Die Böden, auf denen wir leben

Reden wir mal kurz über Oberböden und Bodenbeläge. Über das, was wir täglich mit Füßen treten.

Doch was heißt hier treten? Da gibt es erhebliche Unterschiede. Je nach Befindlichkeit seiner selbst und nach Beschaffenheit des Untergrunds schreitet, schwebt oder schlurft man. Zwischen „klinisch gefliest“ und „mit schweren Orientteppichen belegt“ tun sich Welten auf. Wenn man nur genau genug nachforschte, ließen sich aus den Oberböden nicht nur finanzielle Potenzen, sondern wahrscheinlich auch politische und sonstige Präferenzen herauslesen. Zeige mir deine Bodenfliesen-Ornamente und ich sage dir, wer du bist.

Ganz früher waren wir mit schlicht gesprenkeltem Steinzeug oder Linoleum in abenteuerlichen Schmutzfarben zufrieden. Notfalls hätt es wohl auch der rauhe Estrich getan. Es scheint einem ja kaum der Erinnerung wert, worüber man damals gelaufen ist. Wir blickten nicht unter uns, sondern immer nur wirtschaftswunderlich nach vorn. Hoho.

Später machten wir es uns auf mehr oder weniger flauschigen Teppichböden schrecklich bequem. Keineswegs keimfrei. Einen Flokati zu sehen, erträgt man heute nur mühsam mit Fassung, spontan verspürt man so etwas wie angewiderte Rührung.

Wahnsinnig angesagt: Parkett mit Kratzern. (Foto: Bernd Berke)

Wahnsinnig angesagt: Parkett mit Kratzern. (Foto: Bernd Berke)

Diverse Parkettsorten vermittelten uns einen Begriff von gediegener Bürgerlichkeit. Dann kam irgendwann das Laminat. Da schwang das Wort Imitat schon reimgerecht mit. Man mag übrigens gar nicht dran denken, welche Verheerungen die Baumarkt-Ästhetik im verbliebenen Wohnungsbestand angerichtet hat. Davon vielleicht ein andermal. Und ja: Heutzutage gibt es auch ganz tolles Laminat, jaja, wirklich.

Außerdem gibt es ja die Guten, die Geschmackvollen, die sich im Vollgefühl ihrer unentwegten Korrektheit wiegen. Die so genannten Gentrifizierer, die sich in den schicken Stadtvierteln heuschreckenhaft über Altbauten mit Stuckdecken und Flügeltüren hermachen, bevorzugen in der Regel Schiffsparkett oder Dielenböden. Die knarren und knarzen so herrlich authentisch. Das Schwelgen in weiteren Klischees ersparen wir uns. Obwohl wir ganz genau wissen, welche Kinderwagen-Marke in diesen kreativen Kreisen am liebsten gekauft wird.

Andere Geldmenschen, die buchstäblich mit Luxus glänzen wollen, staksen oder schlittern über ungemein blankpolierte Steinböden mit exorbitanten Quadratmeterpreisen. Auf Marmor und Granit protzt es sich am besten. Die Redewendung „Bei mir beißt du auf Granit“ spielt untergründig mit. Ach, wie bodenlos!

Falls ich auf den schwankenden Böden der Tatsachen neuere Trends mitsamt Retro-Irrsinn verpasst haben sollte, sagt mir bitte Bescheid. Im Namen einer allgemeinen Mobilität und Bindungslosigkeit, so habe ich gestern im FAZ-Feuilleton lesen dürfen, werde auch das Wohnen immer beweglicher und schier grenzenlos wandelbar. Wer weiß: Vielleicht zieht man uns zwecks verschärfter Hipness bald den Boden unter den Füßen weg.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt. Und künftig erst recht.
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2 Kommentare zu Die Böden, auf denen wir leben

  1. Bernd Berke sagt:

    Hehe, Kork stand tatsächlich noch auf meinem Notizzettel und ist dann abhanden gekommen.

  2. Britta Langhoff sagt:

    Böden aus Kork könnte ich auch noch beisteuern. Ist angeblich das neue Linoleum.

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