Die Kannibalen wollen doch nur spielen – Paolo Magelli inszeniert Nestroys „Häuptling Abendwind“ als Insel-Karneval

Von Bernd Berke

Mülheim. Dschungel-Drama ganz anders: Österreichs Theater-Urviech Johann Nepomuk Nestroy (1801-1862) verlegte seine Burleske „Häuptling Abendwind“ in exotische Gefilde, damit er europäische Gebräuche umso trefflicher zerrspiegeln konnte. Ja, jegliche nationale Staatlichkeit gerät hier ins Fadenkreuz des Witzes. Fast schon ein anarchistischer Ansatz.

Paolo Magelli (Regie) und Gralf-Edzard Habben (Bühnenbild) haben die grelle Rarität fürs Mülheimer Theater an der Ruhr in Szene gesetzt. Ein abgezirkeltes Halbrund markiert den Bühnenausschnitt, der wie eine gläserne Schneekugel wirkt. Darin leuchten Südsee-Farben: Alles so schön bunt hier! Es herrscht allerliebste, spielzeughafte Künstlichkeit. Am Schluss werden Bühnenarbeiter kommen und dies alles auf offener Szene abbauen: Es war nur ein Spiel, nun ist es aus.

Wenn zwei Herren jeweils des anderen Gattin verspeist haben

Die abstruse Geschichte stellt alle abendländische Konferenz-Diplomatie parodistisch auf den Kopf: Häuptling Abendwind (Rupert J. Seidl) erwartet den „Staats“-Besuch des Nachbar-Häuptlings mit Namen „Biberhahn, der Heftige“ (Volker Roos). Wie sich herausstellt, haben die in knappen Schurz-Kostümen stolzierenden und meist dröhnenden, doch zuweilen auch geziert parlierenden Herren jeweils heimlich des anderen Gattin verspeist. Als Witwer also sehen die kannibalischen Fürsten sich nun wieder. Ihr Beratungsthema: die verhasste Entdeckung ihrer Inselwelt durch Europäer. Gegen solche „Globalisierung“ wollen sie sich wappnen.

Weil das Jagdglück bei der Tierhatz nicht hold war, will Abendwind seinem Gast halt einen menschlichen Fremdling und Friseur namens Arthur (Albert Bork) servieren, der als Schiffbrüchiger auf der einsamen Insel gestrandet ist. Des Herrschers Leibkoch Ho-Gu (Klaus Herzog) wetzt schon die Messer. Doch mit diesem Arthur, der sich flugs in Abendwinds 16jähriges Töchterlein Atala (Nicola Thomas) verguckt, hat’s eine besondere Bewandtnis..

Mit ein paar wienerischen Tonfällen beginnt das Spektakel. Doch derlei Anklänge verlieren sich. Es werden etliche hinterlistige Dialekt-Anspielungen ausgelassen (die in unseren Breiten zum Großteil erklärungsbedürftig wären). Doch vor allem wird Nestroy einiges von seiner funkelnden Bosheit genommen.

Dünne Decke der Zivilisation vorsichtig lupfen

Hie und da lupft man die dünne Decke der Zivilisation, doch nur ganz vorsichtig. Magelli erspart uns eine blutige Menschenfresser-Orgie. Diese leichthändige Inszenierung will gar nicht mehr sein als Farce, Burleske, Inselwitz, Karneval, Slapstick und Geierabend. Solche Gefilde werden allemal recht stilsicher angesteuert. Sich begnügen bringt auch Vergnügen.

Mit Schmäh und gezieltem Über-Dreh grantelt man die Couplets und Lieder des Jacques Offenbach, die hier innig zum Stück gehören. Herrlich schräg und fast falsch tönt’s – genau so ist es richtig. Manchmal klingt es beinahe schon nach Brecht/Weill, doch auch Mozart hallt noch nach. Zwischendurch dringt mancher bedrohliche Urklang wie aus unvordenklicher „Traumzeit“ der Aborigines hinein. Ein weißer Bär (Simone Thoma), Sinnbild des Irrationalen, tapst durch die Szenerie, bis er ein für allemal verschwunden ist. Hier ist kein Platz mehr für kultisch verehrte Wesen.

Gespielt wird mit Lust am absurden Detail. Man tollt und kobolzt zwischen Plastikpalmen. Jeweils ein Schauspieler genügt, um die beiden Völker der Herrscher erzkomisch darzustellen (Fabio Menendez, Steffen Reuber). Und jener „Hulla-Hulla“-Kriegsgesang der Papatutuaner, eine Art Nationalhymne der wilden Staatsgäste, hört sich glatt nach „Humba, Humba, Täterää“ an. Kamelle!

Termine: 25., 27. März, 22., 30. Art April. Karten: 0208/5 99 01 88.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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