Im Sandkasten beginnt das Lebensdrama – Gerhard Henschels „Kindheitsroman“

Schon bald erfasst einen bei Lektüre ein gewisser Unmut. Seite um Seite werden kleine und kleinste Begebenheiten beschworen, etwa solche Erlebnisse bei einer Bahnfahrt: „Für uns hatte Mama Schnitten mit Jagdwurst und Käse eingepackt und zwei Flaschen Sprudel. Den kriegten wir in unseren Kababechern zugeteilt. Wiebkes Becher war rot… Als ich aufs Klo mußte, brachte Mama mich hin, aber das Klo war besetzt. Im nächsten Waggon war noch eins.“

Warum soll uns dieser Kleinkram interessieren? Weil sich mit zunehmender Lesedauer ein Sog entwickelt, dem man nur schwer entrinnen kann. Dies wiederum liegt daran, dass wir alle jene Dinge erlebt haben, die hier äußerst detailfreudig in quasi anekdotischen Häppchen ausgestreut werden.

Heißer Atem des unmittelbaren „Jetzt“

Der „Kindheitsroman“ von Gerhard Henschel (Babyboomer-Jahrgang 1962; zeitweise Satiriker bei „Titanic“) versammelt Hunderte, ja Tausende von Bruchstückchen aus dessen eigener Frühzeit zwischen 1964 und 1975. Da war Henschel zwischen zwei und dreizehn Jahre alt und wuchs in Koblenz auf.

Der Weg führt vom Brabbeln bis zur Pubertät, vom herzigen Sandkasten-Drama bis zum onanistischen Gekritzel ins Schulheft. Einige Phänomene (Plattenhits, TV-Sendungen, Fußball-ldole) sind zwar zeitgebunden, doch es strömt ein Fluidum, das wohl jeglicher Kindheit eigen ist – weit übers Individuelle hinaus. Also taucht man doch tief ein in diese scheinbar läppischen Einzelheiten. Und man fragt sich, warum noch kein Autor diese Jedermann-Idee mit jener (fast penetranten) Konsequenz umgesetzt hat.

Das gesamte Inventar des Alltags

Nach und nach wird das gesamte Inventar eines Kinderalltags aufgerufen; mit allen möglichen Streichen, Verfehlungen, fiebrigen Peinlichkeiten, naiven Sprüchen, doch auch mit ersten Liebesregungen, unbändiger Daseinsfreude und wacher Neugier. Zwischen Krabbelgruppe, Spielplatz, Schulhof und Kinderzimmer weht der heiße Atem des unmittelbaren, ach so vergänglichen „Jetzt“. Wohl jeder Leser dürfte spezielle Klangnuancen aus dem „Sound“ des Familienlebens wiedererkennen.

In all dem verbirgt sich auch Zeitgeschichte. Allein die langen Listen über Geschenke, die der Ich-Erzähler, sein Bruder und seine beiden Schwestern zu Weihnachten oder zu Geburtstagen erhalten haben, zeugen von materiellen und lebensweltlichen Entwicklungen des ganzen Landes; teils schmerzlich kommt die spielerische Einübung der Geschlechterrollen hinzu.

Eltern und Lehrer als Karikaturen

Henschel, dessen Familienroman „Die Liebenden“ viele Kritiker entzückt hat, gibt sich erneut lebensnah und bodenständig. Gänzlich verzichtet er auf eine Reflexion aus Erwachsenensicht. Statt dessen arbeitet er sich, just aus der jeweiligen Kinderperspektive, gleichsam Tag für Tag vor. Jede Altersstufe hat ihr eigenes Recht, ihre eigenen Stunden der wahren Empfindung.

Dafür zahlt Henschel einen Preis: Vor allem die Großen, aber auch kindliche Freunde und Feinde aus der Nachbarschaft erscheinen klischiert. Doch selbst darin steckt innere Wahrheit. Die „Mama“ löst beim Fernsehen jede knifflige Quizfrage, ihre Kinder aber nervt sie mit vorgestanzten Ermahnungs-Sätzen. Erst recht tapern die Lehrer als Karikaturen einher, so wie man sie als Kind eben wahrnimmt.

Staunenswert, dass da jemand noch so genau über seine Kindheit Bescheid weiß und derart viel Sammelfleiß investiert. Henschel muss ein präzises Gedächtnis haben; einiges hat er sich vielleicht nachträglich erzählen lassen, auch konnte er auf zeitig geführte Tagebücher zurückgreifen. Ein kundiger „Reiseführer“ jedenfalls, mit dem der Leser in Gefilde der eigenen Kindheit gelangen kann.

Gerhard Henschel: „Kindheitsroman“. Hoffmann und Campe. 494 Seiten, 22,90 Euro (ab heute im Buchhandel).

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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