In Paris die neue Leichtigkeit des Seins erfahren – Richard Fords beachtliche Novelle „Abendländer“

Von Bernd Berke

Ein Amerikaner in Paris: Charley Matthews aus Ohio hat gerade seinen Erstlingsroman „Das Dilemma“ herausgebracht und will nun seinen französischen Verleger besuchen. Doch der hat über Weihnachten plötzlich keine Zeit mehr für den Gast und das fällige Besichtigungsprogramm.

Nun müssen Charley und seine Begleiterin Helen selbst sehen, wie sie in der Metropole zurechtkommen. Mit dieser gelinden Ernüchterung beginnt „Abendländer“, das neue Buch des US-Autors Richard Ford, der zumal durch seinen grandiosen Roman „Der Sportreporter“ bei uns bekannt wurde.

Krise in der Lebensmitte: Fords trauriger Held Charley hat eine gescheiterte Ehe hinter sich. Ob er seine jetzige Gefährtin Helen liebt oder sie eben nur gern hat und mit ihr schläft, ist zunehmend fraglich. Auch so ein Dilemma.

Charley spricht lediglich ein paar Brocken Französisch und fühlt sich deshalb in Paris noch mehr auf sich selbst zurückgeworfen, zumal sich die von Historie allseits übersättigten Franzosen, wie Charley findet, so ganz anders bewegen und anders reden als US-Bürger. Abendland ist nicht gleich Abendland. Mißtrauische Seitenblicke auf vorlaute amerikanische (und deutsche) Touristen bestärken ihn in diesem Gefühl.

Zugleich fällt ein Schatten der Vergänglichkeit auf die Tage in Paris: Da Helens Krebskrankheit wieder auszubrechen scheint und sie schon tagsüber erschöpft im Hotel schläft, läßt sich Charley allein durch die Stadt treiben wie durch einen Ozean.

Schon bald genießt er es, die fremde Sprache nicht zu verstehen, denn es entlastet ihn von der sonstigen Bedeutungsschwere der Worte und verfeinert das Gespür anderweitig. Der ehemalige Dozent will die Chance ergreifen, vom trockenen Buchwissen zu ungeahnter Lebendigkeit zu finden.

Fühlt er sich zunächst unbehaglich, wie an einem seelischen Nullpunkt, so freut er sich bald darauf, in der Millionenstadt nur ganz am Rande vorzukommen und alle Eindrücke möglichst pur auf sich wirken zu lassen. Bloß keine Festlegung. Mal sehen, was mit einem geschieht, wenn man niemanden kennt und „unsichtbar“ ist. Neue Leichtigkeit des Seins.

Da ist einer (längst nicht mehr touristisch) unterwegs; unterwegs zum eigenen Leben. Scheinbare Belanglosigkeiten gewinnen nun plastische Bedeutung. Selbst ein Spielzeugkauf für seine schmerzlich vermißte Tochter wird zum Akt der Selbstfindung.

Richard Fords angenehm unaufdringlich instrumentierte Erzählung läßt Seite für Seite spüren, was es heißen kann, sich auf eine neue Lebensphase einzulassen. Ende offen – wie im wirklichen Dasein.

Richard Ford: „Abendländer“. Novelle. Berlin Verlag. 154 Seiten. 29,80 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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