die Zeile lautet: „Bleib erschütterbar und widersteh.“

Apropos Rühmkorf. Immerhin hat er hier seinen ersten Schrei getan. Wie wär’s denn, wenn Dortmund nicht nur ein Stadtschreiber-Amt auslobte, sondern auch noch eine möglichst zentral gelegene Rühmkorf-Straße bekäme?

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P. S.: Zu den 800 PEN-Mitgliedern zählen u. a. auch bekannte Größen wie der 90jährige Martin Walser sowie – in alphabetischer Folge – F. C. Delius, Tankred Dorst, Peter Härtling, Rolf Hochhuth, Gerhard Köpf, Franz Xaver Kroetz, Martin Mosebach, Botho Strauß, Uwe Timm und Feridun Zaimoglu, um nur einige wenige zu nennen.

Die bisher Erwähnten kommen nicht nach Dortmund, wohl aber z. B. Arnfrid Astel, Jenny Erpenbeck, Tanja Kinkel, Judith Kuckart oder Ilja Trojanow – sie alle ebenfalls stellvertretend genannt. Eins dürfte feststehen: Dermaßen viel literarische Potenz ist bislang wohl noch nie zu einem Zeitpunkt in Dortmund versammelt gewesen.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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Ein Kommentar zu 171 Schriftsteller kommen jetzt nach Dortmund – zur Jahrestagung des deutschen PEN-Zentrums

  1. Bernd Berke sagt:

    Zur neuen Präsidentin des deutschen PEN-Zentrums ist heute (28. April) in Dortmund die Autorin Regula Venske gewählt worden. Näheres über sie und ihre Vita findet sich hier:

    http://www.regulavenske.de/
    und hier:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Regula_Venske
    bzw. hier:
    http://www.spiegel.de/kultur/literatur/pen-zentrum-deutschland-regula-venske-wird-neue-praesidentin-a-1145342.html

    Die in Hamburg lebende Regula Venske, Schwester des ebenfalls nicht ganz unbekannten Kabarettisten Henning Venske, war bereits seit 2013 Generalsekretärin des PEN. Sie hat praktisch in allen literarischen und journalistischen Genres publiziert – vom Krimi bis zum Kinderbuch und zur wissenschaftlichen Abhandlung.

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