Der schwerelose Tanz der Phantome – Peatc Voßmann in neuen Räumen des Dortmunder Kunstvereins

Von Bernd Berke

Dortmund. Kaum zu glauben, aber wahr: Der Dortmunder Kunstverein präsentiert erstmals einen Dortmunder Künstler. Und Peatc (sprich „Pätz“) Voßmann, Jahrgang 1949, hat sogleich das Vergnügen mit den neuen Räumen des Vereins.

Die Adressen klingen stets blaublütig: Bisher an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße ansässig, residiert der Kunstverein nun in der Kaiserstraße, allerdings wohl nur bis zum nächsten Frühjahr. Dann will man – ungleich zentraler – dauerhaft am Königswall Quartier beziehen, im „Löwenhof“.

Schade, daß mail die jetzigen Räume nicht dorthin mitnehmen kann. Peatc Voßmann jedenfalls fand sie geradezu ideal für seine Boden-Installationen, beispielsweise für „Der schwarze Block“ (1993), der sich aus genau 444 kleinen Teilen zusammenfügt. Die meisten sind schwarz angemalte, kaum mehr als solche erkennbare Zigarettenschachteln.

Die stumme Parade der verfremdeten Päckchen wird in Zeitabständen gesteuerten Zufalls von einer Neonröhre beleuchtet, das Flackern spiegelt sich in Cellophan-Hüllen. In gemessener Entfernung thronen fünf Figuren und besehen sich das Schauspiel. Die Arbeit scheint auf der Grenzlinie zweier Gesten zu balancieren: einsammeln und verstreuen, ordnen und sich über die entstandene Ordnung ein wenig mokieren.

Peatc Voßmann, sympathisch genug, nimmt seine Objekte und Bilder selbst nicht gar so bierernst. Nach einer Schlachthof-Besichtigung im Münsterland entstand das vierteilige Bild „Im Jahr des Schweins“. Man sieht die Tiere in diversen Schattenrissen, beinahe lustig umstellt von bedrohlichen Gerätschaften. Dazwischen kleben kleine Tapetenstücke biederster Machart. Ob Gewalt etwas mit Biederkeit zu tun haben könne? Das wäre vielleicht eine Frage.

Völlig losgelöst und schwerelos wirken jene schemenhaften Figuren aus Voßmanns neuer Serie „Flyers & Dancers“. In unbestimmbaren, mit Sprühkleber eigentümlich verwischten Farbräumen scheinen diese Phantome wirklich zu fliegen und zu tanzen. Ein Gefühl der Freiheit, aber auch der Unsicherheit stellt sich ein. Es könnte ja sein, daß dem Flug der Sturz ins Ort- und Bodenlose folgt. Oder aber anders herum: daß diese Wesen zuerst zu fallen drohen und sich dann in die Lüfte erheben.

„Erlebnisraum Kunst“ heißt die Reihe, in der Voßmann vorgestellt wird. Und man erlebt hier auch etwas. Nichts Spektakuläres. Aber man bekommt diese freundlichen kleinen Stupser zu produktiver Gedankenzerstreuung. Auf daß man sich dann wieder sammle.

Kunstverein Dortmund, Kaiserstraße 129/131 (Ecke Franziskanerstr.). Tel. 0231/57 87 36). 28. August bis 25. Oktober, Di-Fr 15-18, So 11-16 Uhr.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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