Monatsarchive: Februar 2012

Wer erweckt dieses frühere Kino zum Leben?

Ich muss gestehen: Ich bin überrascht. Heute habe ich bei Facebook das auch hier beigegebene Foto eingestellt und folgende Zeilen daneben gesetzt:

„Eine Schande, dass dieses Dortmunder Innenstadt-Kino seit Jahren geschlossen ist und vor sich hingammelt. Es ließe sich was draus machen. Dann müssten ‚nur noch’ ein paar Leute kommen und Filme gucken.“

Mit der Vielzahl qualifizierter Wortmeldungen und „Gefällt mir“-Markierungen, die diese knappe Äußerung hervorgerufen hat, hätte ich nicht gerechnet.

Bei dem früher ausgesprochen schmucken Kino handelt es sich ums einstige Dortmunder Film-Casino (Passage am Ostenhellweg, gegenüber von C & A), das 1956 den Spielbetrieb aufgenommen hat und bereits seit dem Jahr 2000 leersteht. Letzter Betreiber war Hans-Joachim Flebbe.

Wenn man durch die Glastür schaut, ahnt man noch heute, welch ein Kleinod hier verloren gegangen ist.

Jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, frage ich mich, wie dieser Ort wohl wieder zum (kulturellen) Leben erweckt werden könnte. Ich denke, dass man hier (für einen winzigen Bruchteil der Kosten des „Dortmunder U“) beispielsweise eine prächtige Stätte etwa für so genannte „Kleinkunst“ und musikalische Darbietungen hätte schaffen können. Allerlei kulturelle Mischformen wären möglich gewesen, die diese Stadt gewiss bereichert hätten. Theater, Literaturhaus, Café. Der kombinatorischen Phantasie wären zunächst einmal keine Grenzen gesetzt. Nur als reines Kino dürfte man die Immobilie wohl nicht mehr betreiben, denn Dortmund ist alles andere als eine Cineasten-Stadt und hat mit Roxy, Camera sowie Schauburg Lichtspielhäuser, die den örtlichen Bedarf decken.

Manche Reaktionen aufs heutige Facebook-Posting haben gezeigt, dass dennoch auch einige andere Leute von einer neuen Nutzung träumen. Einer rief gar spontan aus: „Also, wer traut sich???“ Mit anderen Worten: Wer nimmt das Herz und das Geld in die Hand, um hier etwas zu bewirken?

Was das Herz angeht, scheint es etliche Leute zu geben, die dazu bereit wären. Eine Legende der Dortmunder Szene gibt gar zu Protokoll, er habe schon kurz nach der Kino-Schließung versucht, hier mit tragfähigem Konzept einzusteigen – leider vergebens.

Inzwischen, so andere Stimmen, wäre es schon baurechtlich (Brandschutz etc.) nahezu unmöglich, hier wieder eine „Versammlungsstätte“ zu gründen, mit welchem Konzept auch immer. Die Pacht, so heißt es weiter, sei dem Vernehmen nach exorbitant hoch angesetzt und schrecke etwaige Interessenten ab. Auch ist von einer offenbar hartleibigen Eigentümerin die Rede, die nicht mit sich reden lassen wolle. Wer könnte das Eis brechen? Oder sind schon alle Chancen vertan?

Zu vermuten steht, dass das ehemalige Kino seit zwölf Jahren (außer Verdruss) gar nichts mehr einbringt und somit totes Kapital darstellt. Ein absurder Zustand.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Architektur & Städtebau, Kino, Kleinkunst & Comedy, Kultur an sich, Musik & Konzert, Region Ruhr | Verschlagwortet mit , , | 4 Kommentare

Politisch korrekte Straßennamen oder die Sucht nach Verdrängen

In Münster fällt es vielen aus heiterem Himmel ein: Hindenburgplatz, geht doch nicht, der war ja Steigbügelhalter des Unaussprechlichen. Oder: Agnes Miegel, kann man doch in einer gescheiten Kulturstadt keine Straße nach benennen, die reimte doch nicht nur im Blut-und-Boden-Wahn, sondern glühte gar nicht still und auch nicht heimlich den Gröfaz an. Eine Kommission wird ins Leben gerufen und forstet im Münsteraner Straßenschilderwald herum, ob denn noch mehr unwerte Namen aus ihm zu tilgen seien.

Damit wir uns nicht missverstehen. Ich halte keinen Platz für geeignet, den Namen Hindenburgs zu tragen. Ich bin ebenso wenig der Ansicht, dass die Droste des Ostens (sorry Annette von …, das hast Du nicht verdient, aber so nannte man die Miegel gern) es verdient hätte, dauerhaftend in unserem Gedächtnis zu verweilen (fand selbst ihr nicht gar so verdächtiges Wortgedudel schon als Schüler erbärmlich). Aber da entpuppen sich Gutmeinende wieder einmal als Vorantreiber des Verdrängens, Vergessens und Verächtens. Getreu dem Motto: Was wir nicht mehr sehen, lesen, wahrnehmen können, das hat dann auch wohl so nicht stattgefunden.

Nun, dann sollten die Hüterinnen und Hüter eines politisch korrekten Straßenraumes aber auch richtig konsequent sein. „Jahnstraße“, ganz schnell weg damit. Denn der Turnvater (ich kann mich noch bestens an verehrende Augen meiner Lehrer erinnern) gab schon lange vor der Zeit des Unaussprechlichen üblen Antisemitismus von sich. Lützowstraße, auch fort damit, kriegerischer Unrat – oder nicht, nannte sich damals doch Befreiungskriege. Sauerbruch sollte auch kein Pate sein. Der hat dem verletzten Putschisten – dem Unaussprechlichen – in München mal die Schulter behandelt. Aber auch mal einen Sozialdemokraten kuriert. Aber auch den Mörder von Kurt Eisner zusammengeflickt. Und flugs ward der Professor, als die braunen Machtverhältnisse ganz klar waren, ein Aufrufer zum hippokratischen Glaubensbekenntnis für den unaussprechlichen Adolf Hitler, dessen Namen völlig zu Recht kein Straßenschild mehr tragen darf.

Vermutlich wäre eine Schwarz(braun)Liste aufzustellen, die beliebig zu verlängern ist. Ich will es aber abkürzen. Vielleicht entspricht es ein wenig der germanischen Mentalität, einerseits unbeliebte historische Zeiträume aus dem öffentlichen Bild zu tilgen, gleichzeitig deren Vertreter aber in lebender Form – sofern von Nutzen – weiter im öffentlichen Raum agieren zu lassen. Die Nachkriegsjahre belegen das sehr deutlich. (Ähnlich ging es im nachhinein betrachtet zu, als die ehemalige DDR der nach wie vor BRD angeschlossen wurde.) Ein Vorschlag, der möglicherweise allen Verehrern des Siegers von Tannenberg ebenso gerecht wird wie den ebenso zahlreichen Kritikern: Nennen wir nicht nur Straßen, sondern auch Kasernen zukünftig ausschließlich nach unverfänglichen Paten. Blumen zum Beispiel. Ach nein, das wäre ja auch öde. Und ließe es zu, dass wirklich werte Zeitgenossen auch in Vergessenheit geraten könnten. Also plädiere ich für echte und gern auch ächtende Konsequenz, sofern das geht und wirklich gewollt wird.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Geschichte, Gesellschaft, Politik und so, Stadt Land Fluss | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

Er hatte seine Konjunktur – zum Tod von Hazy Osterwald

Fast 90 Jahre alt, an Parkinson erkrankt, ging Hazy Osterwald von der Lebensbühne, ein ständiger Begleiter meiner jungen Jahre, der viel mehr konnte als „mit der Konjunktur zu gehen“, „an ihrer Uhr zu drehen“, wie er und sein Sextett im Cha-Cha-Cha-Rhythmus schlagerten.

Er war wie seine Kollegen nicht der simple Showmusiker, sondern ein erstklassiger Jazzer, hatte indes seine größten Erfolge und durch ihn und seine Musiker bestimmte Solo-Shows mit dergleichen musikalischen Skizzen einer deutschen Zeit, in der es stets vorwärts zu gehen schien. Die „Konjunktur“ durfte nur Wachstum kennen und gehorchte.

Solche Gassenhauer waren gut fürs Gemüt der 50-er und 60-er Jahre eines nunmehr vergangen zu nennenden Jahrhunderts. Sie waren fröhlich, zeigten aufwärts, blieben von Krisen ungeschüttelt und wurden auch noch von Schweizern gespielt und gesungen, die aus dem Heimatland der Stabilität stammten. Na, wenn die das sagen, dann stimmt es auch.

Später hörte man von Hazy und seinen Leuten kaum mehr, nur die meist monochromen Auftritte von einst wurden bei Gelegenheiten mal wiederholt. Er hatte seine Zeit, allerdings war die Zeit an sich zu eilig und zog an ihm vorüber. Doch seine Zeit hatte ihm eine ganze Menge Spaß zu verdanken.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Geschichte, Musik & Konzert | Verschlagwortet mit , , , | 5 Kommentare

Preis für grotesken Humor: Ulrich Holbein ausgezeichnet

Loriot hat ihn erhalten. Ernst Jandl, Robert Gernhardt, Hanns Dieter Hüsch, Ingomar von Kieseritzky, Ror Wolf, Katja Lange-Müller, Gerhard Polt, F. W. Bernstein, Peter Rühmkorf, Herbert Achternbusch und fünfzehn weitere um ihre Vertrautheit mit dem Grotesken oft beneidete Persönlichkeiten ebenfalls. An diesem Wochenende geht der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor an Ulrich Holbein. Sollte Ihnen der Name unbekannt sein? Verwechseln Sie ihn gar mit einem anderen Herrn Holbein? Das wäre betrüblich.

Seit seiner Kindheit trägt der 1953 geborene Ulrich Holbein zur Weltverschönerung bei. Davon kann man sich beispielsweise in dem wundervollen Buch Bitte umblättern! überzeugen, das 2010 im Elfenbein Verlag erschienen ist. In diese Reihung verheißungsvoller Textanfänge gehört auch ein netter Kinderbrief an den Uropa, säuberlich auf Linienpapier geschrieben und mit Buntstiftzeichnungen am Blattrand. Leider erfahren wir nichts über die Uroma, denn der Brief bricht wie jedes Dokument dieser „Einhundertelf Appetithäppchen“ nach der ersten Seite ab – oftmals mitten im Satz oder Wort. Beim Umblättern tut sich ein neuer Text auf, oder eine Zeichnung oder eine Collage. In einem anderen Text des Bandes wird Satz für Satz die persönliche Entwicklungsgeschichte des Autors der Entwicklung der Menschheit gegenüberstellt. Überzeugend.

Im gleichen Verlag war zuvor Isis entschleiert erschienen, eine Geschichte, die sich ausschließlich aus Zitaten zusammensetzt. Das liest sich etwa so:

Ekkehard Wiederholz: Wenngleich es auch für den Angler appetitlicher sein mag, nur mit sauber gewaschenen Därmen zu arbeiten, würden sie jedoch mit einer gründlichen Säuberung im Wasser ihrer gesamten Duftstoffe und damit ihrer ganzen Anziehungskraft als guter Köder beraubt. Jegliche Därme dürfen daher nur leicht ausgedrückt, das heißt zwischen zwei zusammengepreßten Fingern hindurchgestreift, nicht aber gewaschen werden.
Leonardo da Vinci: Viele werden sich ein Haus aus Därmen bauen und sogar in ihren eigenen Därmen wohnen.
Ulrich Holbein (seinem Vater die Wurst wegreißend): Vorsicht! Du fügst ihr lebensgefährliche Bißwunden zu!
Walter Holbein (die Wurst sofort zurückerobernd): Gib das Ding her!
Ulrich Holbein: Die Wurst war damals schon mein Opa – spürst du das nicht beim Reinbeißen, wie er »Aua!« ruft?
Herta Müller: Der Fuchs war damals schon der Jäger.
Wilhelm Busch: Die Strafe bleibt nicht aus. Jeder Jäger wird mal ein Hase, früher oder später, denn die Ewigkeit ist lang.
Bishma: Geschöpfe, deren Fleisch ich in dieser Welt esse, essen das meinige in der nächsten Welt.
Elias Canetti: Das Tier, das man gegessen hat, merkt sich, wer es war. Seine Seele lebt weiter und wird im Jenseits zu einem Menschen. Dieser wartet geduldig auf den Tod seines Verzehrers. Sobald er im Jenseits ankommt, findet das Opfer ihn, packt ihn, zerschneidet ihn und ißt ihn auf.“
Und so weiter.

Aus lauter Zitaten besteht auch eine „Love Story“ in Ulrich Holbeins Weltverschönerung (2008). Die Textmontage aus Werken von 162 Autoren beschreibt der Menschheit liebste Beschäftigung, die – so dargestellt – in ihrer Austauschbarkeit ziemlich lächerlich erscheint. Aber ob die im gleichen Band veröffentlichten zwölf Thesen und elf praxisorientierten Tipps zum Thema „Wer raffiniert onaniert, rettet die Welt“ den Leser aus dem Dilemma befreien?

In der 13. Ausgabe der Zeitschrift Oya (anders denken. anders leben) erscheint im März/April 2012 der Anfang von Holbeins neuestem „Liebesroman“ Traumpaar ohne Notbremse – wieder nur eine einzige Seite. Klingt ein Liebesroman so? „Sie knallte mir alles mögliche vor Latz und Kopf. Sie ging mir auf den Geist, auf Keks und Wecker und Sack und Gemüt. Es hagelte Blöff und Jux und Sex und Peng und Tschüs.“ Bei Ulrich Holbein schon – neben zarteren Tönen des vorerst letzten Romantikers.

Ein ausgeprägter Individualist ist der an diesem Wochenende geehrte Ulrich Holbein allemal – in seiner literarischen Stilvielfalt, in seiner extravaganten Selbstgestaltung, der Eremitage im Knüllgebirge, den Lektüre- und intellektuellen Präferenzen. 23 Bücher und 892 Einzelpublikationen hatte der Autor bereits bis zum Abbruch seines Netztagebuchs „ulyversum“ im Jahr 2008 vorzuweisen. Einer breiteren Leserschaft ist er durch die Kolumnen „Sprachlupe“ in Die Zeit und „Standardsituationen“ in der Süddeutschen Zeitung bekannt geworden. Als einen Vielschreiber kann man ihn jedoch allenfalls in quantitativer Hinsicht bezeichnen. Holbein ist, wie er selbst sagt, „anders als alle, die anders als andere sind.“

Subjektiv zusammengefasste Lebensläufe von 255 Exzentrikern, Eigenbrötlern, komischen Käuzen und Aposteln aller Art hat Ulrich Holbein in seinem dickleibigen Lexikon Narratorium (2008) vereint, von denen insgesamt 48 in diesem Jahr in den beiden Bänden Heilige Narren und Heilige Närrinnen im Marixverlag neu herausgebracht werden. Doch umfasste das Narratorium bei weitem nicht nur Gurus und Glückssucher, vermeintliche oder echte Heilige im engeren religiösen Sinne, sondern auch von Holbein verehrte Großliteraten wie Jean Paul oder Arno Schmidt.

Ulrich Holbein würde perfekt in sein eigenes Narratorium passen und wird zu Recht mit dem Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet, den die Stiftung Brückner-Kühner alljährlich in Kassel vergibt. Die Lobworte am Samstagabend im Kasseler Rathaus sprachen Harry Rowohlt (für den Förderpreisträger Tino Hanekamp) und Bazon Brock (für Ulrich Holbein). Holbeins langjährige Partnerin, die Komponistin Viera Janárčeková, komponierte für den Abend “Tangomutanten für Quetschkommode und kleine Bassgeige”.

Daneben wurde im Kasseler Rathaus die Ausstellung “Lieber eine falsche Weltsicht als gar keine Flügel! Seufzer, Statements, Appelle” mit emblematischen Fotocollagen von Ulrich Holbein eröffnet. Denn Holbein ist nicht nur ein Wortkünstler. Auf Buchmessen trifft man ihn meistens mit einer handlichen Kamera an. Er knipst, er montiert, er collagiert und textet Sprechblasen.

Der Glückwunsch aus dem Ruhrrevier erscheint im Netz mit einem Tag Verspätung. Der Gratulant hat sich gestern einmal mehr in Ulrich Holbeins Büchern festgelesen und fand die Lektüre vergnüglicher, als seinerseits einen Artikel zu schreiben.

Letzte Buchveröffentlichungen von Ulrich Holbein u.a.:

Heilige Narren. 22 Lebensbilder. Wiesbaden: Marixverlag 2012.
Heilige Närrinnen. 22 + 4 Lebensbilder. Wiesbaden: Marixverlag 2012.
Bitte umblättern! Einhundertelf Appetithäppchen. Berlin: Elfenbein 2010
Narratorium. Zürich: Ammann 2008.
Ulrich Holbeins Weltverschönerung. Frankfurt am Main: Zweitausendeins 2008.
Januskopfweh. Glossen, Quickes und Grotesken. Berlin: Elfenbein 2003.
Isis entschleiert. Heidelberg: Elfenbein 2000.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Literatur, Scherz, Satire, Ironie | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

Charisma und Interpretationslust – der Bratscher Antoine Tamestit

„Ich bin froh, ein junger Wilder zu sein“, sagt Antoine Tamestit. Dahinter steckt natürlich eine gehörige Portion Selbstironie, schließlich ist der französische Bratscher längst zum arrivierten, ausdrucksstarken Künstler gereift, mit Auftritten in aller Welt. Doch das Gastspiel im Dortmunder Konzerthaus, sein letztes in eben jener Reihe „Junge Wilde“, gibt er voller Dankbarkeit, im Bewusstsein, dieses außergewöhnliche Format bereichern zu dürfen.

Die Idee dazu hatten Konzerthaus-Intendant Benedikt Stampa und sein Team vor sechs Jahren: Junge Künstler für drei Spielzeiten ans Haus zu binden, die nicht nur Standardkonzerte geben, sondern außergewöhnliche Programme mitbringen. Die bereit sind, sich dem Publikum zu öffnen: morgens in einer Schulklasse, abends beim offenen Gespräch mit den Zuhörern. Was zaghaft begann, ist inzwischen, kurz vor Ende der 2. Staffel, eine überaus erfolgreiche Veranstaltungsreihe.

Auch Antoine Tamestit, Jahrgang 1979, steht für den Typus junger, unkonventioneller, experimentierfreudiger Solist. Der Bratscher indes war von Beginn an weit mehr als nur ein begnadetes Talent – seine Bühnenpräsenz, gepaart mit einem von der Musik beseelten Bewegungsvokabular, ist Ausdruck intensiver Interpretationslust. Wir sehen ohne Zweifel einen Künstler mit Charisma, keinen virtuosen Blender.

So erfahren wir ihn nun in Dortmund, diesmal als Botschafter seines weitgefächerten Repertoires. Mit dem langjährigen Klavierpartner Markus Hadulla spielt Tamestit Werke von Bach, Brahms und Schostakowitsch. Es ist ein Abend im Geiste der Romantik. Bachs Sonate für Viola da Gamba und Cembalo klingt mit modernem Instrumentarium erheblich verdichtet, Brahms’ Transkription der 1. Klarinettensonate steht für das Wechselspiel seelischer Befindlichkeiten. Und Schostakowitschs Beitrag zu Gattung, kurz vor seinem Tod (1975) komponiert, fällt aus dieser Moderne heraus: Der Russe zieht in schroffer, ätherischer, gespenstisch grotesker Manier die Bilanz seines Lebens. Er bleibt sich und seiner Sprache treu, weitab entfernt von den seriellen Gepflogenheiten der Avantgarde.

Tamestit ist der große Gestalter und Klangfarbengeber. Das mag bei Bach etwas gekünstelt wirken, erweist sich aber in der aufgewühlten, grüblerischen, teils auch verhangen expressiven Brahms-Musik als Glücksfall. Es ist nur schade, dass der Bratscher dem Pianisten dabei immer eine Nasenlänge voraus ist. Erst Schostakowitschs tönender Endzeit verschafft Markus Hadulla wirkmächtige Kontur. Und wenn zum Schluss, offenbar ein wenig mit Material der „Mondscheinsonate“ spielend, die Musik langsam dahinstirbt, noch einmal aufzuckt in einem wehmütigen Bratschensolo, um letzthin im dynamischen Nichts zu entschweben, dann ist das große Kunst.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Musik & Konzert | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Denkwürdige Vokabeln (6): „Risikofreudig“

Es fiel mir sozusagen wie Schuppen aus den Haaren – oder hieß das Schuppen von den Augen? Na jedenfalls hörte ich aus dem Munde eines jungen Kollegen, dass ihn sein Bank-Berater ganz toll informiert habe. Der hätte ihm zunächst einmal eine sehr konservative Möglichkeit angeboten, sein Bares zu mehren, sozusagen in der Art eines Eichhörnchens, langsam, aber sicher. Und unter dem verschämten Geständnis, dass er als Banker derzeit eher mal bei diesen Dingen zurückhaltender sei, die sogenannte „risikofreudiger“ Version, sozusagen turboschnell, aber mit möglichem Totalverlust.

„Risiko-freudig“, eine Vokabel , die besonders gern in der Bankenwelt und ihrer näheren Umgebung, also auch bei denen, die über die Bankenwelt berichten, Wirtschaftsjournalisten, genutzt wird. „Risiko“ allein, das klingt schon eher so, als solle man Anlagen dieser Art mit Vorsicht genießen. Niemand indes käme auf den Gedanken, mit Risiken behaftete Anlagen als „gefährlich“ für die Kunden-Barschaft zu beschreiben, das wäre ja zu eindeutig abschreckend. Aber „Risiko“ für sich gestellt ja eigentlich auch.
Was tun? Eine frische und eher kecke Wortschöpfung muss her. Die sollte die Aussagen vor sich her tragen, dass eigentlich mit heiterem Auge dem immerhin möglichen Untergang des eigenen Geldes entgegengeblickt wird, freudig also. Die sollte ebenso implizieren, dass Risiken nicht im eigentlichen Sinne negativ sind, sondern eine Schwelle, über die jung-dynamisch gehüpft werden sollte. Positiv denkend, an eine sichere Landung glaubend, auch wenn jenseits der Schwelle ein tiefes Loch sein könnte, in das man unversehens stürzen kann.

„Risikofreudig“ setze ich denn nun zu einem Sprung an, der Herr mit dem Schlips und dem jung-dynamischen Gel im Haar lächelt vermutlich nur ermunternd, nicht etwa wegen der zu erwartenden Prämie, wenn ich unterschreibe. Ach nee, ich nehme denn doch lieber den Bundesschatzbrief, auch wenn der nur ein säuerliches Lächeln meines Gegenüber auf dessen marktkonforme Schmallippigkeit zaubert.

Und dann werde ich wach – beruhigt stelle ich fest, dass ich „Risikofreude“ nur im Traum erlebe. Bin halt ein ökonomischer Langweiler und bleibe konservativ. Ist ja auch so eine denkwürdige Vokabel für zwei sehr gegensätzliche Verhaltensweisen. Man kann auch als fortschrittlich denkender Mensch konservatives Handeln bevorzugen, ebenso wie man als Konservativer ungemein unfortschrittlich sein kann.

„Meine Sorgen möchte ich haben…“
(nicht von mir, sondern von Tucholsky)

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Sprache, Wirtschaft | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Paul Nizon und die Goldadern der Kunst

Paul Nizon lebt und schreibt aus voller Brust elitär, die allermeisten Verhältnisse lässt er weit hinter sich liegen. Er grenzt sich streng ab, hält sich heraus aus dem gängigen Streit der Zeit, besteht auf „Niemandszugehörigkeit“. Kritiker, die ihm weniger gewogen sind, halten ihn für einen prätentiösen „Dichterdarsteller“. Nach üblichen Maßstäben ist der 1929 in Bern geborene Nizon ein Bewohner des Elfenbeinturms.

Jetzt sind seine Journale der Jahre 2000 bis 2010 erschienen. Sie erheischen langsame, einlässliche Lektüre und häufiges Innehalten.

Es gibt nur wenige, die ihr ganzes Dasein so sehr mit Mühsal und Triumph der Schriftlichkeit gleichsetzen, die so unbedingt das Künstlertum im althergebrachten Sinne beschwören. Zitat: „Nur das Wort gewordene oder besser Poesie gewordene Leben ist lebenswertes Leben.“ Konsequenz: „Und darum verachte ich all die kleine Verbrauchskunst, so amüsant oder bestechend oder interessant sie auch sein mag…“ Unerbittliche Forderung: „Nur das Bis-an-die-Grenze-Gehen zählt oder genügt in Sachen Kunst.“

Paul Nizons geistesaristokratischer Dünkel geht freilich einher mit ausgesprochener Sympathie für die Clochards und Verzweifelten. Auf den ersten Blick findet man seine Texte vielleicht nicht sonderlich „welthaltig“, doch kann man, seinen Schilderungen aus der Nahsicht folgend, bei jedem Schritt und jeder Wendung den Atem anhalten. Satz für Satz klingt seine augenblickliche Staunensbereitschaft an, er selbst sagt es so:  „…daß ich am Morgen beim Hinausgehen und Tagbegrüßen immer noch wie ein Kind voller Wundererwartung einhergehe…“ Daraus erwächst dann wortwörtlich „Sagenslust. SPRACHLUST.“

Die Journale nehmen einen sogleich gefangen, wenn er etwa zu Beginn rückblickend von den frühen Jahren in Paris spricht, wo er als „Lebensanwärter“ auf den „offenen Markt des Lebens“ tritt und sich alles vor schierer Erwartung anspannt, erhöhte Verletztlichkeit und drohendes Scheitern inbegriffen. Man fühlt sich hier nah am Zauber allen Anfangs, am schöpferischen Quell, doch auch im Zwiespalt. Das Schreiben gerät zur permanenten Selbst-Erfindung, darauf spielt wohl auch der Titel des Bandes („Urkundenfälschung“) an, der im gesamten Buch ansonsten nicht vorkommt. Das Ich ist eine fragile Fiktion, es muss jederzeit errungen werden, aus Worten hervorgehen.

Immer wieder vergleicht Nizon seine Art des Schreibens mit dem breiten, nie versiegenden Erzählstrom von Peter Handke und sieht sich selbst eher als Verschweiger, der nur wenigen Goldadern nachspüre; hingegen als manischen „Verschwender“ in den Journalen, „die den Seitenflügel meines Werks ausmachen“.

Nizons Fähigkeit zu rühmen zeigt sich auch und gerade in den Journalen. Die französische Lebensart, leuchtende Momente in Paris oder Rom, der „Schönheitsanfall“ angesichts der Erscheinung einer Frau – all das wird aus flüchtigen Momenten geborgen und als Kostbarkeit aufgehoben. Die Kehrseite: Zutiefst erschrocken notiert der Schriftsteller, dass vielleicht alles nur im relativ schmalen Werk bewahrt sei, dass er hingegen im äußeren Leben versagt habe.

Im Zeitrahmen dieser Tagebücher leidet Nizon an den Folgen einer Ehescheidung, andererseits gibt ihm die glückhafte Vollendung des Romans „Das Fell der Forelle“ Auftrieb. Hochgemutes Emporschwingen, quälerische Selbstzweifel und Selbstmitleid wechseln einander flackernd ab. Skepsis, den eigenen Ruhm betreffend und folglich auch Einkommens-Panik gehören zur Nachtseite der vogelfreien Existenz. Auch macht das Alter sich zunehmend bemerkbar, es sterben Freunde, jeder Tod bedeutet einen Weltverlust. Gallig bemerkt Nizon zudem, wie er sich etwa der gegenwärtigen Musikszene entfremdet habe, während ihn 1968 mit seinen kulturellen Begleiterscheinungen immerhin noch gestreift hatte.

Die künstlerischen Leitsterne Nizons erstrahlen in etlichen Passagen, in erster Linie Vincent van Gogh und Robert Walser, außerdem – schon widersprüchlicher gefasst – Elias Canetti, mit dem Nizon befreundet war und den er als wichtigste Begegnung seines Lebens bezeichnet, wenngleich er ihn auch als bedrohlich empfunden hat.

Zumal die Anfänge („künstlerische Inkubationszeit“) werden noch einmal eingehend bilanziert. Einige Essenzen klingen ehern kulturkonservativ. So stellt der einstige Museumsmann Nizon über die Kunst seit Kandinsky fest: „Das Abstrakte war wohl doch ein Irrweg.“ Verächtlich erwähnt er Rap und Poetry Slam als niedere Formen. Und er spricht sich vehement gegen Kulturrelativisten aus, die beispielsweise die nordafrikanische Rai-Musik in einem Atemzug mit Schubert nennen. Er selbst weiß, dass seine Haltung eurozentrischem Hochmut entspricht – und steht dazu.

Überhaupt gleichen die Journale über weite Strecken dem Versuch, auf dem Felde der Künste so etwas wie großbürgerliche Dignität, jedenfalls hochveredeltes Herkommen zu behaupten. Ein solches Unterfangen steht quer zur Jetztzeit, es  kann geradezu heroisch genannt werden. Wohlfeile Bekräftigungen landläufiger Meinungen finden sich anderswo zuhauf. Hier aber geht es um Werte jenseits des Tages.

Paul Nizon: „Urkundenfälschung. Journal 2000-2010“. Suhrkamp Verlag. 376 Seiten. 24,95 Euro.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Kultur an sich, Lebenswege, Literatur, Sprache | Verschlagwortet mit , , | 5 Kommentare

Dynamik und Ästhetik – preisgekrönte Pressefotos in Dortmund

Das Bild ist um die Welt gegangen: Bibi Aisha, Afghanin, 18 Jahre alt, gewaltsam entstellt, ohne Nase. Bestraft, weil sie aus dem Haus des Ehemannes geflohen war. Der südafrikanischen Fotografin Jodi Bieber wurde mit diesem Porträt der Preis „World Press Photo of the Year“ (2011) zuerkannt. Wohl auch deshalb, weil trotz aller innewohnenden Grausamkeit das Bild eine Ästhetik ausstrahlt, die der jungen Frau ihre Würde lässt.

Im Dortmunder Depot sind nun (bis zum 8. März) alle prämierten Fotos zu sehen, 160 an der Zahl, preisgekrönte Werke in neun verschiedenen Kategorien, sowohl Einzelaufnahmen als auch Bilderserien. Sie sind überwiegend an Brennpunkten dieser Welt entstanden, dokumentieren auf teils erschreckende Weise des Menschen Kriege, sein Unglück, sein Leid. Aber auch Skurriles ist zu sehen, neben einigen schönen Naturfotos.

So kann es wohl zum eingangs erwähnten Bild der jungen Afghanin keinen größeren Kontrast geben als das Porträt der beiden schrulligen alten Damen, die auf einem irischen Jahrmarkt in die Linse des Fotografen Kenneth O’Halloran schauen. Die eine mit kauzig-grimmiger Miene, die andere mit einem sanften Lächeln, das etwas Fürsorgliches hat. Beide haben sich, in ihrer Art, schick gemacht – das Bild lebt nicht zuletzt von den sich beißenden Farben.

Wieder ein Kontrast: Der Blick fällt auf zwei Menschen, die in großer Distanz voneinander entfernt sitzen. Es sind nicht irgendwelche Personen, sondern ranghöchste Politiker Nordkoreas: Staatschef Kim Jong-il, der nach links auf seinen Sohn und designierten Nachfolger Kim Jong-un schaut. Ein skeptischer Vater blickt in Richtung seines Sohnes, dessen bulliges Gesicht wie versteinert wirkt. Fast wollen wir glauben, es menschelt zwischen den beiden.

Viele Fotos, blickt man nur genau hin, sind trotz aller Schrecknisse von einem Funken Hoffnung erleuchtet. Ein junger Mann, der in der Westsahara für die Unabhängigkeit der Saharauis streitet, blickt gedankenverloren in den hellen Sternenhimmel. Oder betrachten wir nur die Schwarze, die in einer von Wellblech umzäunten Parzelle Cello übt, als Mitglied des Kinshasa Symphony Orchestra, das inzwischen weltweit Beachtung findet.

Erwähnt werden soll aber auch der deutsche Fotograf Uwe Weber, Preisträger für ein Dokument über die Duisburger Love Parade. Menschen dicht an dicht, nackte Angst in vielen Gesichtern. Es scheint, als würde sich die Masse im Bild bewegen. Ein Beispiel für viele Aufnahmen, die eine ungeheure Dynamik entfalten. Nicht zuletzt durch die Brillanz der Farben.

Schließlich wollen wir aber die Schönheit dieser Welt preisen. Thomas P. Peschak gelang das beste Foto in der Kategorie Natur. Ein Tölpel im Landeanflug auf eine Brutkolonie. Die Gesichtszeichnung des Tieres ist von größter Plastizität. Peschak, in Deutschland geboren und in Südafrika lebend, macht uns staunen.

www.depotdortmund.de

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Fotografie, Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Historisches Stichwort: „Landwehr“

Wer das Wort „Landwehr“ hört, denkt an die Vorläufer der Wehrpflicht, an stehende Heere und an Berufssoldaten. Das Wort Landwehr hat aber auch eine andere, sogar noch ältere Bedeutung, und wer in den ländlicheren Teilen des südlichen Ruhrgebiets, im Bergischen oder im Münsterland spazieren geht, der kann sogar auf die Reste dieser Landwehren stoßen.

Der Begriff bezeichnet lang gestreckte Erdwälle, die im Mittelalter angelegt wurden, um das Territorium gegen Eindringlinge zu schützen oder um Räuberbanden die schnelle Flucht vor allem mit Fuhrwerken zu vereiteln. Die Landwehren waren bis zu 18 Meter breit und folgten im Wesentlichen der Landesgrenze, zum Beispiel zwischen dem Herzogtum Berg und der Grafschaft Mark. Diese Grenze besteht heute noch als Grenzlinie zwischen Rheinland und Westfalen, also zwischen den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf auf der einen und Arnsberg auf der anderen Seite.

Zwischen Elberfeld, Barmen und Schwelm, Ennepetal, Radevormwald, Breckerfeld und Halver kann man an vielen Stellen diese Erdwälle noch in der Landschaft sehen. Sie wurden oft schräg zum Hangabfall angelegt, um das Übersteigen zu erschweren. An Wegen wurden sie unterbrochen, dort befand sich dann der Schlagbaum zur Kontrolle und Mautkasse. Viele Ortsteilnamen deuten heute noch auf diese Funktion hin. Aus einer dieser Zollstationen ist das Örtchen Filde entstanden, und dieser Flecken hat daher noch eine Besonderheit: Die Grenze verläuft mitten durch den Ort, so dass er zwei verschiedene Ortseingangsschilder hat. Auf einem steht „Filde. Stadt Breckerfeld. Ennepe-Ruhr-Kreis“ und auf dem anderen „Filde. Stadt Radevormwald. Oberbergischer Kreis“. Entsprechend müssen die einen Bewohner ins rheinische Rathaus von Radevormwald oder in das Gummersbacher Kreishaus, die anderen fahren ins westfälische Rathaus von Breckerfeld oder ins Schwelmer Kreishaus.

Übrigens hat sich die Grenze auch in den Trinkgewohnheiten erhalten: Auf der einen Seite der Landwehr wird in den Kneipen Kölsch oder Alt gezapft, auf der anderen Seite gibt es westfälisches Pils, doch auch diese Grenze wird immer mehr durch bayrischen Weizen-Einfluss aufgeweicht. Das sieht man sogar schon in der Bierstadt Dortmund.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Geschichte, Region Ruhr, Stadt Land Fluss | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Meilensteine der Popmusik (4): The Mamas and the Papas

Kalifornien 1966: Sonne out, Strand out, Surf out. Nach der ersten großen Drogen-Welle und mit den Songs von Bob Dylan hatte sich die Welt verändert. Als Amerikas Engagement in Vietnam eskalierte, gab es neue Schlagworte: „love and peace“, „make love not war“. Die Studenten von Berkeley waren die ersten, die friedlich rebellierten. Der anrückenden Nationalgarde steckten sie Rosen in die Gewehrläufe. Die Gesellschaft war irritiert, bisweilen sogar schockiert. Auch hierzulande machten sie sich langsam breit; in den Augen des Nachkriegsspießbürgers waren sie nur langhaarige Nichtsnutze, diese „Gammler“. Wer sich rechtzeitig informiert hatte, sprach auch schon von „Hippies“. Das alles ließ sich schon damals toll vermarkten. Die Mode-Industrie setzte auf Parka, Boots und Blümchen. Und auch die übergroßen Beatles sangen ein Jahr später „All you need is love“. Mit Blumen im Haar machten sie Kasse mit der neuen Masche: Flower Power.

Die unumstritten erfolgreichste Vokalgruppe dieser Zeit lag optisch im Trend, und der hieß damals schon: Gleichberechtigung. THE MAMAS AND THE PAPAS – fast zehn Jahre vor ABBA die erste Gruppe, die unentschieden ausging – zwei Frauen, zwei Männer. Hinter den Kulissen ging es jedoch eher konventionell zu. Kopf der Truppe war John Philips. Er war verheiratet mit einer hübschen Mama und Mitsängerin, Holly Michelle Gilliam. John war auch verantwortlich für den schlichten Gruppennamen, der ursprünglich „Magic Circle“ (Magischer Kreis) lauten sollte. Doch zwischenzeitlich sah John ein Interview im Fernsehen mit einem Mitglied der Hells Angels. Dieser Rocker erzählte dem Reporter, „einige Leute bezeichnen unsere Frauen als billig, wir aber nennen sie liebevoll ‚MAMAS'“. Papa Nr. 2 war Dennis Doherty, wie die hübsche Michelle eher ein blasser Mitläufer. Aber die zweite Mama, die hatte es in sich: Ellen Naomi Cohen hatte seit frühester Kindheit einen Spitznamen: Cassandra, kurz Cass. Ein anderer Nachname musste auch noch her, und die schwergewichtige Cass Elliot entsprach dann wohl auch am ehesten den Vorstellungen die man landläufig von einer Mama hat. Doch ihr wahres Pfund war ein künstlerisch wertvolles: ihre Stimme, sie wurde zum absoluten Höhepunkt dieser Gruppe.

Zu ihrem Plattenvertrag kamen THA MAMAS AND THE PAPAS durch ihren Freund Barry Mc Guire, der mit „Eve Of Destruction“ schon einen Welthit abgeliefert hatte. Produzent Lou Adler war vor allen Dingen von den Songs begeistert, die John Philips geschrieben hatte. Einer davon, „California Dreaming“, wurde mit Barry Mc Guire aufgenommen. Die vier durften zuerst nur im Hintergrund trällern. Das änderte sich, als man die erste LP der Gruppe produzierte: „If you can believe your eyes and ears“. Die Stimme von Barry Mc Guire wurde einfach gelöscht, und der erste Hit von THE MAMAS AND THE PAPAS war perfekt. Die US-DJs stürzten sich auf das Album, nahmen aber noch einen weiteren Titel in ihr Powerplay, und zwangen die Plattenfirma, schneller als üblich diesen zweiten Song zu veröffentlichen. John Philips hatte das Lied bei der Produktion gegen den Widerstand der anderen Gruppenmitglieder durchgesetzt, und er sollte recht behalten. Das etwas dümmliche, vom Text her nichtssagende „Monday, Monday“, wurde weltweit der größte Erfolg der Gruppe. Dazu kamen auf der LP der Beatles-Song „I Call Your Name“, und neue Versionen der Oldies „Spanish Harlem“ und „Do You Wanna Dance“. Eine friedlich-fröhliche Pop-Platte, die damals zu den eher aufwendigen Plattenproduktionen zählte.

Viele Gruppen wie z.B. ABBA oder The Bangles haben sich Jahre später noch am Stil von THE MAMAS AND THE PAPAS orientiert. Dabei dauerte der Spuk nur ganze zwei Jahre, dann trennte man sich. Die schöne Michelle wollte nun endlich Schauspielerin werden – und scheiterte. Der blasse Dennis wurde noch blasser. John Philips hatte als Solist nur einige Achtungserfolge. Allein Mama Cass konnte sich stimmlich gegen die Konkurrenz durchsetzen. Doch gerade sie wurde zur wirklich tragischen Figur dieser Gruppe. Ihre ausgeprägte Fresslust und ihre Vorliebe für Schock-Diäten wurden ihr zum Verhängnis. Drogen- und Alkoholexzesse taten ein Übriges.  Am 29. Juli 1974 starb Mama Cass in London, in der Wohnung ihres Musikerkollegen Harry Nilsson. Diagnose: Herzversagen. Drei Jahre vorher hatten THE MAMAS AND THE PAPAS noch ein Comeback versucht – vergeblich. Was bis heute übrigblieb, ist vor allen Dingen ihre erste LP – und die Erinnerung für viele (mittlerweile) Omas und Opas…

\“California Dreaming\“ – THE MAMAS AND THE PAPAS

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Musik & Konzert, Rock & Pop | Verschlagwortet mit , , , | 6 Kommentare

„Stilvoll und lichtdurchflutet“ – Maklerdeutsch ist pure Poesie

Wer sich auf Wohnungssuche begibt, der lernt nach und nach die sprachlichen Bemäntelungen kennen, die in der Maklerzunft üblich sind. Sie lassen sich in manchen Punkten mit den notdürftig beschönigenden Formeln in Arbeitszeugnissen vergleichen.

Hier wie da werden Texte nach Baukastenprinzip aus Standardfloskeln gefügt. Hier wie da verständigt man sich gleichsam im ironisch gebrochenen Modus mit kaschierten Hintergedanken. Es gibt sozusagen eine imaginäre Interlinearversion, die den eigentlichen Sinn enthält.

Damit driftet das Genre der Immobilien-Annonce in literarische Gefilde. Nicht, dass jemand von Rosstäuscherei spreche! Nein, hier sickert Poesie in den tristen Alltag, die Makler schildern uns in herzerwärmenden Worten die herrlichsten Idyllen.

Der Befund ist gewiss nicht neu – und doch staunt man immer wieder über die Chuzpe, pardon, über die dichterische Freiheit, mit der hier die Tatsachen aufs Prächtigste verwandelt werden.

So ahnt man ja längst, dass eine Bleibe, die „mit inneren Werten“ angepriesen wird, just der äußeren Werte ermangelt, sprich: Es herrscht umfangreicher Renovierungsbedarf. Ähnliche Unbill verheißt die Formulierung, bei diesem Objekt könne der Mieter/Käufer seine Phantasie spielen lassen. Dann erfordert es enorme Vorstellungskraft, sich die Behausung als bewohnbar auszumalen. Ähnliches gilt, wenn vom „Potenzial“ einer Wohnung die blumige Rede ist.

Im gängigen Maklersprech kehrt eine an sich schon hübsch-hässliche Vokabel häufig wieder, nämlich „stilvoll“. Damit werden beileibe nicht nur Jugendstilfassaden, Stuckornamente oder dergleichen historische Reminiszenzen bezeichnet, sondern das nostalgische Anwandlungen evozierende Wort wird nahezu wahllos ausgestreut. Selbst die triste Baulichkeit lädt in dieser Lesart „zum Verweilen ein“.

Zu den Klassikern im Maklerianischen, die man geradezu liebgewinnen kann, zählt natürlich „lichtdurchflutet“. Das Wort benennt eigentlich alles, was nicht eben stockfinster ist. Jedes Fensterlein erfährt damit seine Würdigung. Kurzum: Die frei fabulierende Maklersprache lehrt uns, auch die kleinen, unscheinbaren Dinge wieder zu schätzen. Obwohl: Was heißt denn hier klein? Eigentlich ist ja per se immer alles „großzügig“. Darunter tun sie’s nur höchst ungern.

Aus immer gern genommenen Versatzstücken lässt sich – fast ohne näheres Ansehen einer konkreten Wohnung – eine idealtypische Anzeige generieren. Ich probier’s mal:

„Absolute Rarität: Repräsentative, lichtdurchflutete XYZ-Zimmer-Wohnung mit besonderem Charme, rundum stilvoll, äußerst großzügig geschnitten. Ruhig und doch zentral gelegen, optimal angebunden. Parkähnliches Grundstück in bevorzugter, gehobener, durchgrünter Lage in Waldnähe, traumhafter, unverbaubarer Fernblick mit idealer Südwest-Ausrichtung. Mit viel Liebe zum edlen Detail aufwendig und hochwertig kernsaniert. Gönnen Sie sich den Luxus, Sie haben es sich verdient: Diese Wohnung besticht mit einzigartigen Elementen, wird höchsten Ansprüchen gerecht und lässt keine Wünsche offen…“

Na, und so weiter. Doch wehe, wenn man die Hütte besichtigt.

Selbstverständlich beschränkt sich die Flunkerei nicht auf die Sprache, sondern setzt sich kongenial in der Bebilderung fort. Man muss das Geschick bewundern, mit dem unliebsame Schattenseiten ausgeblendet werden. Und man kann im Umkehrschluss mutmaßen: Was nicht im Bild auftaucht, liegt wohl besonders im Argen. Die Defizite ließen sich beim besten Willen nicht mehr ausbügeln, also ließ man sie kurzerhand weg.

Aber was soll’s? In allen Zweifelsfällen tritt eh dieser klein gedruckte, doch eherne Kernsatz in Kraft: „Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen.“

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Alltag, Arbeitswelt & Beruf, Architektur & Städtebau, Sprache, Warenwelt & Werbung | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Klümpchen und Killefit – Frank Goosen lädt zum „Sommerfest“

Da steht er nun. Der Wahl-Münchner Stefan auf dem Sommerfest seines alten Bochumer Fußballclubs, die Tulpe mit frisch gezapftem Pilsken in der Hand, ein Lokalderby im Blickfeld, im Kreise alter Freunde und Wegbereiter. Stefan, gebürtiger Bochumer und leidlich begabter Schauspieler, hat sich vor 10 Jahren gegen Halden und für die Alpen entschieden. Dummerweise wurde sein Theater-Engagement nicht verlängert, man hat wohl gemerkt, dass seine Kunst mehr leidlich denn begabt ist. Seine Beziehung zu Schauspielkollegin Anka hat auch schon bessere Zeiten gesehen und der einzig greifbare Strohhalm ist ein Casting-Termin für eine neue Vorabendserie.

Just in dieser Phase seines Lebens verabschiedet sich Onkel Hermann von der Welt. Onkel Hermann hat in Bochum die Stellung im alten Bergarbeiter-Reihenhäuschen von Stefans viel zu früh verstorbenen Eltern gehalten. Stefan bleibt nichts anderes übrig, er muss heim in den Pott. Wenigstens für ein Wochenende, um den Verkauf seines Elternhauses in die Wege zu leiten. „Schnell rein, schnell raus, keine Gefangenen. Das war der Plan.“ Nur einige wenige Leute, die es verdienen, will er treffen. Allen voran natürlich die geliebte Omma Luise, den alten Kumpel Frank und dessen noch immer verwirrend schöne Frau Karin, auch ein Besuch inne Bude vonne Tante Änne sollte drin sein. Zu allem Überfluss ist es das Wochenende der Sommerfeste. Nicht nur bei seiner alten Spielvereinigung wird gefeiert, man zelebriert auch noch das größte Sommerfest, welches das an diesem Wochenende noch in Kulturhauptstadt-Wichtigkeit schwelgende Ruhrgebiet je gesehen hat: Das große A40 Sommerfest, Kultur und mehr auf dem berüchtigten Ruhrschleichweg. Da Stefan jetzt schon mal da ist, muss er das natürlich auch gesehen haben, bevor die alten Freunde denken, er hielte sich für was Besseres. So wird dieses Heimatwochenende für Stefan zur Tour de Ruhr, zum Wiedersehen mit alten Freunden und Feinden und nicht zuletzt mit seiner unvergessenen Sandkastenliebe Charlie, der Tochter des masurischen Hammers, Kirmes-Preisboxer und lokale Berühmtheit.

Da sind wir nun. Der neue Goosen ist raus. Seit Wochen schon kloppt man sich hier um die letzten, vereinzelten Restkarten für seine Lesereise, in den lokalen Medien  ist er omnipräsent, bei West-Art erleichtert der Autor höchstselbst die Recherche, indem er bestätigt, dass „Sommerfest“ das erste Goosen-Buch ist, in dem die Stadt Bochum explizit als Ort des Geschehens genannt wird. Und? Hält der Titel, was er verspricht? Von mir ein klares Ja. „Sommerfest“ ist auch ein Fest für den Leser. Ein Fest, bei dem das Leben und die Freundschaft gefeiert werden, ein Fest, auf dem aber auch ernste und melancholische Gedanken ihren Platz haben.

Heimat und der Platz, den man im Leben inne hat oder gerne hätte, die wiederkehrenden Themen des Frank Goosen. Ging es in seinen ersten Romanen noch ums Erwachsenwerden, sind es wie in „So viel Zeit“ nun auch in „Sommerfest“ die Weichenstellungen und Korrekturen, die man in den Vierzigern noch vornehmen kann. „Einmal falsch abgebogen und dafür ewig und drei Tage auf die Fresse gekriegt“ – das muss ja nicht unbedingt so bleiben. Was unbedingt so bleiben sollte und was zu bewahren Goosen ein erklärtes Anliegen ist, sind „die bedrohte, schützenswerte Sprache“ und die Geschichten des Ruhrgebiets. „Man müsste all die schönen Geschichten mal aufschreiben, die Storys, die auf der Strasse liegen und die man nur aufheben muss.“ So wünscht es sich Omma Luise im Buch. Genau das ist es, was Frank Goosen tut. Er schreibt uns nicht nur die Chronik der schönen Geschichten, er bewahrt uns Ruhrgebietlern auch all die schönen Wörter wie Killefit oder Klümpchen, Wörter, die schon in Köln keiner mehr versteht. Nebenbei haucht er den alten Sprüchen, die nicht nur er seiner Omma verdankt, neues Leben ein. Und sei es auf den Souvenirs zum A 40 Event, worüber er seine Hauptfigur Stefan selbstironisch den Kopf schütteln lässt, denn sowas sei ja eigentlich der „Gipfel der Albernheit“.

Fazit: Auch in Sommerfest bleibt Goosen sich selber treu, ohne auf der Stelle zu treten. Sein Stil ist unverwechselbar, er wird mit jedem Buch allerdings klarer, behält seine Ironie und verliert an Lakonie, was seiner Intention durchaus zugute kommt. Einen Extrapunkt dafür, wie geschickt Goosen seine Figur Stefan nutzt, um die beliebte Sitte, das Gestern zu verkommerzialisieren oder zu vergotten, durchaus differenziert zu beleuchten.

Frank Goosen: „Sommerfest“.  Verlag Kiepenheuer und Witsch,  319 Seiten, €19,99

Termine für die Lesereise auf der Homepage von Frank Goosen

 

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Buchmarkt, Literatur, Region Ruhr | Verschlagwortet mit , , , , | 3 Kommentare

Der bleiche Abschied des Christian Wulff

Christian Wulff ist um 11 Uhr als Bundespräsident zurückgetreten. Die Beweggründe sind hinlänglich bekannt, man mag eigentlich schon gar nichts mehr darüber hören. Jetzt hat wenigstens diese Quälerei ein Ende. Freilich: Hinter den Kulissen wird gewiss schon um die Nachfolge gestritten. Es darf munter bis haltlos spekuliert werden. Durchaus denkbar, dass sich manche Politiker dieses Amt nicht mehr antun wollen.

Vor Wulffs Erklärung richteten sich die TV-Kameras immer und immer wieder auf die geschlossene Flügeltür, durch die Wulff den Saal betreten sollte. Es war das Nicht-Bild, gleichsam die weiße Leinwand dieses Vormittags. Durch Spalt unter der Tür sah man schließlich schon, wie jemand (nervös?) hin und her ging. Und ach, an solchen Tagen nehmen sich manche Fernsehleute unendlich wichtig.

Wulffs erste Worte rührten noch einmal an die Integrationsdebatte, die er nach eigenem Beteuern hatte befördern wollen. Für solche Zukunftsfragen, so seine Einlassung, werde ein Bundespräsident gebraucht, der uneingeschränktes Vertrauen genieße… Nach wie vor sei er überzeugt, von allen Verdächtigungen vollständig entlastet zu werden. Die Berichterstattung mancher Medien habe ihn und seine Frau „verletzt“.

Das war’s schon. Banal genug, ein bleichblasser Abschied. Grotesk das Missverhältnis zur mühsam gewahrten gravitätischen Form. Doch wie will man’s anders machen?

Für Sekunden habe ich es für möglich gehalten (für möglich halten wollen), dass Wulff – mitten im Satz – bitterlich weinend zusammenbricht und sich bebend an seine Frau klammert. Doch so etwas geschieht nicht im Staatstheater.

Angela Merkel erhob Wulff in ihrer schmallippigen Erklärung kurzerhand zum Integrations-Präsidenten, der wichtige Impulse gegeben habe. Beschönigung muss in solchen Fällen wohl sein. Über die Gegangenen nur Gutes. Man wird sehen, was die Ermittlungsbehörden noch herausfinden.

Doch von tragischer Fallhöhe kann man hier wahrlich nicht mehr sprechen. Allzu gewöhnlich waren die Umstände, die zum Rücktritt geführt haben.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Medien, Politik und so | Verschlagwortet mit , , , | 5 Kommentare

„Extrem laut und unglaublich nah“: Kinofilm über das Trauma des 11. September

Als ich vor fast elf Jahren am frühen Nachmittag bei Saturn in der Nähe der Fernsehabteilung rumstand und auf eine SIM-Card wartete, vertrieb ich mir die Zeit damit, die einzelnen Programme zu erkennen. Urplötzlich schalteten alle Geräte auf einen Katastrophenfilm um, in dem es mal wieder um brennende Wolkenkratzer ging. Es dauerte einen Moment, bis ich das „Breaking News“-Banner von CNN wahrnahm. Es war 14:45h. Das Datum der 11. September 2001.

Es gibt wohl Wenige, die einem nicht auf Anhieb sagen können, was sie an dem Tag gemacht haben. Jeder hat eine Geschichte dazu. Ein Landmark. Es wird auch viele geben, die dabei waren, die überlebt haben, die einen Menschen verloren haben, ihre Existenz oder den Verstand.

Überlebende. Hinterbliebene. Einzelschicksale. Jeder von ihnen könnte eine Geschichte erzählen. Diese hier, von Oskar Schell, hätte auch die von John oder Jane Doe sein können. Also nehm ich das so hin.

Ob so eine Geschichte erzählt werden muss? Warum nicht? Filme, in denen geschichtliche Katastrophen aller Art aufgearbeitet werden, gibt es viele: über Weltkriege, Terrorherrschaften, Weltuntergänge mit und ohne Vulkane, Überflutungen, Erdbeben, Feuersbrünste und Terroranschläge. Und wenn es dann noch um tatsächliche Begebenheiten geht, umso besser und umso Oscar-verdächtiger. Ein Film, in dem ein Einzelschicksal geschildert wird, erreicht vermutlich mehr Zuschauer als eine Dokumentation, sie lässt den Verlust deutlicher und tiefer empfinden als eine Doku das vielleicht kann. Ich glaube ja, dass die Amerikaner trotz all des „Dennoch“ – „Jetzt erst recht“ – „Yes, wie Can“ diese Katastrophe noch nicht verabeitet haben. Fast 4000 Menschen starben, 4000 Hinterbliebene. 4000 Geschichten, die erzählt werden könnten oder sollten. Eine stellvertretend hier für alle.

Kein Wunder also, dass der Film „Extremely loud and incredibly close“ für zwei Oscars nominiert wurde: in der Kategorie „Bester Film“ und Max von Sydow für den besten Nebendarsteller. Um es gleich vorweg zu nehmen. Mit von Sydow bin ich sehr einverstanden. Allerdings mit dem anderen Nominierten, Christopher Plummer („Beginners“) auch. Wir werden sehen.

Zurück zum Film im Titel. Ach ja – ach nein. Nach Ansicht des Regisseurs (Stephen Daldry – „Billy Elliot“, „The Hours“, „Der Vorleser“) und des Drehbuchautors (Jonathan Safran Foer) musste das ein Film werden, ich nehm das also auch so hin.

Oskar ist neun Jahre alt, als er der durch den Anschlag auf das World Trade Center seinen Vater verliert. Er hat Schuldgefühle. Kinder haben oft Schuldgefühle, wenn es um das Scheitern oder den Verlust der Eltern geht. Oskar wünscht sich, dass es seine Mutter getroffen haben sollte. Nicht den verständnisvollen Vater, der sich sehr intensiv mit ihm beschäftigte und auf seine vielen Talente einging. Oskar findet bei den Sachen seines Vaters einen kleinen Umschlag, auf dem „Black“ steht, und in dem ein Schlüssel ist. Er glaubt, dieser Schlüssel werde ihm etwas über seinen Vater offenbaren, seine Vergangenheit vielleicht, eine Nachricht. Fortan sucht er das Schloss, in das der Schlüssel passt. Er findet nichts. Als nächstes schreibt er aus dem New Yorker Telefonbuch die Adressen aller Blacks raus und macht sich auf den Weg, um alle zu besuchen, um dieses Geheimnis aufzudecken.

Er ist, wie gesagt, neun Jahre alt. Einen Jungen dieses Alters allein durch alle fünf Boroughs tigern zu lassen, ist tollkühn. Soll man davon ausgehen, dass die Mutter nichts davon weiß? Er ist eines dieser hochbegabten Kinder, die möglicherweise eine Verhaltensstörung haben, vielleicht Asperger oder ein andere Form von Autismus. Jedenfalls ist er intelligent genug, diese Suche akribisch zu planen. Dass er allerdings bei dieser Intelligenz auch davon ausgeht, dass er allein unterwegs sicher ist, wirft Fragen auf. Hat er doch panische Angst vor U-Bahnen, Zügen und Bussen. Jedenfalls gehen wir mit ihm auf diese zweijährige Reise, auf der er bald einen alten Mann („the renter“, der Mieter seiner Großmutter) kennenlernt, der ihn von nun an auf seiner Suche begleitet. Der Mieter spricht nicht. Er verständigt sich mit Zetteln und seinen beiden Händen, auf denen mit Filzstift „Ja“ und „Nein“ geschrieben steht. Zwischendurch sehen wir auch Tom Hanks, den guten Vater, in Rückblicken. Alles ist ein bisschen wie im Märchen. Der tote Vater, der Schlüssel, die Suche, der schweigende Mieter. Nirgendwo passt der Schlüssel, niemand weiß etwas darüber, und auch nichts über den Vater. Jeden Moment erwarte ich die gute Fee mit einem Zauberstab.

Zwei Reaktionen hat der Film in mir ausgelöst: einerseits hat der Junge mich sehr genervt. Diese altkluge, geschwätzige, besserwisserische Umtriebigkeit. Seine Unkindlichkeit. Andererseits überkam mich eine unüberwindbare Traurigkeit, als ich erkannte, was ihn so umtrieb: eine von vielen Nachrichten, die der Vater auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte. Ich hab Sturzbäche geheult, wie damals bei Saturn, später zu Hause, per e-Mail verbunden mit Freunden und Verwandten in der Stadt, die einmal meine war.

Gleichgültig, ob diese Geschichte erzählt werden musste oder die eines Anderen, vielleicht gibt es für Viele den einen Moment, in dem sie einen packt. Wo man nicht mehr überlegt, ob das nun ein guter, schlechter, nötiger oder unwichtiger Film ist.

Vielleicht ist es wirklich kein guter Film, sondern einer, der aus ist auf Effekthascherei, das Ergattern des Vergangenheitsbewältigungs-Oscar. Andererseits, ist das nicht das Ziel der Filmemacher, einmalige, unverwechselbare Filme zu machen? Einen Hit, der obendrein auch noch ein Anliegen hat, ein Kassenschlager ist, mit Aussichten auf einen Preis wie einen Golden Globe oder Oscar?

Tom Hanks wächst mehr und mehr in die Rolle des Joe Everyman, der den Familienvater so überzeugend spielt wie den Buchhalter. Sandra Bullock gefiel mir in der Rolle der Mutter, no glitz, no glam, solide Arbeit.

Einen ganz bedeutenden Pluspunkt hat der Film auf jeden Fall: Oskar, gespielt von Thomas Horn, ist ein beruhigend unniedlicher Junge. Er ist auch im wirklichen Leben ein Schlaukopf: er lernt gerade Mandarin, und er war der Sieger in der Kinderversion von Jeopardy, wo er 31.000 Dollar gewann. In einem Interview zum Film für celebs.com (mit vielen „I mean“ und „amazing“) spricht ein 14jähriger Junge, als stünde er kurz vor seinem 41. Geburtstag. Aber vielleicht muss man so ein kleiner Klugscheißer sein, um diese Rolle so zu spielen, wie er es getan hat.

Der Film läuft derzeit u.a. in folgenden Kinos: Read the rest

Veröffentlicht unter Geschichte, Kinderzeiten, Kino | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Wie unterschiedlich Pfarrer doch sein können

Wie unterschiedlich doch Pfarrer sein können, wie unterschiedlich ihre spezifische Vorstellung von Seelsorge, wie widersprüchlich ihre gelebte Art zwischenmenschlicher Zuwendung.

Vor wenigen Tagen durfte ich wieder einmal Pfarrer Peter Hintze dabei erleben, wie er mit gütiger Miene seinen jungen Freund, unser aller Bundespräsidenten und Niedersachsens Ex-Ministerpräsidenten, Herrn Christian Wulff, gegen allgemeine Anfeindungen in Schutz nahm und dabei weder auf argumentativen Schwachsinn verzichtete noch auf moralin-gesäuerte Wortwahl. Nicht einmal die ewig bildenden Redakteure konnten auf eine Mahnung verzichten: Da gab es doch diese Gebote, von denen eines es untersagte, falsches Zeugnis zu reden.

Nehmen wir einmal an, dass Pfarrer Hintze einfach zu wenig wusste, dass er nicht wissentlich falsches Zeugnis ablegte, sondern schieren Unfug, aber mit dem erklärten Willen, sozusagen als letzter, real existierender Freund unserem Präsidenten seelsorgerisch zur Seite zu stehen.

Und dann hörte ich nach vielen Jahren den ruhig tönenden Bass von Pfarrer Alfred Buß, derzeit noch Präses und vormals Gemeindepfarrer in Unna-Königsborn. Der sprach von seiner Vorliebe für das evangelische Christentum, weil das selbstkritisch sein kann und flache Hierarchien bevorzugt. Der sprach von seinen Gedanken über Teilstrecken seines Lebensweges und davon, was er jeweils in diesen Zeiten gelernt habe. Er sprach auch von Fehlern, die ihm selbst unterlaufen waren, Fehlern, die er mutmaßlicher Weise noch machen werde und Fehlern, die die Menschheit ständig macht. Und dann sprach er von den seelsorgerischen Herausforderungen, die sich dem Gemeindepfarrer stellen, wenn er Menschen auf dem Weg hinüber begleiten. Dass seine Frau zur Niederkunft bereits im Krankenhaus war und er für sie daheim im alten Zechenhaus noch wichtige Dinge besorgen sollte. Und dass ihn just da ein Brandanruf eines Gemeindegliedes erreichte, er daher viel später in Krankenhaus zurückkehrte.

Wie unterschiedlich Pfarrer doch sein können. Alfred Buß kündigte in seinem Interview mit WDR5 an, dass er zum Ruhestand ins Zechenhaus nach Unna-Königsborn zurückkehren werde. Ich freue mich schon auf ihn, wieder öfter seinen satten Bass mit dem rollenden „rrr“ zu hören. Und mitzuerleben, dass so ziemlich ständig etwas Kluges dabei herauskommt, wenn er spricht.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Glaubensfragen, Lebenswege, Politik und so | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Kultur im Revier: Jetzt geht es ans Eingemachte

Man muss diese Nachrichten nur sammeln und bündeln, um die Zeichen der Zeit zu erkennen: Ganz offenkundig geht es in Sachen Ruhrgebiets-Kultur ans Eingemachte.

Die Schamfrist nach dem Kulturhauptstadt-Jahr 2010 ist längst vorüber. Schon damals haben manche prophezeit, dass „danach“ die Sense kreisen werde.

Vor einigen Wochen hieß es, das Museum Bochum werde mutmaßlich im Jahr 2022 geschlossen. Komplett. Unwiederbringlich. Unglaublich. Dieses Menetekel sorgte immerhin für vernehmlichen Aufruhr, vor allem im Kreise der übrigen Kunstmuseen des Reviers.

Schon allein die Frage, was in einem solche Falle mit den gesammelten Beständen geschehen soll, lässt einem nicht nur in juristische Abgründe blicken. Der Image-Schaden für die gesamte Region wäre kaum zu ermessen. Dabei war doch 2010 ausposaunt worden, man wolle sich mit Kultur gleichsam neu erfinden. Was ist davon geblieben? Vor allem diffuse Erwartungen an eine „Kreativwirtschaft“, zu der alles und jedes und nichts gehört. Und der zwanghaft unbeirrbare Glaube an „Leuchttürme“ wie das „Dortmunder U“, deren Folgekosten ins Monströse zu wachsen drohen.

Durch Sparmaßnahmen gefährdet ist derweil auch das Mülheimer Museum Alte Post. In Hagen wird unterdessen allen Ernstes erwogen, ein Gemälde von Ferdinand Hodler zu veräußern, um den Haushalt zu sanieren, ach was: um dem maroden Etat ein winziges Pflästerchen aufzukleben. Allerorten kann man leicht ausrechnen, dass selbst radikaler Kulturabbau im Gesamthaushalt kaum als wesentliche Ersparnis spürbar wäre.

Ein weiteres Phänomen ist aus etlichen Spardebatten sattsam bekannt: Zunächst wird die ganz große Keule geschwungen (völlige Schließung etc.), damit die Betroffenen hernach eine heftige Budgetkürzung fast schon als Wohltat und Rettung begrüßen.

Öffentliche Zuschüsse für Kultur gelten leider immer noch als „freiwillige Aufgaben“ und werden – so hat es den Anschein – oftmals von oben herab gnädig gewährt. Üblicher Begleitumstand ist das Geschrei derer, die Kindergärten, Schwimmbäder und die Verfüllung von Schlaglöchern gegen kulturelle Belange ausspielen.

Alles nur Alarmismus, gegenstandslose Kahlschlag-Ängste? Wohl kaum!

Allein heute sind drei knappe Meldungen (!) erschienen, die in die gleiche Richtung weisen, nämlich abwärts.

1) Theater- und Konzert-Gastspiele im Wittener Saalbau stehen samt und sonders auf der Streichliste, weil die Stadt sich derzeit nicht in der Lage sieht, konkrete Förderzusagen zu geben. Selbst die bundesweit renommierten Wittener Tage für Neue Kammermusik wären vom befürchteten Kahlschlag betroffen. Geld gibt’s, wenn überhaupt, nur kurzfristig, Veranstaltungen müssen hingegen von langer Hand geplant werden.

2) Das vom Westfälischen Literaturbüro (Unna) organisierte Krimifestival „Mord am Hellweg“ muss deutlich abspecken. Der „schlankere“ Auftritt könnte die Werbewirksamkeit schmälern.

3) Unsanftes Erwachen aus der „Traumzeit“: Die Finanzierung des gleichnamigen Duisburger Festivals ist nicht gesichert, wahrscheinlich muss man zumindest einen Programmtag opfern. Auch gibt es Gedankenspiele, künftig nur noch alle zwei Jahre – im Wechsel mit dem „Akzente“-Festival – eine „Traumzeit“ auszurufen.

Um nur ein weiteres Beispiel zu nennen: Nicht auszuschließen, dass demnächst beunruhigende Botschaften aus Schwerte kommen, wo der Bestand der örtlichen Festivals (Kleinkunstwochen und Welttheater der Straße) nach dem Ausscheiden des langjährigen Kulturamtsleiters Herbert Hermes erstritten sein will. Aber wir wollen das Übel nicht herbeireden, sondern im Gegenteil an die Stadt appellieren, hierbei größte Umsicht walten zu lassen. Viel gibt es sonst nicht, was den Ruf dieser 50000-Einwohner-Gemeinde hinaus trägt.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Kultur an sich, Region Ruhr, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Der mediale Schauer vor Whitney Houstons letztem Wannenbad

Ich war ja immer gern Journalist. Es reizte mich, den Menschen Ereignisse zu beschreiben, auf dass sie (diesem je individuellen Ereignis angemessen) mit auf meinem Weg der Beschauung, der Kritik oder auch nur der Beschreibung genommen wurden. Das durfte schmunzelnd gelesen werden, das durfte betroffen wahrgenommen werden, das durfte auch zornig oder protestierend geschehen. Nur eines lag mir fern: Kopfschütteln, das wollte ich nur erzeugen, wenn es um das Erzählte ging, nicht über meine Art, es zu erzählen.

Nun sitze ich da – und schüttele den Kopf, klopfe an meine Stirn, bin nachgerade atemlos. Denn ich blicke auf eine Badewanne. Sie kann in jedem Hotel dieser Welt stehen, selbst ich könnte theoretisch in ihr schon mal die Haut habe quellen lassen. Und dennoch, glaube ich den Verfassern des darunter veröffentlichten Berichtes, ist dies eine ganz außergewöhnliche Badewanne. Denn in diesem Behältnis, in ihrem wannig-warmen Bad, starb angeblich Whitney Houston. Uih!

Damit mensch auch erkennt, dass es sich um eine Badewanne handelt, weist ein roter Pfeil darauf – Achtung, hier Wanne. Und damit jeder die hohe Aktualität dieser fotografischen Meisterleistung wahrnimmt, wird noch nebengetitelt: Jetzt veröffentlicht.

Ich bin erschüttert. Ich nehme unversehens den Schauer der Ehrfurcht wahr, den die Aura des letzten Whitney-Housten-Wannenbades auf meiner Haut auslöst.

Nun, auch ich bedauere das 15 Jahre währende Dahinscheiden einer in ihrem Genre wunderbaren Künstlerin, weil sie sich viel zu früh ruinierte. Ich bedaure sie ebenso wie Amy Winehouse oder andere, die das noch viel früher geschafft hatten. Und mir liegt es sehr fern, mich über so etwas lustig zu machen.

Indes, wie manche Kolleginnen oder Kollegen mit Veröffentlichungen zu diesem und anderen Themen umgehen, das belustigt mich einerseits, andererseits ist es auch zutiefst betrüblich, weil die Grenzlage bis hin zum Lachhaften weit überschritten wird.

Im erläuternden Text zur Badewannenenthüllungsfotografie wird der geneigte Leser unter anderem darüber aufgeklärt, dass da noch ein Handtuch und ein Fläschchen mit Olivenöl im Wasser liegen, Frau Houston ihre Haut damit elastisch hielt. Was man so alles erfährt, nur dass die bildenden Redakteure Gelegenheit bekommen, die ganze Geschichte der vergangenen Tage nach Whitneys Tod noch einmal zu erzählen.

Ich war ja immer gern Journalist, weil ich auch eitel genug bin zu gestehen, dass mir die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser wichtig war und ist. Allerdings dreht sich mir alles um im Verdauungstrakt, wenn ich sehe, wie manche es in jeder sich anbietenden Verkrampfung unternehmen, das zu erreichen. Wenn das die Erfolgreichen in einer stets bunter werdenden Medienwelt sind…

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Medien, Rock & Pop | Verschlagwortet mit | Schreib einen Kommentar

„Bunbury“ in Bochum: Vom großen Spaß, (nicht) Ernst zu sein

Der Vorhang öffnet sich – und gibt einen weiteren Vorhang frei, hinter dem sich wiederum eine dritte Bühne mit Vorhang befindet – ein überdimensioniertes Kasperltheater. Die Bühne der Bochumer Kammerspiele verkleinert sich für einen Großteil des Abends auf die Maße der Puppenbühne (Daniel Angermayr). Damit wäre Jan Neumanns Regiekonzept bereits beschrieben: Sein „Bunbury“ (oder: Wie wichtig es ist, Ernst zu sein) wird als Theater im Theater gegeben. Die Körpersprache der Darsteller und auch die Kostüme (Nini von Selzam) orientieren sich an ungelenkem Puppenspiel und am Overacting, wie man es von Boulevardkomödien kennt.

Die anfängliche Skepsis (Und das soll nun den ganzen Abend so weitergehen?) legt sich schnell, denn: Das Regie-Konzept geht auf. Slapstick und Farce-Elemente der Inszenierung passen bestens zu Dialoglastigkeit, Wortwitz und dem rasanten Tempo der Oscar Wilde-Komödie. Schließlich stehen Witz und Brillanz der Dialoge bei Oscar Wilde im Vordergrund, nicht die Entwicklung der Figuren. Nicht zuletzt korrespondiert die Künstlichkeit, die auch durch Pappmaché, gemalte Kulissen und Billig-Requisiten entsteht, mit den aufgesetzten Umgangsformen und der gesellschaftlichen Etikette. Kurz: Der Abend ist ein großer Spaß.

Die befreundeten Dandys Jack (Roland Riebeling) und Algernon (Daniel Stock) spielen ganz privat gerne Theater, um verschiedene Rollen ausleben zu können: Jack, der auf dem Lande als Vormund der jungen Cecily (Friederike Becht als Dirndl mit Blumenkranz) ein seriöses Bild abgeben muss, erfindet einen Bruder Ernest, als der er sich in der Stadt ausgibt und dort um das glitzer-rosa Girlie Gwendolen (Xenia Snagowski) wirbt. Algernon wiederum hat einen imaginären Freund Bunbury, um möglichst häufig seiner Tante Lady Bracknell (Anke Zillich mit matronenhafter Statur und Turm-Frisur) zu entfliehen. Nach vielen Verwechslungen und Verwicklungen bekommt am Ende jeder, was er will.

Der verengte Bewegungsraum und das Ping-Pong der Konversation fordern den Schauspielern perfektes Timing und ein gut choreographiertes und einstudiertes Zusammenspiel ab, das sie mit großer Spiellust meistern. Eine Figur gibt es dann doch, die im Stück eine Entwicklung durchmacht: Meister-Dandy Algernon erkennt die fehlende Tiefe seines Lebens und sehnt sich nach etwas Echtem – und sei es echter Schmerz beim Einschlagen auf die Bühnenbretter. Auf den Vorwurf „Du redest nichts als Unsinn“ wird er plötzlich ganz still. „Ja“, sagt er traurig, „das tut doch jeder.“ Algernon ist der einzige, der ab und zu die Maske fallen lässt, und der erste, der den geschützten Raum des Puppentheaters verlässt, um den kargen Boden der Realität auszuprobieren. Die anderen folgen ihm und zertrümmern ihre Marionettenbühne, doch auch außerhalb finden sie – wen wundert’s – nur eine Bühne vor, auf der sie eine Rolle zu spielen haben. Das ganze Leben ist ein Spiel – bei Oscar Wilde immerhin ein ausgesprochen kurzweiliges, und eines mit Happy End für alle Beteiligten.

Infos/Termine: http://www.schauspielhausbochum.de/de_DE/calendar/detail/9342163

(Der Artikel erschien zuerst im Westfälischen Anzeiger, Hamm)

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Region Ruhr, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Denkwürdige Vokabeln (5): Alternativlos

Sie hatte es zum Unwort des Jahres geschafft, das war 2010. Kanzlerins Lieblingsvokabel, unbedingt merkbar: „alternativlos“. Ganz geriet sie danach nie in Vergessenheit, weil Frau Merkel immer wieder mal etwas, was sie oder der unverzichtbare, aber ungeliebte Kollege Schäuble sich ausgedacht haben, oder eben mangels anderer, auf der Entscheiderhand liegender Möglichkeiten für unumgänglich (auch eine Möglichkeit, das zu beschreiben, was gemeint sein könnte) halten. Aber, dem Alltag sei Dank, seltener benutzt wurde das finale Abschusswort einer jeden kontroversen Diskussion indes schon.

Wir sehen einmal davon ab, dass eine Alternative ursprünglich und ausschließlich einmal gedacht war, um die Wahlmöglichkeit zwischen mindestens zwei Lösungen zu beschreiben – es ist der Lauf der Zeit, dass sprachliche Formen nun einmal lebendig sind und damit auch vielfältiger genutzt werden können. So bürgerte es sich spätestens mit dem vermehrten Auftreten neuer Bewegungen in der Politik ein, davon zu sprechen, dass sogenannte „Alternative“ sich einmengen in das, was drei Traditions-Gruppierungen für ihr ureigenes Geschäft hielten, in eben die Politik. Die „Grünen“ wurden, wohl auch, damit sich Journalisten im Text nicht wiederholten, immer häufiger zu „Alternativen“.

Ich interpretiere das wohlmeinend mal so: Die Damen und Herren Kolleginnen und Kollegen wollten mit diesem Etikett „alternativ“ andeuten, dass diese neue politische Bewegung immer eine andere Möglichkeit auf dem Weg zu richtigeren Lösungen anböte als die anderen Parteien – sie eine neue, bisher nicht bedachte Möglichkeit skizzierte. Also kann es in den Vorstellungen der Grünen die Vokabel „alternativlos“ nicht geben. Eigentlich…

Wie wenig Spaß NRW-Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens versteht, wenn es ums Rauchen geht, weiß ja auch ich, als Mehr-als-ein-Jahr-Nichtraucher und dennoch konsequenter Raucher-Mitfühler. Dass sie, Frau Steffens, aber sogar die Basis (ich meine damit die Grundfesten) der eigenen Partei verlässt und wesentliche Teile des kühnen Streitens gegen die Raucher als solche – auch nee, sie streitet ja mehr für die Nichtraucher – aber, dass sie ein Verbot von E-Zigaretten als „alternativlos“ beschreibt, gibt mir zu denken.

Ich persönlich halte diese Möchtegern-Kippe zwar für blöd. Wenn, dann muss es ordentlich Knarzen beim Inhalieren. Ich halte deren Bekämpfung unter anderem auch für eine Nettigkeit gegenüber der Tabakindustrie, die mit Recht fragt, warum das elektrisch ans Köcheln gebrachte Nikotin steuerfrei bleibt, das aus Tabak verbrannte indes durch Tabaksteuer unsere äußere Sicherheit mitfinanziert. Alternativlos empfinde ich das Verbot dieses Methadonprogrammes für Kettenraucher aber nicht.

Immerhin, ein Wort, dessen Notwendigkeit ich allein deshalb anzweifele, weil es, bei Gebrauch, jedes Gegenüber davon überzeugen soll, dass weitere Gedanken zum Thema wertlos seien, dieses Wort wird so noch breiter salonfähig gemacht. Denn nun nehmen es auch „Alternative“ in den Mund. Und doch nehme ich mir die Freiheit, mit dem Denken fortzufahren … und würde mir dabei mitunter gern eine anstecken, aber eine richtige, eine Aktive.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Gesellschaft, Politik und so, Sprache, Wirtschaft | Verschlagwortet mit , , , , | 1 Kommentar

Getanztes Leben zwischen Abstraktion und praller Illustration

Bilder, die sich gar nicht gleichen. Zu Beginn schneit es dunkle Erde im graugetünchten Raum, in dem riesenhafte Heuschrecken ihr Dasein fristen. Menschen, teils am Boden dahingekrümmt, lösen sich langsam aus einer Art Schockstarre, versuchen in zackigen, wie geometrisch wirkenden Bewegungen ihren Gliedern Leben einzuhauchen. Wir sehen „Sleepers Chamber“, also tänzerisches Erwachen in einer Schlafkammer – der erste Teil des neuen Doppelabends mit der Dortmunder Ballett-Compagnie.

Danach – welch völlig anderes Bild – die leere Bühne, durch Licht- und Farbspiele ein wenig aufgepeppt. Podium für überbordende Lebensfreude, die sich aus Bewegungsformen entwickelt, die Wut bis hin zur Gewalt, Enttäuschung und Einsamkeit illustrieren wollen. „Cantata“ ist der schlichte Titel dieser Choreographie, in der sich südländisches Temperament im Arte-Povera-Ambiente ausdrückt, garniert mit einer kleinen Commedia-dell’Arte-Episode.

So prallt das symbolträchtige Tanztheater Christian Spucks (Sleepers) auf wirkmächtiges Dolce-vita-Empfinden bei Mauro Bigonzetti (Cantata). Was dieser als überwiegend pralle, bodenständige Lebensszenerie auflegt, zeigt jener als geheimnisvolle, verwunschene, gleichwohl klare Parabel vom irdischen Werden und Vergehen.

Spucks menschliches Erwachen ist orientiert am Verhalten von Insekten, die mitunter erst nach monatelangem Schlaf aus der Erde krabbeln. Riesige Spitzhüte lassen Zauberstimmung assoziieren, manchmal aber wirken sie auf den Köpfen der roboterhaft agierenden Tänzer geradezu bizarr. Es ist ein Aufrappeln, Leben und Dahinsinken in hoch disziplinierter Aktion, immer eng am Puls der zugespielten, klangfarbenreichen elektronischen Musik Martin Donners.

Die Töne wiederum, die in der „Cantata“ ans Ohr gelangen, sind süditalienischem Brauchtum entnommen, tänzeln auf dem schmalen Grat zwischen originärer Volksmusik und publikumskompatibler Folklore. Eingespielt vom vierköpfigen Frauengesangsquartett „Gruppo musicale assurd“, das mit Kastagnetten, Tambourin und Akkordeon musiziert, sind diese Töne so melancholisch wie berstend vital.

Doch Bigonzetti kann mit seiner Choreographie kaum einlösen, was als „Handlung“ vorgegeben ist. Wenn die Frauen aus dem Häuschen sind, Tarantella tanzen, entlädt sich dies in berauschten, lustvollen, heidnischen „Frühlingopfer“-Bewegungsformen. Doch die Zeichnung der italienischen Form des Machismo kommt oft unklar daher, wird belächelt. Das Stück, zyklisch gedacht als Folge von Ruhe in der Enge – Leben in der Weite – Ruhe wird konterkariert mit einem lauten Finale, das sich als klatschmarschträchtig entpuppt.

So ist dieser zweiteilige Ballettabend, der den etwas rätselhaften Titel „Träumer.Tanzen.Lieder“ trägt, stark am Beginn, schwach am Schluss. Alles indes getanzt auf hohem Niveau.

 

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Oper & Ballett, Theater | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

„Schmidts Einsicht“ kommt nicht zu spät

Drei Romane mit der Titelfigur Albert Schmidt hat der in Polen geborene amerikanische Autor Louis Begley geschrieben. Den letzten mit dem deutschen Titel „Schmidts Einsicht“ gibt es zunächst sogar nur bei uns – in den USA erscheint die Originalausgabe erst im März als „Schmidts Steps Back“.

Viele erinnern sich bestimmt an Jack Nicholson, der 1997 den alternden Anwalt Schmidt aus New York im Kino verkörperte. Dieser etwas verschrobene Witwer mit dem hohen Einkommen hat ständig Zoff mit seiner Tochter Charlotte und eine ausgelassene Liebesaffäre mit einer jungen Kellnerin seines Lieblingslokals auf Long Island.

Im abschließenden dritten Band, der am Silvestermorgen 2009 beginnt und zwischen verschiedenen Rückblenden pendelt, ist diese Affäre beendet. Stattdessen knüpft die Handlung an den Schluss des zweiten Teils an, in dem Schmidt in Paris vor dem Haus einer früheren Geliebten steht und unentschlossen überlegt, ob er klingeln soll. Er hat tatsächlich diese hübsche Französin – inzwischen ebenfalls Witwe – wieder für sich gewinnen können. An jenem Silvestertag wartet er in seiner Villa auf ihren Besuch und die Antwort auf die Frage, ob sie bei ihm bleiben möchte. In der Zwischenzeit sind jedoch so dramatische Dinge geschehen, dass Schmidt seine Einstellung zum Leben ändert, er kommt im Sinnes des Buchtitels zur „Einsicht“, er kommt gewissermaßen zur Ruhe, und die Trilogie des Autors findet ein altersweises Ende.

Louis Begley, das zeigen alle seine Bücher, ist ein hervorragender Menschenkenner mit großem Einfühlungsvermögen. Auch sein Held Schmidtie, der durch seinen Sexismus und den unbewussten Antisemitismus eigentlich etwas abstoßend wirken soll, wird nie vollständig in ein Schwarz-Weiß-Schema gepresst, so dass man letztlich so etwas wie Mitleid mit einem alten Mann empfindet, dem das Schicksal große Glücksmomente und ebenso hartes Leid bescherte. Aus der Angst vor dem Tod gewinnt Schmidt zum Schluss jedoch noch einmal die Hoffnung, dass Liebe allem einen Sinn geben kann – ganz ohne den Zynismus, an den er sich so gewöhnt zu haben glaubte.

Louis Begley: Schmidts Einsicht. Roman, Suhrkamp Verlag, 416 Seiten, 22,90 Euro.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Buchmarkt, Lebenswege, Literatur | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Wachstum möglich: Dortmunder „Klangvokal“-Fest erstmals auf sicherem Grund

Wer die Pressemappe aufschlägt, sieht ein Tütchen „Gelbe Riesen“ vor sich. Sonnenblumen-Saatgut ist drin, wohl als sinnfälliges Symbol für Wachstum, letzthin fürs strahlend-duftige Sommergefühl. Ganz so wie das Bild auf dem Flyer des Dortmunder „Klangvokal“-Festivals. Blauer Himmel, ein gelbes Blütenmeer, eine Dame in Weiß: Das Programmheftchen, das den musikalischen Veranstaltungsreigen für 2012 unter dem Titel „Begegnungen“ auflistet, mag also für Optimismus im Dienste der Kunst stehen.

Dazu besteht derweil wieder Anlass. „Klangvokal“, die Verbeugung vor dem Facettenreichtum der menschlichen Stimme in Oper, Oratorium, Weltmusik und Jazz, prägt seit 2009 das Kulturleben der westfälischen Metropole. Anfangs war das Festival finanziell einigermaßen üppig ausgestattet, doch setzte die Stadt sehr schnell die Sparschraube an. Am Ende des Kulturhauptstadtjahrs (2010) war nicht sicher, ob das Festival weiter existieren kann. Quasi in letzter Minute schuf der Rat eine tragfähige Finanzgrundlage.

Nun aber haben sich die Politiker dazu entschlossen, den städtischen Zuschuss für 2012 bis 2014 zu garantieren. Das sind in diesem Jahr 330 000 Euro, in den nächsten beiden Jahren indes jeweils 10 Prozent weniger. Und dennoch: „Klangvokal“-Intendant Torsten Mosgraber ist froh, endlich Planungssicherheit zu haben. „Viele berühmte Künstler kann man nur weit im Voraus verpflichten“, weiß er um die Bedingungen des internationalen Konzertlebens.

Zum städtischen Zuschuss kommen weitere Mittel, die der Freundeskreis gibt, lokale Sponsoren beisteuern und die sich inclusive des Kartenverkaufs-Erlöses auf 270 000 Euro summieren sollen. Mosgraber sieht auch hier optimistisch nach vorn: Der Zuschauer-Zuspruch habe sich inzwischen bei gut 70 000 eingependelt. Auf jeden Fall können die Besucher in diesem Jahr (vom 16. Mai bis zum 3. Juni) 26 Konzerte an elf Spielstätten genießen. Mit im Boot sind etwa der Jazzclub Domicil, Theater und Konzerthaus Dortmund sowie diverse Kirchen.

Die hohe Publikumszahl erklärt sich vor allem daraus, dass der Kern des Festivals das (nunmehr vierte) Fest der Chöre ist. Dann ist jeder eingeladen, die Dortmunder Innenstadt singend zu beleben. Hinzu kommt in diesem Jahr der 6. Internationale Gospelkirchentag, mit einer gewissermaßen aufgefächerten Großveranstaltung auf 35 verschiedenen Podien. Und das Galakonzert mit der a-cappella-Formation „Wise Guys“ in der großen Westfalenhalle dürfte ebenfalls Zulauf finden.

Den Reiz des Festivals machen aber jenseits allen Gesangsspektakels außergewöhnliche Weltmusik- oder Jazzabende aus. Und eben jene Begegnungen, die in ihren Kontrasten für Spannung sorgen sollen. Etwa das Eröffnungskonzert, in dem Händels „Israel in Ägypten“ auf Musik des vorderen Orients trifft – mit dem Barockensemble „L’arte del mondo“ und irakisch-jüdischen Musikern.

Für den Jazz mögen hier der Amerikaner Kurt Elling und die Dänin Caroline Henderson stehen, für die Weltmusik die Sängerin Angelique Kidjo aus Benin oder der südafrikanische a-cappella-Chor „Ladysmith Black Mambazo“. Das Abschlusskonzert wiederum mit Vivaldis Oper „Juditha Triumphans“ gestalten neben dem Sinfonischen Chor der Chorakademie Dortmund die Accademia Bizantinia unter Leitung von Ottavio Dantone. Die Titelrolle singt die berühmte amerikanische Mezzosopranistin Vivica Genaux.

„Klangvokal“, inzwischen offenbar von Politik und Verwaltung anerkannt als wichtiger Beitrag zur oft propagierten Musikstadt Dortmund, hat also alle Chancen auf Fortbestehen. Daraus muss ja nicht gleich ein Riese erwachsen.

Karten gibt unter Tel.: 01805/570005

http://www.klangvokal-dortmund.de

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Festivals, Musik & Konzert, Oper & Ballett | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Moden und Marotten im Journalismus (2): Stocksteife Scheinobjektivität

Beim Deutschlandfunk halten sie traditionell große Stücke auf sich. Doch auch außerhalb der eigenen Reihen gilt der Sender viel. Gar mancher glaubt, er sei die Hörfunk-Entsprechung zur FAZ. Das lassen wir mal dahingestellt.

Höchst schätzenswert sind – nehmt alles nur in allem – die thematisch breit gefächerten Hintergrundberichte des DLF. Gerade in Zeiten des sonst weithin grassierenden Dudelfunks mit seinen lachhaften Kürzestbeiträgen, sind die ausführlichen Wortstrecken, die hier gepflegt werden, umso wohltuender. Noch auf jedem meiner Radios habe ich die Station gespeichert, um sie nach einfachem Knopfdruck hören zu können. So weit, so gut.

Nun aber, ach: die Nachrichten! Diese stets offiziös, ja vielfach halbamtlich und staatstragend klingenden Bulletins. Immer mal wieder wundert man sich, welche News hier in den Vordergrund geschoben werden. Wenn nichts Gravierendes geschehen ist, so rückt hier in der Regel ein Sachverhalt nach oben, zu dem Minister(in) XYZ oder ein Spitzenverband Stellung genommen haben.

Hier zählen Politikerworte noch etwas, hier werden sie getreulich und konjunktivisch einwandfrei referiert; oft genug auch dann, wenn sie von minderem Gewicht sind. Hier schafft es zwischendurch auch schon mal der Hinterbänkler mit zwei oder drei gestanzten Sätzchen an die Spitze der Neuigkeiten. Da wird „betont“, „eingeräumt“ und „nicht ausgeschlossen“, dass es nur so seine Art hat. Zudem gewinnt man den unguten Eindruck, hier werde ängstlich vorauseilend nach Parteienproporz austariert. Nie erlauben sie sich saloppe Ausdrucksformen, niemals ein Augenzwinkern. Wo käme man da hin?

Wie soll man das steifleinene Gebaren im Rahmen unserer Reihe nennen? Um eine Mode handelt es sich bei dieser betulichen Nachrichtengebung wahrlich nicht. Eher schon um eine Marotte, um etwas Verschrobenes. Es lassen sich tatsächlich Parallelen zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung ziehen. Man schaue sich nur allwochentäglich deren staubtrockene Anti-Schlagzeilen über dem Aufmacher der Titelseite an, beispielsweise gestern: „Russland lobt Assad: Sie sind sich Ihrer Verantwortung bewusst“. Dem entspricht im drögen Duktus etwa die DLF-Nachricht vom 7. Februar um 23 Uhr: „Syriens Staatschef Assad hat zugesichert, die Gewalt in seinem Land zu beenden.“

Der Unterschied zwischen den beiden mehligen Mitteilungen: Während man der FAZ-Zeile noch einen empörenden Nebensinn ablauschen kann, tönt der DFL-Satz in seiner Scheinneutralität schmerzlich falsch. Nein, das ist keine Objektivität, das ist erst recht keine liebenswerte Knarzigkeit und Knorrigkeit mehr, sondern kritikloses Herbeten vorgegebener Positionen – welchen Ursprungs auch immer.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Medien, Politik und so, Sprache | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

Gespräche als Teil des literarischen Werks

 

 

 

 

 

 

Seit Eckermanns Gesprächen mit Goethe wissen wir, dass es Schriftstellergesprächsbücher geben kann, die man fast schon zu den Werken der betreffenden Schriftsteller zählen darf. Manchmal gelingt eine solche Werkausweitung auch heute. In den letzten Jahren bis hin in die allerletzte Zeit sind mir mindestens vier Gesprächsbücher untergekommen, bei denen dies der Fall ist.

Sie alle bieten Ergänzung wie Einstiegshilfe in das namhafte, manchmal etwas sperrige Werk der jeweiligen Schriftsteller… . Sie erleichtern gleichermaßen Zugänge für (unbedingt!) wünschenswerte Neuleser und vervollständigen, bestätigen oder korrigieren das vielleicht schon vorhandene Bild, das wir uns bereits konkret von Ilse Aichinger, W. G. Sebald, Julien Gracq und Ernesto Sábato durch eigene Lektüre gemacht haben.

In all diesen Büchern wird ein facettenreich reichhaltiges, ganz eigenes, in wirklich jedem Falle hochinteressantes Spektrum vermittelt.

Und wenn man zuguterletzt das große Buch der elf Gespräche Carlos Catanias mit Ernesto Sábato gelesen hat, kann man noch eines draufsetzen und auch noch den neuesten Essayband von Claudio Magris hinzunehmen, der recht viele sehr anregende und kundige Essays enthält und unter ihnen eben auch jenen, der in unseren Zusammenhang besonders gut passt, seinen Essay über Sábato: „Ernesto Sábato und das zweierlei Schreiben“. Wie Magris darin eine grundlegende Unterscheidung trifft zwischen der Essayistik Sábatos, seinem aufklärerisch eingreifenden, humanitätsorientiertem Schreiben, und seinem visionären Romanwerk, leuchtet mir ein, ich kann es durch eigene Sábato-Lektüre bestätigen. Nur eine einzige wesentliche Ergänzung hätte ich zu machen: In einem bestimmten, mich menschlich besonders bewegendem Kapitel im Schlussteil seines überragenden Romans mit dem unmöglichem Titel „Über Helden und Gräber“ gelingt es Sábato, mit einem Male wie nebenbei seine Tages- und Nachtdimensionen miteinander zu verbinden.

W. G. Sebald: „Auf ungeheuer dünnem Eis“. Gespräche 1971 bis 2001. Hrsg. Torsten Hoffmann. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2011. 9,99 €

Ilse Aichinger: „Es muss gar nichts bleiben“. Interviews 1952 – 2005. Mit beigelegter CD. Hrsg. Simone Fässler. Edition Korrespondenzen, Reto Ziegler, Wien 2011. 23,00 €

Julien Gracq: Gespräche. Aus dem Französischen von Dieter Hornig. Literaturverlag Droschl. Graz/Wien 2007. 23,00 €

Ernesto Sábato: Zwischen Schreiben und Leben. Gespräche mit Carlos Catania. Aus dem Spanischen übersetzt von Erica Engeler. Verlag im Waldgut, Frauenfeld 1998. 25,50 €

Claudio Magris: „Das Alphabet der Welt. Von Büchern und Menschen“. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend, Edition Akzente Hanser. München 2011. 21,90 €

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Bekenntnisse, Buchmarkt, Kultur an sich, Lebenswege, Literatur, Sprache, Weite Welt | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Die Freude an einer Kleinstadt-Orgel

Dem kolossalen Klang einer Kirchenorgel können sich selbst Agnostiker nur schwer entziehen, und so waren fast 300 Zuhörer aller Konfessionen und Nicht-Konfessionen in die Evangelische Johannes-Kirche im Ennepetaler Ortsteil Voerde geströmt, um einem Konzert mit Professor Roland Maria Stangier zuzuhören. Seit 2003 ist Stangier der Kustos der neuen Kuhn-Orgel der Essener Philharmonie sowie seit 2009 einer der Orgel-Kuratoren der Philharmonie Mercatorhalle Duisburg.

Wie kommt ein so renommierter Musiker an diese Kleinstadt-Orgel? Die Kulturgemeinde Ennepetal hatte vor geraumer Zeit zwei Orgel-Reisen in fachkundiger Begleitung des Künstlers veranstaltet und ihn im Anschluss gebeten, einmal in dem spätbarocken Kirchlein ihrer Heimatstadt am Südrand des Ruhrgebietes auf der erst kürzlich renovierten Orgel zu spielen.
Natürlich hat dieses Instrument nicht den gewaltigen Klang zum Beispiel einer Passauer oder Regensburger Orgel. Sie ist in Voerde in ungewöhnlicher Weise über dem Altar aufgebaut, und Stangier betonte in seiner Einführung den eher „kammermusikalischen“ Charakter des Voerder Werkes, aber gerade deshalb habe er sich auf dieses Konzert so gefreut.
„Europäische Impressionen“ bot der Organist mit seinem Programm: Variationen über „ein Niederländisch Liedgen“ des Hallensers Samuel Scheidt, eine spanische Obra de 8. Tono von Pablo Bruna und aus Frankreich acht kleine Stücke von Corette Gaspard aus dem Gloria der katholischen Messe bildeten den ersten Teil des Konzerts. In der zweiten Hälfte spielte Stangier ein von Johann Sebastian Bach für Orgel transkribiertes Concerto grosso von Antonio Vivaldi, ein Voluntary g-minor von John Bennett aus London und eine Fantasie f-moll von Wolfgang Amadeus Mozart, die dieser ursprünglich für ein mechanisches Instrument in einem Raritäten-Kabinett geschrieben hatte. Sein virtuoses Können zeigte der Organist zum Abschluss in zwei freien Improvisationen über Kirchenlieder, die ihm erst unmittelbar vor dem Konzert genannt worden waren.
Besonders erstaunlich war übrigens, dass man dieses Konzertereignis bei freiem Eintritt erleben konnte, wie es bei der Kulturgemeinde Ennepetal meist üblich ist. Lediglich Spenden wurden am Ausgang – ohne jeden Druck – freundlich angenommen. So kommt Kunst in der Kleinstadt unter die Leute.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Musik & Konzert, Region Ruhr | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

„Gottschalk live“: Onkel Thommy plaudert brav und voller Selbstmitleid

Einer muss es ja schließlich tun. Sich todesmutig hinabstürzen ins öffentlich-rechtliche Vorabendprogramm. Die Courage besitzen, einem Giganten der Fernsehunterhaltung etwa 25 Minuten lang Aug’ und Ohr zu leihen. Also tapfer sein und Thomas Gottschalk gucken. Kritiker, Du gehst einen schweren Gang. Muss es sein? Es muss sein!

Und ach: So groß ist die Hemmschwelle nun wieder nicht. Wir sitzen im Wohnzimmer, der Entertainer auch. Ein lieber Onkel, der da zu uns spricht. Er gibt sich familiär und artig, redet in moderatem Tonfall. Nun liebe Kinder (und Erwachsene), gebt fein acht… Was er uns kredenzt, ist indes der Beachtung wenig wert: schale Gags, selbstmitleidige Reminiszenzen an seinen größten Erfolg namens „Wetten, dass..?“ und nach wie vor das unterschwellige, gleichwohl subtile Betteln um Zuschauer.

„Gottschalk live“ heißt dieses neue ARD-Format. Es kommt nicht an, die Einschaltquoten purzeln ins gefühlte Nirvana. Vielleicht, weil sich der Moderator selbst im Weg steht. Steif wirkt er, wie ein sedierter Harald Schmidt. Gut, ihn begleitet weder eine Live-Band noch kann er sich vor Studiopublikum austoben. Zugegeben, im Verhältnis zu „Wetten, dass..?“, hat er nur eine Minute Zeit. Aber warum dann nicht in Würde aufhören, statt sich ins Korsett der kurzen Dauer zu zwingen?

An diesem Montag ist Helge Schneider zu Gast. Der sieht seltsam zivilisiert aus, richtet sich in Gottschalks behaglicher Stube brav ein. Man plaudert, und dann darf Schneider, der vorzügliche Jazzpianist, dem Flügel im Hintergrund sanfte Klänge entlocken. Währenddessen erzählt Katherine Heigl, amerikanische Schauspielerin deutsch-irischer Abstammung (bekannt durch die Krankenhaus-Serie „Grace Anatomy“), wie sie sich auf die Spuren ihres Großvaters in Esslingen gemacht hat. Dass Gottschalk dabei der Simultanübersetzerin allzuoft ins Wort fällt, ist ein ärgerlicher Schönheitsfehler.

So plätschert der Vorabend dahin. Die Lider werden schwer. War noch was? Ach ja, ein Berliner Würstchenverkäufer, der seinen Grill am Fahrradlenker befestigt hat, bringt „Würstchen für die Würstchen“ (Originalton Gottschalk, haha) ins Studio. Und ganz zu Beginn der Sendung stimmt uns eine Haribo-Reklame ein – nur froh werden wir nicht. Dirty Harry, übernehmen Sie!

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Medien | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Meilensteine der Popmusik (3): Elton John

Elton John live in Wembley 1984

Auch wenn Billy Joel ihn besang – für viele ist und bleibt Elton John der wahre „Pianoman“, Wegbereiter für Kollegen wie Gilbert O’Sullivan, Barry Manilow, Chi Coltrane, Bruce Hornsby, Joshua Kadison und andere Tastendrücker, die nach ihm Karriere machten. Viele von ihnen spielen schon lange keine Rolle mehr. Doch Elton John gehört nach all´ den Jahrzehnten noch immer zu den absoluten Superstars, ein Genie, mit dem es nur wenige aufnehmen können. Wenn es auch bei ca. 40 LPs einige Durststrecken gab, es sind immer noch reichlich Perlen darunter.

1973 zum Beispiel war Elton John besonders munter. Anfang des Jahres hatte er mit dem nachgebauten Oldie „Crocodile Rock“ seinen ersten großen Welthit, ein Song aus der LP mit dem witzigen Titel „Don’t shoot me, l’m only the piano player“. Für viele Kritiker ein eher schwaches Album, und auch für Elton John war es nicht das Gelbe vom Ei. Nach eigener Aussage ging er damals eher lustlos an die Sache. Also nichts wie die Zähne zusammengebissen und weitermachen.

Die neue LP sollte wieder in gewohnter französischer Schloss-Atmosphäre im Château D’Heronville entstehen. Doch dort ruhte der Studiobetrieb, weil es Streitereien um die Besitzrechte des Prachtanwesens gab. Der Produzent Gus Dudgeon hatte die Idee mit Jamaika. Die dortigen Studios waren gerade „in“, und versprachen vor allen Dingen Ruhe für die Produktion. So wurden Instrumente, technischer Kram und vor allen Dingen Tischfußballspiele auf die Reise geschickt. Der alte Genießer Elton John überbrückte die Distanz auf einem Luxus-Dampfer, ohne bis zum Ablegen auch nur eine einzige Note auf dem Papier zu haben. Am Ende der Reise waren dann 20 Songs fertig. Das Piano im Schiffssalon hatte gute Dienste geleistet. Bessere Dienste auf jeden Fall als das Exemplar im Inselstudio auf Jamaika, das wohl besser in ein Bierzelt gepasst hätte. Außerdem fehlten passende Mikrofone, die Bandmaschine hatte Aussetzer, die Mietwagen wurden über Nacht gestohlen, und jeden Morgen mussten sich die Musiker an Streikposten vorbeiquetschen, die offensichtlich während der Aufnahmezeit ihre Probleme lösen wollten. Man bat um Geduld. Als diese zu Ende war, glaubten die Hotel-Manager das gesamte Equipment beschlagnahmen zu müssen. Die Rechnung für die Ausrüstung war nicht – wie vertraglich zugesichert – vom einheimischen Studio bezahlt worden. Da kam die erfreuliche Nachricht, dass auf dem französischen Schloss wieder alles klar war, man könne dort das Album fertigstellen. Der Zeitplan der Firma Elton John war total durcheinander gewirbelt. Eine geplante Deutschland-Tournee musste zwischenzeitlich abgesagt werden.

Unter diesem immensen Druck entstand das Doppel-Album „Goodbye yellow brick road“. Erstaunlicherweise eines der besten von Elton John. Auch der Künstler war begeistert: “Alle meine Einflüsse sind darin enthalten; alles, was ich je geschrieben habe, klingt darin an“.

Bei der ironischen Pop-Gruppen-Verherrlichung „Benny and the jets“ war es zum Beispiel Elton Johns erster geglückter Versuch mit der Soulmusik, und die nachträglich im Studio zugemischte Liveatmosphäre störte auch nicht weiter. Oder „Candle in the wind“, eine Hymne an sein Idol Marylin Monroe, deren Bild er schon als Schüler täglich in seinem Ranzen mit sich trug.

Alles aber wurde überstrahlt vom Titelsong, der wie eine große Verbeugung vor der Musik von John Lennon und Paul McCartney klang. Dazu kamen weitere 16 Songs vom Rock, Rock’n´Roll bis zur schlichten Ballade. Popmusik in Reinkultur. Popmusik so wie Elton John sie sieht: „In 200 Jahren wird sich keiner mehr anhören, was heute geschrieben und gespielt wird. Doch ich glaube, man wird immer noch Beethoven hören. Pop-Musik ist reiner Spaß, und das ist einer der Gründe, warum ich mich selbst nicht so ernst nehme. Ich liebe Pop-Musik, sie ist mein Leben. Und ich liebe sie, weil sie Spaß macht.“ Weltweit über 30 Millionen verkaufter Alben von „Goodbye yellow brick road“ bedeuten für Elton John bis heute einen persönlichen Rekord.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Musik & Konzert, Rock & Pop | Verschlagwortet mit , , , | 2 Kommentare

Radikale Rebellin

Tische und Stühle sind von einer Staubschicht bedeckt, die vor Beginn abgefegt wird – merke: ein Klassiker wird entstaubt. Das Arrangement der kargen, mit Plastikblumen geschmückten Tische erinnert an eine Podiumsdiskussion (Bühne: Kathrine von Hellermann). Merke: Hier wird etwas verhandelt. Charlotte Zilm bringt im Dortmunder Studio Sophokles’ Antigone auf die Bühne. Sie zeigt ein Stück mit einigen Knall-Effekten – spannend, kurzweilig, bilderstark. Ein wenig auf der Strecke bleibt dabei die psychologische Feinzeichnung.

Der tote Ödipus-Sohn Polyneikes darf nach dem Willen seines Onkels Kreon nicht bestattet werden. Halbnackt und blutig liegt er auf der Bühne, und mit blutigen Händen setzt sich Kreon (Uwe Schmieder) als neuer König von Theben die Krone auf. Antigone (Uta Holst-Ziegeler) leistet als einzige Widerstand: Sie bestattet den Bruder und nimmt dafür den Tod in Kauf. Diese Antigone ist eine Rebellin voller Wut und Aggression. Als sie das Bestattungsverbot vernimmt, ballt sie die Faust und zerdrückt dabei die Flasche in ihrer Hand wie ein Blatt Papier – diese Frau steht unter Strom. Nicht einen Moment der Schwäche erleben wir bei ihr: Aufrecht und angstfrei ist ihre Haltung bis zum Schluss, unbeugsam blickt sie ihrem Onkel und ihrem Tod ins Gesicht. „Nicht zu hassen, zu lieben bin ich da“ – ihre berühmten Worte spricht sie langsam und voller Zorn, mit dem Zeigefinger gegen Kreon gerichtet. Der Monolog vor ihrem Selbstmord – Antigone schießt sich in den Kopf – ist dann auch kein Klagelied, sondern eine brüllend vorgetragene Anklage, aufrührerisch und aggressiv. Eine Gotteskriegerin, deren Haltung weniger auf eine gefestigte innere Moral denn auf militanten Fundamentalismus schließen lässt.

Kreon ist ihr machtbesoffener, leicht sadistischer Widerpart. Was ihm im Vergleich zu Antigone an Körpergröße fehlt, kompensiert er durch sein übergroßes Ego. In breitbeiniger Macho-Pose sitzt er auf dem Thron, leer sein Bier auf Ex und sucht vergeblich Männerbünde gegen „diese Weiber, die man in Fesseln legen muss“. Mit Auftritt des Sehers, der Kreon warnen will, wird des Königs Wahn offenbar. In der Dortmunder Inszenierung ist der tote Polyneikes (Sebastian Graf) der Seher: Die Leiche wird in Kreons Armen lebendig, nimmt den König auf den Arm und scheint als Über-Ich zu Kreon zu sprechen. Das Ende bleibt offen: Während bei Sophokles der Tod seines Sohnes und seiner Frau Kreon zum Umdenken bewegen, gibt es in Dortmund nach Antigone keine weiteren Toten. Am Ende steht Kreon vor einer Entscheidung.

Der Diktator mit Realitätsverlust und die radikale Rebellin – zwei gut gespielte Figuren, deren Zeichnung zwar keineswegs abwegig, jedoch etwas eindimensional ist. Ein Überraschungscoup gelingt der Inszenierung mit dem neuen, 30-köpfigen Dortmunder Sprechchor, der sich plötzlich aus den Reihen des Publikums erhebt und dem Volk eine gut einstudierte Stimme gibt (Christoph Jöde, Mirjam Schmuck). Ein Überraschungscoup gelingt der Inszenierung mit dem neuen, 30-köpfigen Dortmunder Sprechchor, der sich plötzlich aus den Reihen des Publikums erhebt und dem Volk eine gut einstudierte Stimme gibt (Christoph Jöde, Mirjam Schmuck).

Weitere Termine: 10. Februar, 22. Februar, 10. März

(Der Text erschien zuerst im Westfälischen Anzeiger, Hamm)

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Region Ruhr, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Soziale Miniaturen (12): Gewaltsamer Augenblick

Er hat einen Schnäuzer wie aus 70er-Jahre-Pornos und trägt ungemein spitze Schuhe. So spitz, dass es schon lächerlich wirkt. Ein Überbleibsel aus einer anderen Ära. Die Parodie auf einen Zuhälter von damals.

Seine ganze Aufmachung steht pfeilgerade für Aggression, für Zustechen und Aufschlitzen. Und das ist nicht parodistisch, sondern bedrohlich.

Wie solch ein Mensch wohl sein tagtägliches Leben zubringt, aufs Ende zu und durch alle Wiederholungen hindurch?

Mit den Schuhspitzen wippt er ungeduldig. Fast schon ein Trommelfeuer. An der Supermarktkasse (immer wieder ein Ort für zwischenmenschliche Studien) sitzt mit gesenktem, vor Anspannung hochrotem Kopf eine junge Frau, die hier neu angefangen hat und daher etwas langsamer scannt. Dafür hat er absolut kein Verständnis. Immer drängender werden seine Laute des Unmuts, zunächst noch gemurmelt, dann vollends vernehmlich.

Nun aber steht hinter ihm einer, der die Rolle des Couragierten annimmt und unvermittelt fragt: „Wollen S i e den Job machen?“

Der zielgenaue Satz wirkt wie ein Zündfunke. Der mit den spitzen Schuhen wendet sich abrupt um, nimmt gleich eine kampfbereite Haltung ein: „Willst Du mich hier anlabern?“

Es ist, als würde sich da ein Schwall von archaischer Kriegslust in den Raum ergießen. In jedem Augenblick droht der Erstschlag niederzugehen. Für einige Sekunden lodert Gefahr. Alle anderen schauen schon, wohin man in Deckung springen kann.

Doch sei’s ein Rest an sozialer Kontrolle im Geschäfts-Gedränge, sei’s eine andere Hemmung: Die Lunte brennt ins Leere. Nur noch eine Lichtspur der Gewalt züngelt und zischelt hernach im Raum.

Vielleicht hat später am Tag jemand für diesen Einhalt büßen müssen.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Alltag, Gesellschaft | Verschlagwortet mit | Schreib einen Kommentar

„Acht Brücken“: Köln blickt auf den musikalischen Tüftler John Cage

Claude Debussy und Maurice Ravel, Philip Glass und John Cage: Es gibt 2012 einige Jubilare zu feiern, sei es deren runder Geburts- oder Todestag. Die vier Genannten haben zumindest gemeinsam, dass sie, jeder auf seine Art, nicht weniger als eine musikalische Revolution ausgelöst haben. John Cage ist unter diesen Komponisten vielleicht der Innovativste, Experimentierfreudigste gewesen. Auf jeden Fall gilt es heuer, ihn (neu) zu entdecken. Das Kölner Festival „Acht Brücken“ lädt dazu ein (29.4.-6.5.2012). Mehr als 40 Konzerte versprechen die plastische Darstellung eines überaus facettenreichen Bildes.

John Cage wurde vor 100 Jahren in Los Angeles geboren, er starb 1992 in New York. Mehr als 250 Werke hat er geschrieben, hinzu kommen musiktheoretische Texte. Kurzzeitig studierte er in Europa (Paris) und bei Arnold Schönberg in dessen amerikanischem Exil, mithin bei einem der wichtigsten Vertreter der europäischen Avantgarde. Insofern findet sich auch Cage in einer Tradition, die bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht: (Mittel)-Europa war für Komponisten der Neuen Welt wichtigster Anknüpfungspunkt.

Einerseits setzte Cage dieser Historie ein skurriles, witziges, aufregendes, ironisches Denkmal: mit den Europeras I-V, ganz eigene Reminiszenzen an die Operngeschichte. Zum anderen aber lotete er mit seinem wohl berühmtesten Stück, 4’33’’, die Stille des musikalischen Raumes aus. Oder begab sich mit den Kompositionen für präpariertes Klavier auf neue Klangspuren, die sich teils, auf verblüffende Weise, fernöstlichen Farben annähern. Oft führte ihm der Zufall die kompositorische Hand, stellte er in „Zeitklammern“ den Interpreten frei, wann die jeweiligen Töne gespielt werden müssen.

Entsprechend weit gefächert ist das Werkangebot von „Acht Brücken“.  Die Sonatas and Interludes für präpariertes Klavier erklingen ebenso wie die Suite for Toy Piano (Spielzeugklavier) oder Cages Song Books. Gespannt sein darf man auf die bereits erwähnten Europeras, deren Nummern III bis V vorgestellt werden. Keine einzige Note stammt von Cage selbst. Vielmehr zelebriert er eine Collagetechnik, die etwa 36 Arien von Gluck bis Puccini zusammenschweißt, von sechs Sängerinnen und Sängern nach Belieben ausgewählt. Oder 140 Fragmente aus Lizstschen Opernfantasien, von zwei Pianisten in die Flügel gehämmert. Wie sagte Cage: „200 Jahre lang haben uns die Europäer ihre Opern geschickt, nun senden wir sie ihnen zurück.“

Natürlich beschäftigt sich „Acht Brücken“ nicht mit Cage allein, sondern leuchtet auch das amerikanische Umfeld aus – mit Werken etwa von Charles Ives und George Gershwin, Samuel Barber und Philip Glass. Berühmte Interpreten geben sich die Ehre: so der Bariton Thomas Hampson, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, der Schlagzeuger Martin Grubinger, das Ensemble musikFabrik oder die Münchner Philharmoniker. Begleitend zum Konzertprogramm gibt es das Förderschulprojekt „Visionen“, Vorträge, Filme und Performances.

Kurzum: Köln schaut mit europäischem Blick auf das Amerika des John Cage.

www.achtbruecken.de

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Festivals, Musik & Konzert | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Anleitung zum Alleinsein: Traude Bührmanns Kurzroman „durchatmen“

Als Soundtrack zu diesem Kurzroman könnte der im Text genannte Charles-Aznavour-Titel „Du lässt dich geh’n“ dienen. Die äußere Verwahrlosung der Protagonistin Alex korrespondiert dabei mit einer inneren Befreiung. Wobei der Auslöser der neuen Ungebundenheit keineswegs selbstgewählt ist, sondern das Resultat einer misslungenen Existenzgründung.

Einen erzwungenen Umzug in eine kleinere Wohnung nutzt die Hartz-IV-Empfängerin lustlos zu einer Inventur ihrer Sachen. „Es erleichtert sie, alles von sich abfallen zu lassen. Die Dinge da liegen zu lassen, wo sie hinfallen.“
Die Trennung von ihrer Partnerin kommt hinzu. Von den Power-Frauen ihres früheren Lebens hat sie sich verabschiedet. Sie ist es müde, Gastgeberin zu sein. „Ihre Restfreundschaften verkümmern.“ Auf ihren Wegen durch die Stadt vermeidet sie es, von Bekannten angesprochen zu werden.
Mehr und mehr lernt Alex die Vorzüge des Single-Daseins zu schätzen. Beim Kinobesuch keine Diskussion mehr, ob man vorn oder hinten, zentral oder am Rand sitzt. Und geradezu beneidenswert mag manchem Gehetzten der Luxus erscheinen, das Telefon zu kündigen, das zum bloßen Staubfänger verkommen ist.
Das Leben wird aufs Elementare zurückgefahren. „Ich sitze hier und atme“, antwortet sie einer Supermarkt-Verkäuferin, die sie in ihrer knappen Mittagspause auf einer Parkbank anspricht.
„Es fällt ihr immer schwerer, vollständige Sätze zu formulieren“; sie findet jedoch zunehmend Gefallen an Sprachspielen. Dem Kurzroman tut die leise zurückhaltende Sprache der 1942 in Essen geborenen, in Berlin lebenden Autorin, die hauptsächlich durch feministische Literatur und Bücher über verschiedene Lesben-Szenen bekannt geworden ist, gut. Die Lektüre gestaltet sich behaglich wie ein Urlaub zu Hause.

Traude Bührmann: „durchatmen“. Kurzroman. Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke. Tübingen, Oktober 2011. 96 S., Fadenheftung, Klappenbroschur (ISBN 978-3-88769-768-6). 8,00 Euro

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Franziska Becker – die Bilderbuch-Emanze

Wenn eine Künstlerin, eine Zeichnerin, einen bedeutenden Preis für ihr Lebenswerk erhält, und wenn ein nicht unbeträchtlicher Teil dieses Lebenswerkes sich mit dem Verhalten und dem Verhältnis der Geschlechter beschäftigt – dann hat man ein Problem. Einerseits will man Kunst und Künstlerin nicht auf dieses Thema reduzieren. Andererseits geht es immerhin um die Frau, die seit 1977, also seít Erscheinen der „Emma“, in jeder Ausgabe des Frauenmagazins vertreten ist. Franziska Becker, die in diesem Jahr Deutschlands einzigen Satirepreis, den „Göttinger Elch“, verliehen bekommt, verbindet man einfach mit Emma. Ist sie auch eine Emanze? Darf man „Emanze“ sagen? Und darf man fragen, ob man das sagen darf?

Der Krampf im Kopf löst sich durch körperliche Anstrengung: Franziska Becker hat für das Interview in ihre Dachgeschosswohnung in der Kölner Südstadt eingeladen. Im Hausflur der vierten Etage wird man immerhin mit einem ersten Bild der Karikaturistin belohnt, aber oben ist man deshalb noch lange nicht. Als Becker vor einigen Jahren Besuch von einem amerikanischen Journalisten hatte, der sie für seine internationale Kunst-Kolumne interviewen wollte, konnte der es gar nicht fassen: Fünf Stockwerke ohne Fahrstuhl, das gebe es in den Staaten seit seiner Geburt nicht mehr.

Franziska Becker scheint die tägliche Treppenlauferei gut zu bekommen – sie wirkt bedeutend jünger als 62. Das liegt wohl vor allem an ihren großen, dunklen, perfekt fallenden Locken, die sie häufig kunstvoll mit ihrer Hand zerstrubbelt. Sie trägt Schwarz, etwas raffiniert Geschnittenes, das irgendeine Mischung aus Kleid, Overall und Hosenanzug ist. Halt – würde man bei einem männlichen Künstler auch sehr ins Kleidungsdetail gehen? Da ist er schon wieder, der Krampf.

Lieber erst einmal mit einer unkomplizierten Frage beginnen. Findet sie es nicht frustrierend, mit Anfang 60 einen Preis fürs Lebenswerk zu bekommen – so, als sei von ihr nichts mehr zu erwarten? „Es klingt zwar so, als würde man bald abnippeln“, sagt Franziska Becker, „aber ich habe ihn lieber jetzt, als wenn ich schon tatterig bin. Und ich arbeite ja auch schon 35 Jahre, da hat man das meiste vom Arbeitsleben hinter sich.“

Tatsächlich waren die Elch-Preisträger der vergangenen Jahre – Olli Dittrich, Josef Hader, Helge Schneider – noch jünger. Bei den Entscheidungen der Jury steht, so heißt es, „nicht der Zeitgeist Pate; nicht der Massengeschmack und nicht momentaner Erfolg“, sondern „Können, Charakter und Wirkung“. Ausgezeichnet werden sollen Künstler, die Spuren hinterlassen. Dies galt in der Vergangenheit offenbar vor allem für Männer: Franziska Becker ist erst die zweite Frau, die den seit 1997 vergebenen Preis bekommt. Die erste war Marie Marcks, ebenfalls Karikaturistin.

Dass Franziska Becker Spuren hinterlassen hat, zeigt sich bereits heute. Tausende Frauen hatten oder haben ihre Bücher in den Regalen stehen, und ihre Kinder holen sie gern hervor, um sich darüber kaputtzulachen, wie es so war, früher: als der „neue Mann“ geboren wurde, der über seine Identität als Vater gleich ein „total authentisches Video“ drehte. Als die Frauen vom Heilkristall-Workshop zum Bauchtanz-Marathon fuhren. Als Gläserrücken und Schamanismus schwer in Mode waren und sich die Frauen in Frauencafés gegenseitig beharkten. In solchen Arbeiten illustriert Becker treffend die Verhältnisse, die skurril genug waren. Am stärksten ist sie aber, wenn sie in typischer Becker-Manier die Verhältnisse umkehrt. Ein simpler Kunstgriff, der ohne viel Worte, dafür umso bildgewaltiger zeigt, wie die Welt auch ganz anders sein könnte. Dann starren aufgeregt weibliche Augenpaare durch Seh-Schlitze einer Peep-Show, in der sich ein schlecht rasierter Mann mit Hundehalsband, ein Finger lasziv in den Mund gesteckt, selbst befriedigt. Dann stopfen Gänse den Käfig-Menschen mit Trichtern Brei in den Schlund, und modebewusste Zobel tragen Mäntel aus Menschenhaut, mit vielen Händchen vom Jungmensch. Und dann bedecken auch islamische Männer ihre Reize – mit einem extralangen Bart, der bis zum Gemächt reicht.

„Ich möchte für meine Arbeit und nicht als Frau honoriert werden“, sagt Becker dazu, „es gibt halt sehr wenige Karikaturistinnen, und wenige, die so lange durchhalten.“ Franziska Becker hält durch, seit 35 Jahren, ohne sich, wie sie sagt, „verbiegen zu lassen“, ohne sich verkauft zu haben. Darauf, sagt sie, sei sie schon ein bisschen stolz.
Gelegenheiten hat es durchaus gegeben – etwa eine Anfrage, ob sie nicht von der Emma zur Brigitte wechseln wollte. Doch Emma und Brigitte – das waren in den späten 70ern und frühen 80ern nicht einfach zwei Magazine für unterschiedliche Zielgruppen, das waren unvereinbare Welten. Und Becker, gerade in der einen Welt heimisch geworden, dachte nicht daran, sie wieder zu verlassen: „Ich fühle mich bis heute bei der Emma zu Hause, ich habe ja auch ein politisches Anliegen“, sagt sie. Inzwischen haben sich alle geändert: Emma, Brigitte, Franziska Becker selbst. Könnte sie sich inzwischen vorstellen, für beide Magazine zu arbeiten? Moralische Bedenken hätte sie heute keine mehr, sagt sie, aber: „Ich weiß nicht, ob die Alice das so prickelnd fände.“

Alice Schwarzer: Franziska Becker lernte sie 1975 in Heidelberg kennen. Zwei Jahre später hörte sie, dass Schwarzer für ihr neues Magazin eine Karikaturistin suchte, und bewarb sich mit einer Kugelschreiber-Zeichnung – ausgerechnet einer Parodie auf die „Vorher – Nachher“-Serie aus der Brigitte. Als Becker auf die sieben Jahre ältere Schwarzer traf, war „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ gerade erschienen; Schwarzer kam aus Paris zurück, wo sie sich mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre angefreundet hatte. Den Respekt, den Franziska Becker als Kunststudentin damals vor der Journalistin und Feministin empfand, hat sie sich bis heute bewahrt.

Die Geschichte ihrer Politisierung hat Franziska Becker schonungslos in einer ihrer Zwölf-Bilder-Geschichten nachgezeichnet. „Meine 68er in Heidelberg“ erzählt von einem etwas orientierungslosen Mädchen, das sich nach einem Semester Ägyptologie in einer „kleinmütigen Anwandlung“ doch für eine Ausbildung am Hygiene-Institut entscheidet. „So, halten Sie meine Pipette, Fräulein Becker“, sagt in der Bild-Geschichte ein unappetitlich distanzloser Ausbilder zu dem jungen Mädchen. Doch bevor sie dagegen auf die Barrikaden gehen wird, muss sie erst noch lernen, dass genau das – der Kampf um Gleichberechtigung – ihr Lebensthema ist, und nicht etwa der gegen den Monokapitalismus und das Schweinesystem, den ihr Freund und seine Kommilitonen ausfechten, während sie ihre Freundinnen Flugblätter tippen lassen. Erst, als Franziska Becker mit anderen Frauen ihr Ding machte, fühlte sich … Read the rest

Veröffentlicht unter Kunst, Lebenswege, Medien, Scherz, Satire, Ironie | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Der grüne Bademantel – über Probleme, die Dortmunder in die Oper zu locken

Es ist schon verrückt: Da kann ein grüner Bademantel über das Wohl und Wehe einer Operninszenierung entscheiden. Es mag noch so exquisit gesungen werden, das Orchester noch so beherzt aufspielen, das Stück selbst melodienselig dahinfließen: Wenn die Optik einem Großteil des Publikums nicht gefällt, gibt’s Mecker und Verweigerung. 

So geschehen in Dortmund: Vincenzo Bellinis Belcanto-Hit „Norma“, zur Premiere gut besucht, wurde in den Folgevorstellungen abgestraft – leere Ränge allenthalben. Weil Normas Outfit nicht dem Geschmack entsprach: Knallige Farben, eine Corsage, die angeblich einer Dame des liegenden Gewerbes zur Ehre gereicht hätte: zuviel für manchen Zuschauer.

Nun, der Vorgang liegt schon eine Weile zurück, doch Jens-Daniel Herzog, neuer Opernintendant in Dortmund, musste sich der Debatte erneut stellen. Er hatte zur Halbzeitbilanz seiner ersten Saison eingeladen, zu einem Publikumsgespräch über Stärken und Schwächen der bisherigen Produktionen, das der Musikjournalist Holger Noltze moderierte.

So entzündete sich eine Debatte an einem kostümbildnerischen Detail, die sich schnell Grundsätzlichem zuwandte. Wieviel darf das Theater von seinem Publikum verlangen. Sollten die Zuschauer mehr mitbringen als den Wunsch nach Unterhaltung? Wieviel Aktualität verträgt ein Stück, das sich etwa vor dem historischen Hintergrund des 18. Jahrhunderts bewegt?

Herzog, der nicht gerade zu den Regieberserkern oder Stückezertrümmerern zählt, hält gleichwohl die Freiheit der Kunst für unantastbar. Mit Freude zitierte er aus dem Mailwechsel mit einer Zuschauerin, die sich eben über die Kleidung der Norma echauffierte. Bei aller gegensätzlichen Auffassung sei es zu einem intensiven Dialog gekommen, der für das Theater ungemein wichtig sei.

Publikums Stimme forderte geradezu diesen Dialog: „Wie wollen die Absichten des Regisseurs verstehen, sie muss uns erklärt werden“, rief eine leidenschaftliche Opernbesucherin. Und Herzog wiederum gab zu: „Wir müssen dahin kommen, dass Sie die Augen öffnen, nicht vor einer vermeintlich unbequemen Ästhetik verschließen. Wenn aber die Zeichen auf der Bühne, die für eine bestimmte Interpretation stehen, nicht erkannt werden, ist das jämmerlich“.

So alt diese Diskussion eigentlich ist, so gewichtig ist die aktuelle Situation, in der die Debatte geführt wird.  Denn nach den Intendanzen von John Dew und Christine Mielitz hat Jens-Daniel Herzog ein Haus übernommen, dem viele Zuschauer längst den Rücken gekehrt hatten. Wiederaufbau ist also angesagt. „Wir brauchen gegenseitiges Vertrauen“, wies Chefdramaturg Georg Holzer einen Weg. Das Theater müsse zeigen, dass ihm ernsthafte Arbeit und Qualität am Herzen lägen. Das Publikum wiederum solle die Bereitschaft signalisieren, sich mit neuen Ideen auseinanderzusetzen.

Und so schlecht sieht es in Dortmund angeblich nicht aus. Der Abwärtstrend sei gestoppt, das Betriebsklima verbessert, so Herzog. Natürlich weiß er, dass noch ein weiter Weg vor ihm liegt, doch seine Programmlinien will er konsequent durchziehen. Also jede Saison etwa eine Wagner-, Mozart-, oder Belcanto-Oper bieten, ein Musical, eine Operette, zudem Musiktheater des 20. Jahrhunderts, das sich aus der Spätromantik ableite. „Norma“ mag nicht gelaufen sein, die „Lustige Witwe“ etwa oder „Cosi fan tutte“ aber sind gefragt.

„Eigentlich gibt es hier für jedes Genre ein eigenes Publikum. Wir müssen daraus ein Opernpublikum schaffen“, ist Georg Holzers Überzeugung. Im übrigen sehe man sich vor, in den kommenden Inszenierungen wieder soetwas wie einen „grünen Bademantel“ zu präsentieren. Derart gewichtige Symbolik klingt nach einem Alleinstellungsmerkmal – so schräg ist nur Dortmund.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Gesellschaft, Oper & Ballett, Theater | Verschlagwortet mit , , , , | 1 Kommentar

Hollywoods vergangener Charme

Einen Stummfilm über einen Stummfilm-Star zu drehen, der sich im Hollywood der ausgehenden 1920er Jahre dem Übergang zum Tonfilm verweigert, klingt in Zeiten computeranimierter Fantasy-Epen und fortschreitender 3D-Experimente fürwahr nach einem tollkühnen Unterfangen.

Der französische Regisseur Michel Hazanavicius hat genau dies im Jahr 2011 gewagt. Und Wunder über Wunder: Der 100 Minuten lange Schwarzweiß-Streifen, der fast ohne Geräusche auskommt und Sprache nur als kurze Zwischentitel einblendet, erhielt seither mehr als 30 internationale Auszeichnungen, darunter drei Golden Globe Awards, und ist bei der Oscar-Verleihung am 26. Februar in Los Angeles für weitere zehn Auszeichnungen nominiert.

Wie kann das funktionieren? Wie erklärt sich dieser Erfolg? Der Charme, den „The Artist“ beschwört – und auch selbst entwickelt – wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Der Film ist eine Verneigung vor einem Hollywood, das längst nicht mehr existiert. Natürlich ist da Nostalgie im Spiel, vielleicht auch die Sehnsucht nach Zeiten, in denen das Wort „Star“ noch eine Bedeutung hatte. Man muss aber nicht zwangsläufig zur „Früher war alles besser“-Fraktion gehören, um diesem Film etwas abzugewinnen. Wichtiger ist die Bereitschaft, sich auf ein entschleunigtes Tempo einzulassen, sich emotional von der großartigen Musik von Ludovic Bource mitnehmen zu lassen, der seine Kompositionen mit dem Royal Flanders Philharmonic Orchestra eingespielt hat, und ausgiebig in Gesichtern zu lesen.

Das fällt nicht schwer angesichts einer Riege von Darstellern, deren Charisma auch ohne Worte förmlich von der Leinwand sprüht. Jean Dujardin besitzt als Stummfilm-Star George Valentine beinahe eine Überdosis Charme: Er verbindet das Herzensbrecher-Schmunzeln von Clarke Gable mit dem strahlenden Optimismus und den Entertainer-Qualitäten eines Gene Kelly. Bérénice Bejo, Lebensgefährtin des Regisseurs, ist als Peppy Miller ein Charleston-Girl voller Pfiff und Liebreiz, das sich in eine glamouröse Diva verwandelt. Die Melodramatik, die sich aus dem Abstieg des Mannes und dem Aufstieg der Frau entwickelt, wird glücklicherweise ironisch durch den kleinen Jack-Russell-Terrier Uggy aufgebrochen, einen der talentiertesten Filmhunde Hollywoods.

Was „The Artist“ durch den Verzicht auf Worte gewinnt, zeigt sich in einer Schlüsselszene. In ihr steht der heruntergekommene Stummfilm-Star vor einem Schaufenster und betrachtet einen eleganten Frack, wie er ihn einst selbst zu tragen pflegte. Ein Polizist tritt hinzu, beäugt den einst berühmten Mann im nunmehr schäbigen Anzug misstrauisch. Was er sagt, bleibt unseren Ohren verborgen. Aber die Kamera zeigt spöttisch verzogene Lippen, eine furchterregend gefletschte Reihe blendend weißer Zähne und das gequälte Gesicht des Hauptdarstellers, der schließlich vor diesem brutalen Gesicht und dem unablässig plappernden Mund flieht. Wie verletzend direkt, ja unerbittlich grausam Worte sein können, wird in dieser Szene überdeutlich. „The Artist“ feiert nicht nur das alte Hollywood, sondern auch die Liebenswürdigkeit eines Genres, das mit dem Tonfilm für immer verschwand.

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Kino | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Flache Kost aus der Burger-Bude

Vor 250 Jahren verfasste der Vielschreiber Carlo Goldoni seine Komödie „Streit in Chiozza“, in der der venezianische Theater-Neuerer Kabale und Liebe in einem Fischerdorf zelebriert. In Bochum zeigt nun Nuran David Calis das Stück in seiner eigenen Neubearbeitung: „Zoff in Chioggia“. Der 35-Jährige arbeitet dabei wie häufig auch mit jungen Laien zusammen. Auch Tänzerinnen und Tänzer des Herner Tanztheaters Pottporus/Renegade sind eingebunden.

Was sieht Calis, der als Experte für die Befindlichkeiten der Jugend gilt, in diesem für heutige Verhältnisse konventionellen Lustspiel? Die Antwort wird im Laufe des zweieinhalbstündigen Abends recht schnell deutlich: Er sieht eine Gesellschaft im Aufbruch, eine Jugend, die sich entscheiden muss: abhauen, bleiben und zugrunde gehen – oder bleiben und es besser machen. Wer dabei nicht freiwillig an den arabischen Frühling denkt, dem hilft das Bühnenbild (Irina Schicketanz) später am Abend nach: „Tunis“ und „Kairo“ sind als Parolen an die Wand geschmiert. Doch der Reihe nach.

Nuran David Calis’ Version spielt in einer kurz vor der Pleite stehenden Burger-Bude am Hafen von Chioggia. Besitzer Isodoro (Jürgen Hartmann) nimmt einen letzten Anlauf: Werbefilme im Internet und Social Media-Präsenz sollen dem Laden neue Gäste bescheren, außerdem hält er eine Brandrede vor seinen Angestellten: Binnen zwei Tagen sollen sie neue Ideen präsentieren, sonst gehe man zusammen unter. Allerdings ist die Belegschaft hoffnungslos zerstritten: Für Lucietta (Constanze Wächter) ist Chioggia ein Sumpf, aus dem sie nichts wie weg will, für ihren Freund Titta Nane (Krunoslav Šebrek) ist es der „Schoß, der dich auffängt“. Beppo (Matthias Eberle) will Checca (Barbara Hirt) heiraten, doch die hört ihn nicht einmal an.

Die Generation der Eltern ist nicht besser: Die zänkische Pasqa (Bettina Engelhard) streitet abwechselnd mit ihrem Mann Toni (Werner Strenger) und seiner Geliebten (Veronika Nickl), hat aber zugleich eine Affäre mit Isidoro. Der neue Barrista (Ismail Deniz), sorgt für weitere Eifersüchteleien. Nahezu jede Zusammenkunft führt in jeder Konstellation unweigerlich zur Eskalation, bis schließlich das Mobiliar des Bistros und die Beziehungen ein Trümmerhaufen sind – aus dem im Dämmerlicht des nächsten Tages Neues erwachsen kann. Und zwar, indem der zerstrittene Haufen die Kraft der Gemeinsamkeit erkennt. Merke: Wer Rücken an Rücken steht, der kann nicht fallen. Gemeinsam beseitigt man das Chaos, zieht neuen Teamgeist aus einem Rap-Song, und siehe da: Das virale Marketing hat gewirkt, die Gäste stehen vor der Tür.

Das klingt allzu platt? Das ist es auch, und zwar auf beinah jeder Ebene. Die Texte bestehen aus sträflich vielen Gemeinplätzen („Liebe ist doch nicht nur ein Wort!“) und sind häufig, nach Art der Vorlage, ans Publikum adressierte Monologe am Bühnenrand. Sie verbalisieren, was gespielt werden könnte. Die Kostüme zeigen Typen-Klischees (die Rocker-Lady in Leder, die blondierte Bauchfrei-Tussi, der bärtige Philosoph, der rassige Italiener). Und die Moral von der Geschicht’ besteht tatsächlich aus nicht viel mehr als „Zusammen sind wir stark“. Zurück bleibt das Gefühl, lange 180 Minuten einem mit großem Aufwand produzierten Nichts zugeschaut zu haben.

Schöne Momente bieten die Szenen, in denen das Ensemble wie von unsichtbarer Hand choreographiert agiert – in solchen Momenten blitzen schon von Anfang an die Möglichkeiten der Gemeinschaft auf. Die Atmosphäre des bevorstehenden Aus- und Zusammenbruchs transportieren trefflich die Renegade-Tänzer, die sich zwischen einzelnen Szenen wie Schatten in einer Zwischenwelt winden, auszubrechen versuchen, aber seltsam gefesselt scheinen.

Termine: 2., 10., 16. Februar 2012

image_pdfPDFimage_printDrucken
Read the rest
Veröffentlicht unter Region Ruhr, Theater | Verschlagwortet mit , , , , , | 1 Kommentar