Sarah Kirschs „Märzveilchen“: Fern vom dröhnenden Lärm der Welt

Die Wochentage heißen hier beispielsweise Montauk, Mistwoch, Donner, Sonntach. Sie verteilen sich auf Monate wie Jaguar, Zebra, Nerz, Mandril, Mayen oder Junius. Hamburgs Schanzenviertel firmiert als Chancen-Viertel. Mit dem Internet verhält es sich so: „Sonst gab es nur Mist im Indernetz und man vergeudet seine herrliche Zeit.“

Wie soll man das finden, wenn jemand seine Notizen stellenweise so verdrechselt datiert und verballhornt: liebenswert versponnen oder auch ein bisschen albern?

Sobald man freilich weiß, dass hier die hochgeachtete Lyrikerin Sarah Kirsch am Werk ist, und wenn man nur einige Seiten liest, so lässt man es gern gelten. Denn auch in dieser Kurzprosa erklingt ja immer wieder dieser leise, ganz eigene, mitunter aufgerauhte Herzton, den man nicht missen mag.

Ihr neuer Band „Märzveilchen“ enthält Aufzeichnungen von Dezember 2001 bis September 2002. Ein recht kurzer Zeitabschnitt also, der inzwischen aus gemessener Distanz betrachtet werden kann.

Es ist kein Tagebuch im üblichen Sinne. Nicht tagtäglich stehen da Einträge, es gibt Lücken. Die Mitteilungen sind angenehm lakonisch, bisweilen etwas schnoddrig, hie und da behaucht mit Berlinischem Atem: „Beschäftige mir mit alle möglichen Texte.“

Sarah Kirsch hat sich von Lärm der Welt in einen entlegenen Winkel Schleswig-Holsteins zurückgezogen. Nur unwillig und widerstrebend lässt sie sich noch bei literarischen Anlässen sehen. Ihr Fazit nach einem solchen Abstecher: „Also ein Dichtertreffen brauch ich in diesem Leben nicht mehr…“

Ein Aquarell von Sarah Kirsch ziert den Buchumschlag

Ein Aquarell von Sarah Kirsch ziert den Buchumschlag

Wiederholt betont sie, wie froh sie sei, beispielsweise nicht im Berliner Rummel zu leben und dort vom Wesentlichen abgelenkt zu werden: „Ich will viel lieber in Ruhe vertrotteln.“ Schon das beschauliche Städtchen Rendsburg genügt für den meisten Bedarf.

In der Abgeschiedenheit werden auch unscheinbare Glücksmomente festgehalten, so etwa beim Fernsehen nebst Strümpfestricken: „…und ruhe so wunderbar leichtherzig in mir, dass ich gar nicht genug davon kriege.“

Zwei gegenläufige, doch auch ineinander verwobene Hauptstränge ziehen sich durch diese Kurzprosa. Zum einen und vor allem die natürlichen Vorgänge im Jahreskreislauf. Jede Wetterwendung, jeder Vogelflug können dort draußen in Tielenhemme an der Eider zum Ereignis werden. Treffliches Zitat: „Es geschieht immer das Gleiche, worauf ich stets warte.“

Zum anderen registriert die Dichterin manche politischen und sonstigen Aufregungen, wie sie durchs Fernsehen in ihre oft sturmumtoste Klause dringen. Es sind gleichsam arge Störgeräusche aus der unselig betriebsamen oder auch katastrophalen Welt, die damals durch den 11. September 2001 gerade gründlich erschüttert worden war.

Überhaupt sieht die Autorin viel fern – von Rohmer-Retrospektiven über die Muppets bis hin zu Partien der Fußball-WM 2002. Auch Theaterinszenierungen verfolgt sie im TV. Man mag so nicht auf der Höhe aller landläufigen Debatten bleiben. Doch lässt sich wohl nur so ein lyrischer Ton finden und halten; indem man sich weitgehend verschließt vor den dröhnenden Verhältnissen und seinen Garten bestellt.

Es bleibt also Zeit fürs Schreiben und die Lektüre. Hervorbringungen der literarischen Großprominenz beurteilt Sarah Kirsch mitunter harsch. Während sie etwa V. S. Naipaul rühmt, heißt es über Peter Handkes Roman „Der Bildverlust“ knapp: „Heldin eine Bankiersfrau. 750 Seiten in schlechter Sprache.“ Und über Günter Grass’ „Im Krebsgang“: „Dieses bürokratische Gerede – nie kann man fliegen, es ist ganz entsetzlich!“

Ungleich einlässlicher spürt sie den Meistern der Romantik nach, in deren Versen Hoffnung und Tröstungen der Natur aufgehoben sind. Der Buchtitel „Märzveilchen“ beschwört das gleichnamige Gedicht von Adelbert von Chamisso herauf, gegen Schluss zitiert Kirsch das „Herbstweh“ des Joseph von Eichendorff, das ins vollkommen Lautlose ragt:

„Bald kommt der Winter und fällt der Schnee, /
Bedeckt den Garten und mich und alles, alles Weh.“

Sarah Kirsch: „Märzveilchen“. Deutsche Verlags-Anstalt (DVA). 238 Seiten. 19,99 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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