Im rhythmischen Urgrund der Poesie – Der Dichter Peter Rühmkorf wurde vor 70 Jahren in Dortmund geboren

Von Bernd Berke

Nein, diesen Mann können wir beim besten Willen nicht für „uns“ reklamieren: Der Dichter Peter Rühmkorf, der am kommenden Montag (25. Oktober) 70 Jahre alt wird, wurde zwar 1929 in Dortmund geboren, ist aber in Niedersachsen aufgewachsen. Und nun lebt er schon seit Jahrzehnten in Hamburg.

Kein westfälischer Autor also. Aber dafür der vielleicht sprachmächtigste und differenzierteste Lyriker, den die Deutschen haben. Bücher wie „Haltbar bis Ende 1999″ (erschienen 1979), „Außer der Liebe nichts“ (1986), „Einmalig wie wir alle“ (1989) oder der soeben herausgekommene Band „wenn – aber dann“ sollten eigentlich zur literarischen Grundausstattung gehören.

Aber halt! Gar so einfach ist es nicht. Zwar klingt sein Tonfall oft flapsig, witzig oder kalauernd. Doch etwas Lese-Erfahrung ist schon recht nützlich, wenn man sich seinen Texten nähert. Dann kann man ihre Kunstfertigkeit doppelt genießen. Denn sehr intensiv hat sich Rühmkorf mit den Traditionen der Gattung auseinandergesetzt – angefangen von frühen Wurzeln in den „Merseburger Zaubersprüchen“ und bei Walther von der Vogelweide, weiter über Klopstock und Hölderlin, bis hin zu Heinrich Heine, zum Expressionismus und Gottfried Benn. Wie unter den Gegenwartspoeten sonst nur noch Robert Gernhardt, treibt Rühmkorf ein äußerst virtuoses Spiel mit Versmaßen und Reimformen, die durch Kitsch und Werbung diskreditiert zu sein schienen.

Toilettensprüche als eine Quelle der Poesie

Doch Rühmkorf kennt keine Berührungsängste. Im Gegenteil, er nutzt vielfach Kinderreime, Abzählverse, Reklame-Slogans, ordinäre Toilettensprüche und dergleichen als unerschöpfliches Reservoir der „Anklänge“. In „Über das Volksvermögen“ (1967) hat er solche Quellen erschlossen und gezeigt, welches Widerstands-Potenzial in derlei Texten steckt. Und man sieht ihm gebannt zu wie einem Hochseilartisten der Sprache, wenn es ihm immer wieder gelingt, alltägliche Anstöße mit feinstens ziselierten Gedanken und genau ertasteten Regungen zu verschmelzen. Im rhythmischen Urgrund der Poesie werden das Höchste und das Niederste eins.

In den 50ern war er Lektor bei Rowohlt, wo seither die meisten seiner Bücher erschienen sind. Als überzeugter Linker schrieb er für jenes Studentenmagazin, das zur Zeitschrift „Konkret“ mutierte. Rühmkorf hat manche politische Enttäuschung verwinden müssen – nachzulesen in „Die Jahre, die ihr kennt“ (1972) und im bewegenden Tagebuchband „Tabu“ (1995), spürbar auch in solchen Zeilen: „Bei meinen Feinden zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen.“.

Ähnlich wie der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, sieht auch Rühmkorf (der 1993 den Büchnerpreis erhielt) keinen sonderlichen Segen auf der deutschen Einheit ruhen: „D-Land: das mißlungene Verbrüderungswerk, die wahre Spaltung, die sich erst nach der Einheit zur Kenntlichkeit entwickelt hat“…

Das lyrische Ich fühlt sich „halb von Leuten überrannt und halb alleine“, so heißt es im neuen Gedichtband. Aus einer schmerzlich empfundenen aber lustvoll gehaltenen Außenseiter-Position heraus dichtet er funkenschlagend fort. Kaum zu überhören ist Alters-Melancholie, sind Entsetzen aber auch höhere Heiterkeit angesichts der verflossenen Lebensjahre: „…alte Männer merken sich“ / junge Mädchen / Jahr um Jahr ein Stück verstärkt, / leider bleiben selber unbemerkt“.

 

Peter Rühmkorf kommt am Dienstag, 16. November (19.30 Uhr), zu einer Lesung ins Dortmunder Harenberg City Center. Infos: 0231/9056-166.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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