Ein Nachtwächter mit Rübenkraut in der Mütze

Manche Traditionen sehen wir heute nur noch als romantische Folklore, obwohl sie ursprünglich einen sehr praktischen und wichtigen Grund hatten. Dazu gehören auch die Nachtwächter – ein Begriff, der heute gelegentlich nur noch als Schimpfwort benutzt wird.

„Die Aufgabe des Nachtwächters war es, nachts durch die Straßen und Gassen der Stadt zu gehen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Er warnte die schlafenden Bürger vor Feuern, Feinden und Dieben. Er überwachte das ordnungsgemäße Verschließen der Haustüren und Stadttore, und häufig gehörte es auch zu den Aufgaben des Nachtwächters, die Stunden anzusagen.“ So beschreibt Wikipedia die historische Aufgabe.

Tourismusexperten haben seit Jahren den Werbeeffekt eines Nachtwächters entdeckt. Führungen mit entsprechend verkleideten Personen sollen Besucher der jeweiligen Stadt amüsieren. In Bad Bentheim zum Beispiel übernimmt eine Frau diese Rolle, und es gibt kaum eine Stadt zwischen Rothenburg und Rheine, die nicht eine Nachtwächter-Führung aufzubieten hätte.

Eine ganz andere Geschichte und Funktion hat der Nachtwächter in Ennepetal. Jeweils zur Kirmes im Juni wird ein in Fragen der Heimat verdienter Bürger als „Ehrennachtwächter“ ausgewählt, der dann mit Hellebarde, Laterne und Horn ausgestattet und im Blaukittel der Ambossschmiede gekleidet an der Spitze des Kirmeszuges durch die Stadt gefahren wird.

Diese Tradition geht auf einen ganz bestimmten Nachtwächter zurück, der von 1886 bis 1906 im heutigen Stadtteil Voerde seinen Dienst versah und der als besonders lustiges Original in Erinnerung blieb. Willi Koch, so hieß der trinkfreudige Mann, bekam später sogar ein bronzenes Denkmal gesetzt. Weil er einmal eine mit Rübenkraut gefüllte Mütze auf den Kopf gesetzt bekam, gibt es heute noch zur „Voerder Kirmes“ und bei den Treffen der ehemaligen Ehrennachtwächter jeweils den Schlachtruf „Kruut Voerde“ zu hören.

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Über Hans Hermann Pöpsel

Historiker und Germanist. Pensionierter Redakteur
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