Blut und Feuer malen – Werkschau in Wuppertal zeigt die Obsessionen des Rudolf Schlichter

Von Bernd Berke

Wuppertal. Ginge es nur nach dem Themenspektrum, dann hätte der Mann sofort bei einem knallharten Privatsender anfangen können: Allerlei Totschlag und Lustmorde hat er gemalt oder gezeichnet, erhängte Frauen, Transvestiten, Lesben und immer wieder Huren.

Doch die simple Freudenhaus-Szene genügte ihm nicht immer, manchmal mußte es schon ein spektakulärer „Überfall auf ein Bordell“ sein. Auch ein Bildtitel wie „Zusammenkunft von Fetischisten und manischen Flagellanten“ deutet auf grellen Effekt.

Der im württembergischen Calw geborene Maler Rudolf Schlichter (1890-1955), der jetzt mit einer umfassenden Werkschau in Wuppertal präsentiert wird, hat er eine ziemlich rigorose katholische Erziehung „genossen“. Besonderen Ausgleich suchte er schon als Kind in drastisch illustrierten Karl-May-Bänden und – auf Heiligenbildchen.

Begegnung auf dem sexuellen Markt

Indianergemetzel und qualvolles Märtyrertum faszinierten also schon den Knaben. Am liebsten male er „Blut und Feuer“, hat der auch schriftstellerisch höchst produktive Künstler später einmal bekannt. Tatsächlich: Jene Figuren, die die wüsten Geschehnisse auf seinen Bildern überleben, können von Glück reden. Dabei war Schlichter im politischen Sinne Pazifist. Anders als zahllose andere Künstler, hat er sich (durch Hungerstreik) dem Einsatz im Ersten Weltkrieg entzogen.

„Angebot und Nachfrage“ heißt – ganz illusionslos – ein Bild, das einen Freier und eine Dirne auf dem sexuellen Markt der 20er Jahre zeigt. Ein Fall von „Neuer Sachlichkeit“. Dieser Kunstrichtung wurde Schlichter damals zugezählt. In Berlin schloß er Bekanntschaft mit Bert Brecht und anderen linken Intellektuellen. Viele von ihnen hat er porträtiert, meist mit spürbarer Sympathie. Schöner Kontrast; In Wuppertal hängt das Bildnis Brechts (proletarischer Schmalhans mit schwarzer Lederjacke) gleich neben dem des barock-bildfüllenden Schriftstellers Oskar Maria Graf.

In Schlichters Milieu-Studien sind Männer allerdings oft nur nachlässig behandeltes Beiwerk oder klägliche Opfer. Die große Liebe seines Lebens war „Speedy“. Bevor er die erhängten Frauen darstellte, hat er mit seiner Gespielin bizarre, im Katalog fotografisch dokumentierte „Strangulations-Experimente“ veranstaltet. Ein andermal hat er sie als Domina gemalt, die einem lustvoll zitternden Kerlchen den Stiefel ins Genick setzt. Überhaupt hat er Schnürstiefelchen gemocht und sie als erotischen Fetisch immer wieder in seinen Frauenbildern verwendet. Noch so ein armes Mannsbild: Der (gar nicht so) „Schöne Josef“ steht nackt zwischen drei Damen, die feixend Maß zu nehmen scheinen.

Anpassung oder listige Provokation?

Übrigens war es besagte „Speedy“, die Schlichter vom linken Wege abbrachte und zum Katholizismus zurückführte. Um den Lebensunterhalt zu sichern, ging die fromme Frau freilich auch gelegentlich der Prostitution nach – getreu dem Brechtschen Spruch: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.

In den 30er Jahren, so hat es zumindest den oberflächlichen Anschein, näherte sich auch Schlichter der mal verlogen heroischen, mal gnadenlos kitschigen NS-Ästhetik. Den Schriftsteller Ernst Jünger zeigte er 1937 als ehernen Halbakt in felsig zerklüfteter Landschaft. Und wiederum war es die ausnehmend hübsche „Speedy“, die ihm für das Großbild „An die Schönheit“ (1935) Modell saß, nein lag. Hingegossen auf einen Blütenteppich rekelt sie sich sie da – fast wie von einer Leni Riefenstahl oder einem Arno Breker heraufbeschworen. Doch gerade das hielten die NS-Herrscher, denen Schlichter als „entartet“ galt, für eine besonders hinterhältige Provokation. Vielleicht war’s ja auch eine. Schlichter jedenfalls wurde 1938 gar verhaftet…

Nach dem Krieg fiel er gleichsam aus der Zeit. Er verschrieb sich einer an mittelalterlichen Meistern geschulten Feinmalerei und bekämpfte die damals marktbeherrschende Abstraktion. Ein Lebensabend in Verbitterung.

Von der Heydt-Museum, Wuppertal (Elberfeld, Turmhof 8). Bis 1. März 1998. Di-So 10-17, Do 10-21 Uhr. Katalog 49 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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