Routine der Empörung oder: Die seltsame Sucht nach Krawall in den Schlagzeilen

Wie kommt ein Polit-Promi der A-, B- oder C-Kategorie knackig in die Medien? Indem er etwas Vernünftiges sagt, was dann allseits ernsthaft diskutiert wird. Haha. Guter Gag. Nein, leider oft in erster Linie mit verbalem Krawall, Provokation und „Tabubrüchen“.

Beispiele hatten wir jüngst zuhauf. Donald Trump ist in dieser Disziplin der Champion aller Klassen, beispielsweise mit seinem Smash-Hit „Wenn wir schon Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“ Er kam auch noch mit einigen anderen Krachern in die Charts. Eine milliardenteure Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen und die blöden Mexen dafür zahlen lassen wollen, das war sein Latin-Sound mit dem besonderen Salsa-Feeling.

Wenn du kein honorarfreies Bild hast, so nimm einfach ein selbst fotografiertes Einhorn (alte Journalisten-Weisheit). (Foto: Bernd Berke)

Wenn du sonst kein honorarfreies Bild hast, so nimm einfach ein selbst fotografiertes Einhorn (alte Journalisten-Weisheit). (Foto: Bernd Berke)

Ähnlich penetrant, wenn auch auf weitaus kleinerer Macht- und Bedrohungsflamme, gerieren sich deutsche Polit-Barden, vorwiegend auf dem Gebiet der tümelnden Volksmusik. Oder gleich „völkisch“. Mit diesem historisch immens vorbelasteten und nimmermehr zu rettenden Wort jonglierte dieser Tage bekanntlich die AfD-Chefin Frauke Petry. Sie möchte es aufgewertet wissen.

Viel Luft nach rechts unten bleibt da nicht mehr. Wird sie bald das Wort „Führer“ enthistorisieren und sodann positiv aufladen wollen, wird sie den Holocaust relativieren oder das abgründige „Arbeit macht frei“ als aufmunternde Parole lesen wollen? Man weiß es nicht. Jedenfalls ist in derlei Provo-Sprech ein Zwang zur ständigen Überbietung und Steigerung eingebaut. Und nachher will man’s wieder nicht gewesen sein.

Da hat’s der CSU-Bierzeltmann Horst Seehofer vergleichsweise ein paar Nummern harmloser und doch lachhaft genug getrieben. Sein Holzhammer-Vorschlag, ARD und ZDF zusammenzulegen (damit dann irgendwann nur noch private Prekariats-Sender übrig bleiben?) ist allzu durchsichtig. Weil gerade die öffentlich-rechtlichen Medien ihn kritisch betrachten, will er sie gleich dezimieren. In Kindertagesstätten geht es manchmal rationaler zu.

Viele Medien spielen als Verstärker die üblen Spielchen des haltlosen Ausposaunens mit, nicht immer ganz unfreiwillig. Und machen wir uns nichts vor: Weite Teile des linken und liberalen Spektrums gieren insgeheim nach solch idiotischen Aussagen, um sich gehörig aufzuregen und aber so was von deutlich sichtbar auf der richtigen Seite zu stehen. Das geschieht inzwischen so ungefähr im Dreitages-Abstand; ganz so, als müsse auch hierbei die Dosis ständig erhöht werden. Es ist eine Sucht nach permanentem Alarm.

Erst wenn die dummen Sprüche (gegen die man ja auch angehen muss) via Talkshow, Interview oder dergleichen in der Welt sind, können Besserwissende mit selbstgerechter Empörungs-Routine loslegen, indem sie kübelweise Belehrungsbrei bzw. mehr oder weniger treffliche Häme ausgießen. Dürftiger noch, wenn sie nur noch abgedroschene, längst nicht mehr per se „vielsagende“ Formeln à la „Der Schoß ist fruchtbar noch“, „Wehret den Anfängen“ bzw. „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte“ vom Stapel lassen. Nicht, dass diese klassischen Satzfetzen neuerdings unwahr wären. Doch häufig werden sie ohne weitere Mühen der Argumentation benutzt.

Im allfälligen Shitstorm werden eventuell problematische, aber eben partout nicht „faschistische“ Figuren wie de Maizière oder erst recht Seehofer und Söder flugs zu Quasi-Nazis ernannt. Danach bleiben dann für wirkliche Rechtsradikale kaum noch passende Worte übrig. Da sehnt man sich doch nach abwägender Nüchternheit.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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Ein Kommentar zu Routine der Empörung oder: Die seltsame Sucht nach Krawall in den Schlagzeilen

  1. ist mir ein bischen zu viel in einen Topf geworfen. Gegen den shitstorm in den sog. sozialen Medien kann man nichts machen. Da ist vielfach Hopfen und Malz verloren, oft nicht einmal minimale Intelligenz vorhanden. Das sich aber alle öffentlichen Medien, nicht nur die Boulevardpresse und Prekariatssendern von all diesen fragwürdigen Figuren und ihren Meinungsäusserungen als Verstärker und Verbreiter vor den Karren sparren lassen finde ich ungeheuerlich. Eine AfD, ein Trump, Pegida, selbst IS und Selbstmordattentäter würde es kaum geben wenn diese nicht in den sensationsgeilen und geifernden Berichterstattern ihre , zugegeben unfreiwilligen, Verstärker findén würden. Warum wird eigentlich so unverhältnismaässig berichtet über die völlig unqualifizierten Hetzereien eines Bachmann, Gauland oder Hoeke ? Es wird nur wichtig weil darüber unverhältnismässig ausführlich berichtet wird. Und die Hetzer freuen sich diebisch darüber.
    Noch viel schlimmer, die Medien nehmen auch noch selbst teil an dieser Anfeuerung von Hetze und Hass. Der WDR verbreitete vor einigen Tagen eine Meldung über 2 Fälle von angeblicher sexueller Belästigung in einem Essener Schwimmbad als speziell angekündigte Sondermeldung in stündlicher Abfolge in den Hauptnachrichten. Kein Thema normalerweise, aber es waren ja Flüchtlinge, da muss es wohl besonders hervorgehoben werden.

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