Die Macht der Kriegsfotografie – Susan Sontags neues Buch „Das Leiden anderer betrachten“

Von Bernd Berke

Morgen bekommt Susan Sontag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In ihrem aktuellen Buch widmet sich die amerikanische Essayistin der zwiespältigen Schaulust angesichts fremden Leids.

Das Thema lässt sie nicht los: Schon 1977 hat es Susan Sontag in ihrem Buch „Über Fotografie“ aufgegriffen. Damals war die Kriegsfotografie nur ein Bereich unter vielen. Jetzt richtet die hellsichtige Essayistin, die an diesem Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenpreis des Deutschen Buchhandels bekommt, ihren medienkritisehen Blick ganz auf die bildlich erfassten Greuel.

„Das Leiden anderer betrachten“ heißt der Band. Schon im Titel schwingt Unbehagen mit, das wahrlich angebracht ist: In aller Regel sind wir räumlich so fern von den schrecklichen Geschehnissen, dass es fast obszön anmutet, Fotografien fremden Leidens anzuschauen.

Rütteln Fotos auf oder stumpfen sie ab?

Andererseits, so Susan Sontag, muss immer wieder auf Kriege und Völkermorde aufmerksam gemacht werden, damit man nicht vergisst und sich vielleicht sogar engagiert. Denkt man noch eine Windung weiter, erhebt sich freilich die Frage, ob solche Bilder tatsächlich nur aufrütteln oder ob sie nicht irgendwann durch Fülle und Allgegenwart abstumpfen. Kaum zu leugnen sei doch diese sehr zwiespältige Schau-Lust, die seit jeher den nackten und den geschundenen menschlichen Körper betrifft.

Selbst neueste Fotografien beziehen sich oft auf christliche Traditionsmuster. Die Vergegenwärtigung menschlichen Leides geht letztlich zurück auf religiöse Bildnisse: Christus am Kreuz, die Qualen der Märtyrer.

In früheren Jahrhunderten, so legt Susan Sontag dar, diente die (zeichnerische und malerische) Darstellung des Krieges der Heldenverehrung. Im Krimkrieg und anderswo waren dann Fotografen im staatlichen Auftrag unterwegs und hatten beruhigende Botschaften zu liefern. Von Leiden keine Spur. Neuerdings musste man im Irak-Krieg erleben, wie versucht wurde, den Strom der Bilder wieder stärker zu lenken.

Bilder im kollektiven Gedächtnis

Etwa seit der Zeit, als Francisco Goya (im 17. Jahrhundert) das organisierte Morden in seiner berühmten Bilderserie „Die Schrecken des Krieges“ denkbar drastisch und fratzenhaft zeigte, gibt es jedoch den nie mehr ganz zu unterdrückenden Impuls der Mahnung und Anklage, der sich später auch auf die Fotografie übertrug. Seither haben sich viele Bilder ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, so etwa Robert Capas fallender Soldat aus dem Spanischen Bürgerkrieg der 1930er Jahre, so auch der Kopfschuss aus nächster Nähe oder die entblößten, schreiend vor dem Napalm-Inferno flüchtenden Kinder im Vietnamkrieg.

Susan Sontag kommt zu°dem Schluss, dass solche fürchterlich prägnanten Einzelaufnahmen nachdrücklicher wirken als Femsehbilder. Ihr Buch gibt die Fotografien nicht wieder, wohl weil die Autorin annimmt, sie seien präsent genug. Auch will sie etwaige Schaulust nicht bedienen, sondern ihre Bedingungen erkunden.

Gegen die Simulations-These von Jean Baudrillard

Anhand zahlreicher Beispiele macht sie klar, dass selbst gänzlich objektiv wirkende Dokumentarfotografie noch Elemente der Inszenierung enthält – und sei es nur durch den subjektiven Blickwinkel des Fotografen. Manche berühmte Kriegsfotografie entstand erst nach den Kämpfen und war gestellt, was ihren inneren Wahrheitsgehalt nicht unbedingt mindert. Technische Tricks oder auch Bildunterschriften könnten ein Foto manipulieren. Naive Betrachtung verbietet sich also.

Gänzlich verwirft Susan Sontag jedoch die Thesen des französischen Philosophen Jean Baudrillard, der letztlich alle Ereignisse und deren Abbildung als bloße Simulation auffasst. Einfacher Grund: Jene, die leiden, leiden schmerzhaft wirklich.

Eine würdige Friedenspreisträgerin

Simple Antworten gibt es auf diesem Felde nicht. Susan Sontag führt uns denn auch durch ein Labyrinth der Widersprüche. Gelegentlich muss auch sie eine gewisse Ratlosigkeit eingestehen. Doch man merkt in jeder Zeile, dass sie eine würdige Friedenspreisträgerin ist, so umsichtig und verantwortungsvoll geht sie zu Werke. Nicht jede ihrer Ideen ist neu oder originell, doch in der Summe ergibt sich eine Gedanken-Bewegung, die einen in jeder Hinsicht mitnimmt.

Susan Sontag: „Das Leiden anderer betrachten“. Hanser-Verlag, 151 Seiten, 15,90Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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