Facebook: Das Leben der Anderen

Da lungert man schon seit geraumer Zeit bei Facebook herum und hat noch nichts darüber geschrieben. Das geht nicht an!

Zumal Facebook ansonsten das meistbekakelte Ding in der Medienlandschaft sein dürfte. Wir haben hier also das unoriginellste aller Themen. Das mutmaßliche Interesse ist in etwa so breit gestreut wie früher bei TV-“Straßenfegern”. Millionen können mitreden oder glauben dies jedenfalls. Wo gibt es das sonst noch – außer vielleicht beim Fußball.

Nein, hier wird keine schneidige oder geschmeidige Analyse geliefert, sondern nur die schlichte Beschreibung von ein paar Phänomenen und Phantomen.

In der Regel treffen hier alle auf Ihresgleichen: So ergeben sich lauter geschlossene Gesellschaften, die sich da in ungezählten Zirkeln oder Behaglichkeits-Blasen zusammenfinden. Wer treibt sich denn da so herum? Eigentlich die, denen man realiter auch begegnen kann, Nomaden und Eremiten inbegriffen. Dass auch jederlei Wahnsinn hier ein Forum sucht, ist in den letzten Tagen wieder äußerst schmerzlich zutage getreten. Doch davon will ich nicht reden, sondern übers unscheinbar Übliche.

Viele Facebook-Nutzer ruhen nicht, bevor sie tagtäglich mindestens 30 “Freunde” hinzu gewonnen haben. Auch in schnöder Wirklichkeit recht einsame Menschen können sich hier womöglich mit Hunderten von Freundschaften brüsten – oder sich damit trösten. Wer weiß, was dieser Effekt schon therapeutisch bewirkt oder verhindert hat. Ob deshalb Freitode unterblieben sind?

Der virtuelle Frauensammler pflügt sich durch vermeintlich aussagekräftige Profilbilder sonder Zahl und hält reiche Ernte. So glaubt er jedenfalls. Ja sicher, weibliche Pendants gibt es ebenso. Klebt doch eure virtuellen Sammelalben voll. Aber jammert hinterher nicht!

Ein anders gelagerter Fall sind die Promis verschiedener Stufen, die hier ihre Anhänger um sich scharen und sich huldigen lassen – mitunter von vielen Tausenden. Vor allem die Semi-Berühmten von gestern haben es nötig. Wenn man sie schon auf der Straße nicht mehr erkennt…

Ein Sonderfall aus der Promi-Riege sieht sich vor seiner Anhängerschaft täglich genötigt, seinem Ruf als schnoddriger Zyniker gerecht zu werden. Immer häufiger schießt er oft übers Ziel hinaus und lässt jede Rücksicht fahren. Ein trister Kasper!

Andere loggen sich ein, weil sie mal davon gehört haben, dass dort bald “alle” sein werden. Sie klicken lustlos ein paar Bekannte aus dem richtigen Leben an – und sind bereits fertig mit der Chose. Du wirst sie kaum je wieder erblicken. Für den Rest der Zeit sind sie Karteileichen. Apropos: Wer weiß, wie viele Tote bereits bei Facebook herumgeistern, deren Account kein Nachfahre abgemeldet hat. Flimmernder Friedhof.

Wieder andere bleiben ebenfalls stumm, doch gleichsam aktiv in ihrer scheinbaren Passivität. Jedenfalls stelle ich es mir so vor: Sie hocken da und studieren heimlich “Das Leben der Anderen”. Voyeure, Ecouteure, Liseure (gibt’s das Wort schon? Sonst erhebe ich Copyright-Anspruch), Möchtegern-Geheimdienstler. Das ganze Programm. Früher hätten sie mit Kopfhörern, Abhör- und Aufzeichnungsmaschinen gelauert und gelauscht – wie Ulrich Mühe im besagten Film.

Und noch eine Sorte schweigt beharrlich, legt aber nach und nach gezielt einen “Freunde-Speicher” an. Man weiß ja nie, ob man derlei Beziehungen nicht mal braucht. Gewisse Leute glauben so am Gerüst ihrer Karriere zu basteln, für Freiberufler geht’s mitunter sogar ums berufliche Sein. Wer will sich spottend darüber erheben? Ein jeder strampelt sich ab, so gut er kann.

Manche betreiben das Ganze als Wechselspiel aus Zeigen und Verstecken, Verbergen und Hervortreten. Oder sie werden getrieben. Mal haben sie ihre exhibitionistischen Tage, mal sind sie ein Kräutlein Rührmichnichtan. Migräne hat hier eine Heimstatt.

Auf weiteren Bühnen hampeln die Klassenclowns. Auf hundert Menschen kommen schätzungsweise drei bis fünf dieser Spezies. Sie posten penetrant, unentwegt und unverdrossen, gieren nach Kommentaren oder zumindest nach flink geklickten “Gefällt mir”-Bekundungen. Immerzu haben sie ein munteres Scherzwort parat. Doch diese notorischen Gute-Laune-Bären haben ihre depressiven Anwandlungen. Das ist dann die Stunde der Streber.

Wusch, da kommt mal eben der mental angepunkte Typ daher, fetzt ein paar steile Bemerkungen hin und ist schon wieder weg. Bis dann und irgendwann!

Folgt der gelangweilte Nerd, der im Netz alles, aber auch alles schon erlebt hat. Was man so erleben nennt. Jedenfalls lässt er dich herablassend spüren, dass du keine höheren Web-Weihen hast.

Täglich ziehen in Scharen jene Parteigänger vorbei, die selbstverständlich allesamt für eine gute Sache einstehen und demgemäß ihre Transparente hochhalten. Aber will man das immer wieder lesen?

Der und jene stilisieren sich allzeit zu Künstlern, Schriftstellern und sonstigen (einstweilen verkannten) Genies. Kommt immer noch gut bei manchen Weibern. Man glaubt nicht, wie viele Kulturschaffende auf Erden und im Netze wandeln. Fehlen oft nur noch Betrachter, Hörer oder Leser, die dies zu würdigen wissen.

Das Lamento ist die hauptsächliche Ausdrucksform einer weiteren Gruppe. Sie lässt ihrem Weltschmerz Lauf. Diverse Getränke mildern oder steigern diese Zustände.

Fehlen noch die Seelchen. Ätherisch sich gebend, ach so verletzlich, in Höhenflug-Phasen freilich euphorisch, euphemistisch oder eurythmisch. Dann wollen sie Blümchen streuen und manchmal das Universum umarmen. Man darf jedoch niemals ironische Bemerkungen machen. Das tut ihnen weh.

Übrigens gibt’s auch eine Menge netter Leute bei Facebook. Wie im gewöhnlichen Leben. Wer wird sich nicht am liebsten in dieser Rubrik sehen? Also gut: Wir gehören alle hierhin. Keine Widerrede!

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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13 Kommentare zu Facebook: Das Leben der Anderen

  1. Bernd Berke sagt:

    Legitim, ja sicher. Doch findet man solche Vorgänge schlichtweg legitim, so schreibt man wahrscheinlich nichts darüber. Erst ein gewisser Erregungs-Pegel oder ein gewisses Quantum des Genervtseins treibt einen dazu.
    Überdies winkt die “Gelegenheit, sich…vor der Arbeit zu drücken” ja nur den aktiven Usern – und das sind schätzungsweise 20 bis 25 Prozent der FB-Leute.

  2. ChaLi sagt:

    Führwahr.
    Na und?
    Sämtliche der von dir absolut treffend charakterisierten Motive sind ma SOWAS von legitim.
    Genau dazu sind social networks nämlich da: Eine unschlagbare Gelegenheit, sich immer ma wieder zwischendurch vor der Arbeit zu drücken.
    (Man flieht sie, ohne sich dabei vom Bildschirm zu entfernen.)
    Wie schon der von dir/euch gelikte John Lennon bemerkte:
    “Whatever gets u thru the nite is allright.”

  3. Das wäre eine Herausforderung

  4. Bernd Berke sagt:

    Ein Aspekt ließe sich noch gesondert betrachten: Wie aus Bekanntschaften/Freundschaften, die erst bei Facebook beginnen, wirkliche Begegnungen hervorgehen. Angeblich gibt es mittlerweile einen regen Tages-Tourismus, weil FB-Leute einander besuchen.

  5. Bernd Berke sagt:

    Na, so etwas!

  6. Sigrid Rogowski sagt:

    GREAT POST BERND.

  7. Britta Langhoff sagt:

    Mir fällt da noch die Spezies derjenigen ein, die bis heute eine Anmeldung bei Facebook verweigern, dafür aber ihre Kinder ständig auffordern, wichtige “Gefällt mir” Button zu klicken….

  8. Zu FB fällt mir nichts mehr ein.
    Vielleicht sollte ich da nicht mehr vorbeischauen.

  9. Bernd Berke sagt:

    Wer aber will überhaupt noch etwas Neues zu Facebook schreiben? Den oder die möchte ich sehen!

  10. Hans sagt:

    Ein wenig überzogen und langatmig geschrieben, vor allem ist das, was hier steht ja nicht neu. Einer Passage muss ich aber zustimmen:

    “Der und jene stilisieren sich allzeit zu Künstlern, Schriftstellern und sonstigen (einstweilen verkannten) Genies. Kommt immer noch gut bei manchen Weibern. Man glaubt nicht, wie viele Kulturschaffende auf Erden und im Netze wandeln.”

    Just ein Foto auf die Pinnwand bringen, auf dem eine Tasse Kaffee, ein Notizblock und ein Füllfederhalter abgelichtet sind und schon stimmt das Gesamtbild.

  11. Pingback: Revierpassagen: Das Leben der Anderen | Bottblog.de - Blog zum Ruhrmetropölchen Bottrop anne Emscher

  12. Stefan Dernbach sagt:

    Endlich isser raus – juhu –
    Facebook – Facebook – la la lallala
    Gut getroffen B.B.

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