Betrübt vom Lauf der Welt – Lübcke-Museum in Hamm zeigt Karl Hofers Bilder aus der Sammlung Deyhle

Von Bernd Berke

Hamm. In der Mitte des Bildes steht der Künstler, ganz auf sich allein gestellt, die Hände zum Selbstschutz erhoben, aber eigentlich hilflos. Denn ringsum drohen maskenhafte Fratzen. „Selbstbildnis mit Dämonen“ hat Karl Hofer (18781955) diese Arbeit genannt. Und wahrlich: Er hat zeitlebens dämonische Erfahrungen machen müssen.

Die vielfältige Hofer-Werkauswahl, die jetzt in Hamm zu sehen ist, stammt aus der Sammlung des jüngst in Finanzprobleme geschlitterten Musical-Magnaten Rolf Deyhle, dem freilich das Land Baden-Württemberg just mit einer sicher hilfreichen Kreditbürgschaft zu Diensten war.

Zurück zum weniger lukrativen Leben des Künstlers Karl Hofer: Unglücklich verlief schon seine Kindheit. Kaum war er auf der Welt, starb sein Vater. Die Mutter verarmte und mußte als Haushaltshilfe ihr Dasein fristen. Bald konnte sie sich um den Sohn nicht mehr kümmern, und er kam ins Waisenhaus.

Auch nach dem Krieg ein Außenseiter

Zwar konnte er als junger Mann mit Hilfe von Mäzenen Kunst studieren, ja, er etablierte sich bis Ende der 20er Jahre als Meister der „Neuen Sachlichkeit“ und honoriger Akademie-Professor. Doch dann griffen die Nazis nach der Macht. Die Bilder Hofers, der schon 1931 vor dem heraufziehenden Unwesen gewarnt hatte, wurden als „entartet“ verfemt. 1936 malte er einen Hungernden, der verzweifelt an einem mageren Knochen nagt. Ein krasses Armuts-Zeugnis – und somit im „Dritten Reich“ mehr als mißliebig.

Nach dem Krieg, als nahezu alle Kunstwelt der Abstraktion frönte, geriet Hofer erneut in eine heftig befehdete Außenseiterposition, denn vom realistischen Abbild des Menschen und der Dinge hat er sich nie verabschiedet.

Kein Wunder, daß man vorwiegend freudlose Bilder zu sehen bekommt. Auch wenn Hofer Liebespaare oder Gruppen darstellt, wirken die Menschen seltsam vereinzelt. Nie schauen sie einander an, die Blicke irren betrübt ins Leere.

Von 1907 bis 1954 reicht die Auswahl der 66 Werke. Schon das früheste Ölbild, ein nackter „David mit der Schleuder“, kündet von Entfremdung: David steht nicht wirklich in der Landschaft, sondern davor wie ausgestanzt, von der Natur abgestemmt. Später sind die Figuren oft von knittrigen Höhlen-Formationen umgeben, aber nicht wohlig umhüllt, sondern ins schmerzliche Alleinsein gestellt.

Bildnis zweier sanftmütiger Schwestern

Für Hofers Verhältnisse ungewohnt idyllisch und delikat gemalt sind manche Landschaftbilder aus dem Tessin, doch eines läßt aufmerken: Da hat Hofer einen Bauzaun vors schöne Panorama plazierte. Die heile Welt ist abgeriegelt. Fast schon eine Vorform ökologischen Unbehagens.

In vielerlei Stilrichtungen hat sich Hofer umgetan. Die Bildnisse badender Mädchen lassen Einflüsse von Paul Cezanne ahnen, die Stilleben der 20er Jahre sind gewiß nicht ohne Kenntnis des Kubismus entstanden. Behutsame Auflösung plastischer Körper in Farbflächen war freilich schon das Höchste an Abstraktion.

Die oft resignierende, gelegentlich auch depressive Grundstimmung verdichtet sich – mit gutem Grund – in den Bildern aus der Trümmerzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein brennender Hampelmann schreit vor Schmerzen. Kein Kinderspiel. Ein gebrochener Mensch geht durch eine zerstörte Stadt, ein anderer kriecht vollends am Boden.

Doch es gibt auch ergreifende Momente der Zärtlichkeit in dieser Ausstellung: Zwei Schwestern, sanftmütig sinnend, so zart wie von Botticelli hingehaucht. Gleichfalls in ihre Innenwelt versunken ist die junge Frau, die sich „Nach dem Bad“ (Titel, 1934) abtrocknet – ganz so, als suche sie nach einem tröstlichen Gefühl.

Karl Hofer. Gustav Lübcke-Museum, Hamm, Neue Bahnhofstraße 9. Tel.: 02381 / 17 57 01. Bis 28. Juni. Di-So 10-18, Mi 10-20 Uhr. Eintritt 7 DM. Katalog 25 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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